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»Friedensgutachten«

Sorge um Deutschlands Ansehen

Das »Friedensgutachten« von vier Forschungseinrichtungen liest sich wie ein Programm für einen BRD-Imperialismus »mit menschlichem Antlitz«

Foto: UPI Photo/IMAGO
»Der staatliche Warlord, der Gewalt einsetzt und androht, um Macht- und Profitinteressen durchzusetzen«: US-Soldat auf dem irakischen Erdölfeld Rumaila, einem der größten der Welt (2.4.2003)

Vier deutsche Institute – in einer entsprechenden Mitteilung als »führend« auf dem Gebiet der Friedens- und Konfliktforschung bezeichnet – haben am Montag ihr jährliches gemeinsames »Friedensgutachten« vorgestellt. Die vier Organisationen sind das Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC), das Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung (PRIF), das Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) und das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH). Sie alle hängen am Tropf des Staates, eine tiefgehende Kritik westlicher und insbesondere deutscher Politik war nicht zu erwarten. Das vorgelegte Gutachten erschöpft sich konsequenterweise in einer Auflistung von Handlungsempfehlungen an die Bundesregierung und den politischen Betrieb in der BRD im Allgemeinen. Im Ergebnis lesen sich die Punkte wie ein Programm für einen deutschen Imperialismus »mit menschlichem Antlitz«.

Schon der Titel »Die neuen Warlords« zeigt das ganze Elend der bürgerlichen Sozialwissenschaft, die aufgrund ihres fehlenden Verständnisses für Klassen, Klassenkampf und Imperialismus nicht in der Lage ist, die herrschenden Verhältnisse zu begreifen. Zunächst wird eingangs konstatiert: »Die Weltordnung zerfällt.« Eine kritische Auseinandersetzung mit der Frage, was für eine »Ordnung« das ist, bleibt aus. Statt dessen wird festgestellt: »Der Krieg ist wieder auf der Tagesordnung der internationalen Politik« – als sei er jemals fort gewesen. Die Autoren des »Gutachtens« glauben, das Erscheinen eines neuen »Gewaltakteurs« ausgemacht zu haben: »Der staatliche Warlord, der Gewalt einsetzt und androht, um Macht- und Profitinteressen durchzusetzen« – als sei das nach 130 Jahren Imperialismus noch etwas Neues. Diese angeblich neuen Warlords – »maßgeblich Autokratien oder Staaten im demokratischen Niedergang« – nutzten die »Schwäche existierender Regeln und Institutionen« aus. Sie müssten »gestoppt« werden, um den »endgültigen Zerfall der Weltordnung« aufzuhalten.

Hier kommt die BRD ins Spiel. Diese wird von den »Konfliktforschern« offenbar nicht zu den imperialistischen Großmächten gezählt. Statt dessen empfehlen sie der deutschen Regierung, gemeinsam mit EU und Großbritannien »neue Allianzen« anzustoßen, um sich einem »neuen Kriegsfürstentum« der Groß- und Mittelmächte entgegenzustellen. Als mögliche »Partner« werden Indien, Brasilien, Südafrika, Kanada und Australien genannt.

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Sorge bereitet den staatlich alimentierten Wissenschaftlern dabei das Ansehen der BRD in der Welt, um das es nicht allzu gut bestellt ist, wie etwa die jüngste Blamage bei der Bewerbung um einen nichtständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat deutlich gemacht hat. Die Bundesregierung solle sich daher um eine Stärkung der Vereinten Nationen bemühen – insbesondere in den Bereichen »Prävention, Mediation und Friedenssicherung sowie von Institutionen der Rüstungskontrolle« –, die »humanitären Koordinationsstrukturen« der UNO unterstützen und die UN-Generalversammlung gegenüber dem Sicherheitsrat stärken. Auch müssten die Völkerrechtsbrüche der USA und Israels »beim Namen« genannt werden, denn: »Deutschland verspielt seine Glaubwürdigkeit, wenn es Völkerrechtsbrüche nur selektiv anprangert und durch ausweichende Formulierungen Verstöße von Verbündeten wie den USA und Israel toleriert«. Dass die BRD ein Verbündeter dieser Aggressoren ist, wird nicht in Frage gestellt.

Mit Blick auf den NATO-Stellvertreterkrieg gegen Russland fordern die »Friedensforscher« von der deutschen Regierung, »jeglicher Anerkennung von Gebietsgewinnen in der Ukraine, die durch Gewalt oder Gewaltandrohung erlangt wurden«, entgegenzuwirken. Die Volksabstimmungen auf der Krim und im Donbass über den Anschluss an Russland werden als bloße »Scheinreferenden« weggewischt, sogar von einer »russischen Aggression« im Jahre 2014 ist die Rede. Wie so der Krieg in der Ukraine beendet werden soll, geht aus dem »Friedensgutachten« nicht hervor.

Die »gewaltsamen Gebietsgewinne« Russlands werden gleichgesetzt mit israelischen »Landnahmen« in Palästina, die von der BRD ebenfalls abgelehnt werden müssten. Allerdings meinen die Autoren damit lediglich die zionistischen Kolonisten im Westjordanland und die Pläne der israelischen Regierung zur Besiedlung Gazas, nicht das rassistische Apartheidsystem als solches. In diesem Zusammenhang muss auch der Ruf nach einer Anerkennung eines palästinensischen Staates betrachtet werden. Auch hier geht es – wie bei der Forderung, antimuslimischen Rassismus zu bekämpfen – offensichtlich vor allem darum, vom deutschen Ansehen in der Welt zu retten, was noch zu retten ist.

