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18.03.2026
- → Kapital & Arbeit
Steuerparadies wird Kriegsschauplatz
Getrübtes Geschäftsmodell: Promis und Influencer in Golfstaaten mit Realität konfrontiert
Die arabischen Golfstaaten ziehen internationale Prominenz an wie Motten das Licht: Will Smith, der Prinz aus Bel-Air, wohnt genauso in Dubai wie der indische Bollywood-Star Shah Rukh Khan. Sängerin Madonna besitzt dort eine Residenz. Auch der englische Ex-Fußballer David Beckham nennt eine Immobilie sein eigen. Diese illustre Liste lässt sich beliebig verlängern. Wer das nötige Kleingeld hat, wählt die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) als Wohnsitz, der den Überreichen einen erheblichen Vorteil bietet: Das Land erhebt keine Einkommenssteuer. »Bewohner haben Zugang zu opulenten Villen und Apartments, oft mit Privatstränden und atemberaubenden Aussichten«, preist die Immobilienagentur Canaletto Sky Real Estate auf ihrer Internetseite die VAE als exklusives Domizil.
Wer Lust hat, kann im Trump International Golf Club des US-Präsidenten den Schläger schwingen. Trumps Golfklub liegt inmitten der DAMAC Hills, einer Wohnanlage aus mehreren hundert Villen und Reihenhäusern. Der Präsident und der Besitzer von DAMAC Properties, Hussain Sadschwani, sind dicke Kumpels, das Vermögen des Letzteren wird auf über zehn Milliarden Euro geschätzt. Sadschwani gehört zur schiitischen Minderheit in den VAE – ein durchaus interessanter Nebenaspekt im Krieg mit dem schiitischen Regime im Iran.
Bislang zogen Promis auch wegen der vermeintlich herrschenden Sicherheit nach Dubai, das als eine der am wenigsten kriminalitätsbelasteten Städte der Welt angepriesen wird. Die Stars leben in sogenannten Gated Communities, das heißt in von hohen Zäunen und Mauern umgebenen Wohnanlagen, die rund um die Uhr bewacht sind. »Dubai bietet diesen Stars ein komfortables und privates Leben abseits der Paparazzi«, so Canaletto Sky.
Mit der Sicherheit ist es erst einmal vorbei, seitdem der Iran die Golfstaaten mit Drohnen und Raketen angreift. »Aufgrund der aktuellen Lage besteht die Gefahr von Raketenangriffen. Begeben Sie sich umgehend in das nächstgelegene sichere Gebäude und halten Sie sich von Fenstern, Türen und offenen Bereichen fern. Warten Sie auf weitere Anweisungen«, teilte das Innenministerium der VAE zuletzt am Dienstag mit.
Alles halb so schlimm, behaupten in den sozialen Medien die sogenannten Influencerinnen und Influencer, die seit einigen Jahren ebenfalls zahlreich in den Golfstaaten Quartier bezogen haben. »Sie sollen diesen Teil der Welt als sicher, schön, wohlhabend und definitiv eine Reise wert darstellen«, erklärte Mark Deuze, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Amsterdam, vergangene Woche im niederländischen öffentlich-rechtlichen Radio 1 Journal. Die VAE würden beispielsweise »goldene Visa« für Influencer ausstellen, mit denen die ersten zehn Jahre in Dubai steuerfrei sind.
Dafür verlangen die VAE natürlich eine Gegenleistung: Die Influencer sollen das Land in den sozialen Medien als unvergleichlichen touristischen Hotspot anpreisen. Als Ort, den du besucht haben musst. Die Regeln sind streng. Die Influencer dürfen keine Inhalte veröffentlichen, die den Staat oder die Herrscherfamilie diskreditieren. Sie dürfen auch nicht gegen die geltenden gesellschaftlichen, islamischen Werte verstoßen. »Es ist keine direkte Zensur«, weiß Deuze. »Es funktioniert viel subtiler, zum Beispiel kann das Visum entzogen werden, wenn man keine positiven Inhalte veröffentlicht.« Also unterwerfen sich die allermeisten Influencer der vorauseilenden Selbstzensur, um ihr schönes Leben als Made im Speck nicht zu gefährden.
Kim Virginia Grey, die sich vom TV-Sternchen in deutschen Realityshows nach Dubai gearbeitet hat, ist eine von denen, die sich ihrem Gastland besonders anbiedern. Ihre Videos hätten momentan »einen gewissen parodistischen Charakter«, urteilt Medienprofessor Deuze ironisch. Kim Virginia lebt offenbar wirklich in den VAE, andere Influencer nutzen die Emirate aber wohl nur als Briefkastenadresse, um in Deutschland keine Steuern zahlen zu müssen.
Dass sich Immobilienmakler wie Canaletto Sky das bislang bestens florierende Geschäftsmodell nicht durch den Iran verderben lassen wollen, liegt ohnehin auf der Hand. »Hier herrscht kein Chaos und keine Panik, es ist einfach ein ganz normaler Samstag«, zitierte die öffentlich-rechtliche niederländische NOS kürzlich den früheren Profibasketballer Martins Abele, der heute Kundinnen und Kunden in Dubai mit Immobilien ködert.
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