Der 13. Tag
Von Knut Mellenthin
Der Aufstand im Iran, der mehr in westlichen Medien als auf den Straßen und Plätzen des Landes stattfand, scheint zusammengebrochen. Seit vier Tagen wurden keine Demonstrationen mehr gemeldet. Die Einsatzkräfte der Islamischen Republik gaben Massenverhaftungen bekannt von »Terroristen«, »Unruhestiftern« und Angehörigen von »Terrorzellen« der Monarchisten und der unter verschiedenen Namen agierenden »Volksmudschaheddin«. Es sind Zahlen aus einzelnen Provinzen, keine Summen. Am Dienstag wurden iranische »Offizielle« zitiert, dass ungefähr 3.000 Menschen, »die mit Terrorgruppen in Verbindung standen«, »während der jüngsten Unruhen« verhaftet worden seien, aber auch diese Zahl kann vermutlich nicht als abschließend betrachtet werden.
In westlichen Medien war, ausgehend von der Nachrichtenagentur Reuters, unter Berufung auf einen anonymen iranischen »Offiziellen« am Montag zu lesen, dass 5.000 Menschen, darunter 500 Sicherheitskräfte, während der »Unruhen« getötet worden seien. Die US-amerikanische »Human Rights Activists News Agency« meldete am Sonntag, sie habe den Tod von mindestens 3.919 Menschen »verifizieren« können.
Aus Sicht der iranischen Führung und seiner Sicherheitsbehörden wurde das Kräftemessen in den fünf Tagen zwischen dem 8. und dem 12. Januar entschieden. Am 8. und 9. waren nicht nur noch mehr Menschen auf den Straßen als zuvor, sondern die Demonstrationen, die bis dahin als »friedlich« und »gerechtfertigt« bezeichnet worden waren, wurden nach offizieller Darstellung »von Unruhestiftern und Terroristen gekapert«. Es gab zahlreiche Tote auf seiten der Einsatzkräfte. Gleichzeitig steigerten US-Präsident Donald Trump und der iranische »Kronprinz« Reza Pahlevi, der sich als personifizierte Aufstandsleitung gebärdete, ihre anfeuernden Appelle. In der iranischen Staatsführung setzten sich Politiker durch, die schon vorher für ein härteres Vorgehen plädiert hatten. Parallel dazu setzte »das Establishment« ein bewährtes Mittel für derartige Konfrontationen ein, indem es am 12. Januar eine Gegenmobilisierung organisierte, an der sich Hunderttausende, wenn nicht sogar Millionen beteiligten.
Außenminister Abbas Araghtschi erklärte später in einem Interview mit Al-Dschasira, die Gewalttaten während der Proteste seien »der 13. Tag« der Angriffe gewesen, die Israel und die USA im Juni gegen Iran geführt hatten und die als »Zwölftagekrieg« bezeichnet werden. »Was der Feind in jenem Krieg nicht schaffte, wollte er jetzt auf andere Weise erreichen, indem er Spannungen in der iranischen Gesellschaft schürte.«
Aus der Luft gegriffen ist diese Darstellung nicht: Im Juli 2025, wenige Tage nach Einstellung der Luftangriffe, berichteten israelische Medien über eine Analyse des Institute for National Security Studies (INSS). Dieser unveröffentlichten Studie zufolge sei die »Operation Rising Lion«, wie der Krieg auch genannt wurde, als »Vorbereitung für einen Aufstand im Inland« konzipiert gewesen. Israel habe der iranischen Bevölkerung beweisen wollen, dass die Revolutionsgarden nicht mehr in der Lage seien, ihre eigenen Kommandeure zu schützen. Im selben Kontext hatte sich Benjamin Netanjahu am 18. Juni mit einem Aufruf zum Aufstand an die Iraner gewandt: »Das Regime war noch nie so schwach. Dies ist Ihre Chance, sich zu erheben und Ihrer Stimme Gehör zu verschaffen«. Auch der »Kronprinz« sah offenbar seine Stunde gekommen. »Das ist unser Berliner-Mauer-Moment«, verkündete er am 23. Juni während einer Pressekonferenz. »Das Regime ist geschlagen, es taumelt am Rande des Zusammenbruchs und darf nicht weitermachen. Die Zeit ist gekommen, dieses Elend zu beenden und ein neues Zeitalter für Iran zu beginnen.«