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Erschienen in der Ausgabe vom 09.06.2026, Seite 4, Inland

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→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in Ulf G. aus H. 9. Juni 2026 um 17:09 Uhr
    Es ist zwar schon mal ein Fortschritt, dass amerikanische und israelische Aggressionen auch tatsächlich als Aggressionen bezeichnet werden sollen. Gleichwohl bleibt das vorgebliche Friedensgutachten im Märchenmodus hängen, wenn es von einer »russischen Aggression« im Jahr 2014 redet. Die initialen Plünderungen von Polizei- oder Militärkasernen zwecks Widerstand gegen die Kiewer Putschisten waren autogen ostukrainisch. Sodann wurden freilich von Kiewer Seite russische zivile Hilfslieferungen in den Donbass zu russischen Militärinvasionen umgelogen. Einen Schnappschuss aus diesem Umlügeprozess lieferte damals das Handelsblatt (https://web.archive.org/web/20141202195549/https://www.handelsblatt.com/politik/international/ukraine-erneut-militaerkonvoi-aus-russland-eingedrungen/11054554.html), wo der im Artikeltext erwähnte Hilfsgüter-Konvoi für den Donbass aus Russland in der Überschrift zu einem Militärkonvoi aus Russland wird, und zwar unter Bezugnahme auf den m.W. bislang unbewiesenen Vorwurf aus Kiew, dass Moskau seine humanitären Lieferungen in den Donbass nutze, um die Rebellen dort mit Waffen und Munition zu versorgen. Ich hatte mir seinerzeit ein Video über so einen Hilfskonvoi angesehen, die weißen LKW wirkten durchaus wie umgespritzte Militärwagen, freilich war die Wegstrecke aber auch dermaßen schlecht, dass Allradantrieb sinnvoll schien. Insbesondere war auch der vielen Schlaglöcher wegen ein Überladen der LKW vollkommen undenkbar. Da auch vergleichsweise kg-reiches Trinkwasser geliefert werden musste, war somit klar, dass nicht jeder LKW bis ganz oben unter die Decke mit Gütern gefüllt werden konnte. Das wiederum war für die Westukraine ein Grund zu spekulieren, dass im freien LKW-Laderaum russische Soldaten mitgefahren seien. Beweise für diesen Vorwurf kenne ich wie gesagt nicht. Als erwiesen kann m.W. nur gelten, dass russische Nationalisten wie Igor Strelkow auf eigene Faust in den Krieg zogen, wie heutzutage etwa Kolumbianer auf Kiewer Seite dabei sind.
  • Onlineabonnent*in Christoph H. aus W. 9. Juni 2026 um 11:58 Uhr
    Schluss mit den Doppelstandards beim Völkerrecht, Anerkennung eines palästinensischen Staates, Bekämpfung des antimuslimischen Rassismus, (eindeutige) Ablehnung des Kolonialismus im Westjordanland – das wäre doch schon mal was. Ginge jedenfalls über das hinaus, was man momentan vom zentristischen Konsens erwarten kann. Dass eine materialistische Analyse zu grundsätzlicheren (und auch anderen) Schlussfolgerungen führen würde, versteht sich von selbst. Aber zu einer materialistischen Analyse gehört eben auch, dass die Forderungen des Tages zur realen Lage passen müssen. Blödsinnige Phrasen wie »der Krieg ist wieder auf der Tagesordnung der internationalen Politik« wären allerdings tatsächlich schon für jede studentische Hausarbeit peinlich. »Führende« Konfliktforscher sollten da vor Scham im Boden versinken.
  • Mitter Albert aus Gmunden 8. Juni 2026 um 22:13 Uhr
    Was sind das für Friedensforscher, die den gewaltsamen Sturz der demokratisch gewählten Regierung der Ukraine durch gewalttätige rechtsextremistische ukrainische Nationalisten, Verehrer der ukrainischen Kollaborateure mit Nazideutschland ebenso verschweigen, wie die damit errichtete faschistoide Diktatur, in der alle linken und Parteien des russischen Bevölkerungsdrittels der Ukraine verboten sind. Auch den Unterdrückungskrieg, den das Regime gegen die gegen den Putsch aufständische Bevölkerung im Donbass führte, mit 14.000 Toten, ignoriert, überhaupt den Widerstand gegen das Putschregime vor allem im Osten und Süden der Ukraine, wo überwiegend ethnische Russen leben, Kiews Terror dagegen. Dafür die Volksabstimmungen zuerst auf der Krim und dann im Donbass ohne jeden Beweis im übelsten Propagandadeutsch als Scheinreferenden diffamieren, während sie die Scheinwahlen in der Ukraine unter dem Putschregime, bei der nur rechte, rechtsextreme und offen faschistische Parteien teilnehmen können, offensichtlich »anerkennen«. Diese akademischen Friedens- und Konfliktforscher ignorieren auch, dass auf der Krim schon 1991, beim Zerfall der Sowjetunion, in einer lokal organisierten Volksabstimmung über 90 Prozent für den Anschluss an den russischen Nachfolgestaat der Sowjetunion stimmten. Diese Herren haben die westliche Propaganda so verinnerlicht, dass sie scheinbar nicht begreifen können, dass Russen lieber zu Russland gehören als zu der Ukraine unter der Herrschaft russenfeindlicher ukrainischer Nationalisten, von denen sie nur Diskriminierung, Unterdrückung und Terror zu erwarten haben. Diese sogenannten Konfliktforscher stellen die imperialistischen Interessen der BRD und der EU über die demokratischen und Menschenrechte der russischen Bevölkerung in der Ukraine. Ganz so wie die Regierungen und Medien dieses Imperialismus. Sie möchten die Menschen ganz gegen ihren Willen unter die extrem nationalistische ukrainische Herrschaft zwingen. Das kann keinen Frieden bringen.
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