Vor Auslandseinsatz
Von Jörg Kronauer
Abgezeichnet hat es sich schon eine Weile; am Freitag nachmittag wollte Bundeskanzler Friedrich Merz es nun auch offiziell bestätigen: Die Bundeswehr soll womöglich schon sehr bald in den nächsten Auslandseinsatz geschickt werden – in die Straße von Hormus. Frankreich und Großbritannien bereiten einen Einsatz dort schon seit mehr als einem Monat vor. Auf einem Gipfeltreffen in Paris wollten sie am Freitag Grundzüge festklopfen. Die Bundesregierung hat sich nach anfänglichem Zögern zu einer Beteiligung entschlossen; konkret steht wohl vor allem eine Entsendung von Minenjagdbooten bevor. Beginnen werde der Einsatz freilich erst, wenn ein verlässlicher Waffenstillstand erzielt worden sei, hieß es von Anfang an aus Paris, und dem stimmen auch London und Berlin ausdrücklich zu. In einen heißen Krieg mit Iran verwickelt werden will in Europa zur Zeit niemand.
Wozu dann der Einsatz? Nun, die Motive liegen auf mehreren Ebenen. Die offizielle lautet: Irgendwer muss die Straße von Hormus von den Minen befreien, die Iran dort mutmaßlich – genau weiß es niemand – gelegt hat. Zudem werden sich Reeder und Schiffsversicherer leichter tun, die Handelsfahrten durch die Meerenge zu normalisieren, wenn jemand sie demonstrativ schützt. Das ist allerdings nicht alles. Strategen erklären, die Kontrolle über die Straße von Hormus entscheide über Sieg und Niederlage im Krieg. Iran will sie sich mit einem Mautsystem sichern. Die USA haben sie sich aktuell mit ihrer Seeblockade unter den Nagel gerissen. Gelingt es aber den Staaten Europas, sich als vermeintlich neutrale Mittler zu inszenieren und sich mit ihren Seestreitkräften in der Straße von Hormus festzusetzen, dann könnten sie, wenn man so will, den Krieg gewinnen, ohne ihn geführt zu haben: Was will man mehr?
Und auch das ist nicht alles. Die Einsatzpläne werden mit mehreren Staaten der Arabischen Halbinsel abgestimmt. Bei diesen staut sich zunehmend Unmut über ihre Schutzmacht USA an, die völlig unberechenbar geworden ist, sie zum Nebenschauplatz eines Krieges gemacht hat, den sie nicht wollten, und ihnen damit Schäden in dreistelliger Milliardenhöhe eingebrockt hat. Das stecken auch die reichen Golfstaaten nicht einfach so weg. Die Idee, es könne sich lohnen, in Zukunft nicht mehr einseitig auf die USA angewiesen zu sein und sich entsprechend um, sagen wir, ergänzende Schutzmächte zu bemühen, ist Wasser auf die Mühlen all derjenigen in Europa, die in Mittelost gerne größeren Einfluss hätten. Dazu zählt neben Paris und London ganz sicher auch Berlin.
Und noch eines: Die europäischen NATO-Staaten arbeiten verstärkt daran, auch ohne die USA einsatzfähig zu werden. Ein Marineeinsatz am Persischen Golf wäre, wenn die USA – wie Frankreich es verlangt – sich nicht daran beteiligen, ein erster Praxistestlauf dafür. Es gibt also zahlreiche Gründe für die Herrschenden in Berlin, den Einsatz zu befürworten. Für alle anderen gibt es genauso viele Gründe, ihn entschlossen zu bekämpfen.
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