Nach dem Ende der Proteste im Iran setzt Reza Pahlavi auf militärische Gewalt von außen. Dem US-Sender Fox News sagte er am Montag: »Es könnte ein amerikanischer Schlag sein. Es könnte ein israelischer Schlag sein. Es könnte was auch immer sein. Das iranische Volk wartet darauf, dass die Kavallerie kommt, weil wir das Fort nur bis zu einem bestimmten Punkt verteidigen können.«
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Leserbrief von Doris Prato (21. Januar 2026 um 11:38 Uhr)Nach einem Bericht des italienischen kommunistischen Magazin „Contropiano“ vom 17. Januar enthüllten die US-Journalisten Max Blumenthal und Wyalt Reed, dass von den USA finanzierte NGOs die Gewaltwelle in Iran weiter anheizen. Jüngst von iranischen Staatsmedien, aber auch von regierungsfeindlichen Kräften veröffentlichte Videos zeigen öffentliche Lynchmorde an unbewaffneten Sicherheitskräften, Brandstiftungen an Moscheen, Brandanschläge auf städtische Gebäude, Märkte und Feuerwachen sowie bewaffnete Gruppen, die mitten in iranischen Städten das Feuer eröffnen. Im Gegensatz dazu konzentrierten sich westliche Medien fast ausschließlich auf die der iranischen Regierung zugeschriebene Gewalt. Dabei stützten sie sich größtenteils auf Opferzahlen, die von iranischen Diaspora-Gruppen erhoben wurden, welche vom National Endowment for Democracy (NED), der US-Regierungsbehörde für Regimewechsel, finanziert werden und deren Vorstände mit überzeugten Neokonservativen besetzt sind. Der israelische Geheimdienst Mossad veröffentlichte über seinen offiziellen persischsprachigen Twitter-Account eine Nachricht, in der er die Iraner aufforderte, ihre Aktivitäten zum Regimewechsel zu intensivieren, und ihnen seine Unterstützung vor Ort zusicherte. „Geht gemeinsam auf die Straße. Die Zeit ist gekommen“, befahl der Mossad den Iranern. „Wir sind an eurer Seite. Nicht nur aus der Ferne und mit Worten. Wir sind vor Ort an eurer Seite.“ Die Proteste im Iran begannen Anfang Januar 2026, als Händler gegen die durch westliche Sanktionen ausgelöste steigende Inflation auf die Straße gingen. Die iranische Regierung reagierte mit Verständnis für die Basarproteste und stellte den Demonstranten Polizeischutz zur Verfügung. Allerdings lösten sich diese Demonstrationen schnell auf, da eine unstrukturierte Masse regierungsfeindlicher Elemente die Gelegenheit nutzte, einen gewaltsamen Aufstand zu entfesseln, angefeuert von Regierungen von Israel bis zu den Vereinigten Staaten und von dem selbsternannten „Kronprinzen“ Reza Pahlavi, der Beamte und staatliche Medien als „legitime Ziele“ bezeichnete. Angeführt wird u. a. wie am 9. Januar in der Stadt Maschhad regierungsfeindliche Kräfte Feuerwachen in Brand setzten, Feuerwehrleute lebendig verbrannten, Busse anzündeten, städtische Angestellte angriffen, U-Bahn-Stationen verwüsteten und nach Angaben der örtlichen Stadtverwaltung einen Schaden von mehr als 18 Millionen Dollar verursachten. In Kermanshah, wo regierungsfeindliche Randalierer die dreijährige Melina Asadi erschossen, wurden Gruppen von Militanten gefilmt, wie sie mit automatischen Waffen auf Polizisten feuerten. In Städten von Hamadan bis Lorestan filmten Randalierer, wie sie unbewaffnete Sicherheitskräfte, die versuchten, ihren Gewaltausbruch zu stoppen, zu Tode prügelten.
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