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Aus: Ausgabe vom 04.04.2026, Seite 15 / Geschichte
Zweiter Weltkrieg

Angriff auf das »Hinterland«

Vor 85 Jahren marschierten die faschistischen Achsenmächte Deutschland und Italien in das Königreich Jugoslawien ein
Von Roland Zschächner
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Vorbereitung für den Angriff auf die Sowjetunion: Italienische Soldaten beim Einmarsch in Jugoslawien (unbekannter Ort, 15.4.1941)

Es war eine Katastrophe mit Vorlauf und kam doch überraschend: Nazideutschland und seine Verbündeten attackierten am 6. April das Königreich Jugoslawien ohne Kriegserklärung. Dabei hatten sie leichtes Spiel. Das Land war nicht vorbereitet, innenpolitisch geschwächt und stand außenpolitisch ohne echte Unterstützung da. Innerhalb von elf Tagen war die königliche Armee ebenso zerschlagen wie der dazugehörige Staat. Über die Beute machten sich die deutschen, italienischen und ungarischen Faschisten her, auch Bulgarien und Rumänien bekamen Teile ab.

Jahrzehnte später, im zweiten, nun sozialistischen Jugoslawien, wurde der Beginn des Kriegs filmisch verarbeitet. »Wer singt denn da?« heißt der 1980 erschienene Streifen von Slobodan Šijan. Es ist ein Klassiker, den so gut wie alle aus der Region kennen. Die Musik ist legendär: »Nach Belgrad« heißt es im Refrain des wiederkehrenden, von zwei jungen Roma gesungenen Titellieds. Genau dorthin, in die Hauptstadt, will ein Dutzend Menschen mit dem Bus. Die Fahrgemeinschaft steht sinnbildlich für die damalige jugoslawische Gesellschaft mit ihren vielen ungelösten Fragen und Streitereien sowie der Blauäugigkeit angesichts des aufziehenden Kriegs.

Die Achsenmächte Deutschland und Italien hegten schon lange Begehrlichkeiten. Ganz in der Tradition der deutschen Balkanpolitik des 19. Jahrhunderts hatten es die Nazis auf die Bodenschätze und landwirtschaftlichen Produkte des Landes abgesehen. Die Region galt als »Hinterland«, das zur Versorgung Mitteleuropas dienen sollte. Um an die dort liegenden Ressourcen zu gelangen, wurden bereits in den 1930er Jahren Abkommen mit Belgrad geschlossen.

Dilettantisch-tragisch

Italien verfolgte eigene Interessen. Rom erhob Gebietsansprüche auf Istrien und Teile Dalmatiens. Bereits in den 1920er Jahren hatte der faschistische Fanatiker Gabriele D’Annunzio die kroatische Hafenstadt Rijeka, italienisch Fiume, besetzt und dort für wenige Monate eine kurzlebige Diktatur errichtet, die zum Vorbild für die später in Italien errichtete wurde.

Dass Jugoslawien mit in den bereits zwei Jahre dauernden Zweiten Weltkrieg gezogen wird, wollte die Staatsführung eigentlich verhindern. Doch ihre Pendelpolitik war gescheitert. Das Lavieren zwischen Nazideutschland, den traditionellen Verbündeten Frankreich und Großbritannien sowie der Sowjetunion führte spätestens 1940 in eine Sackgasse. Berlin machte Druck auf Belgrad, sich dem Dreimächtepakt von Deutschland, Italien und Japan anzuschließen. Die Nazis wollten sich damit nicht nur Rohstoffe sichern; militärisch ging es ihnen um die Absicherung der Südflanke für den geplanten Angriff auf die Sowjetunion. Jugoslawien sollte darüber hinaus als Aufmarschgebiet für die geplante Besetzung Griechenlands dienen, wo die Briten den Hellenen beim Kampf gegen die eingefallenen italienischen Truppen beistanden.

Schließlich trat Jugoslawien am 25. März 1941 in Wien dem Pakt bei. Doch im Königreich regte sich Widerstand. Eine Gruppe Offiziere putschte zwei Tage später gegen die Regierung. Sie setzten Prinzregent Pavel ab und hoben statt dessen den noch minderjährigen Petar II. auf den Königsthron. Begleitet wurde der unblutige Staatsstreich von Demonstrationen in vielen Städten. Tausende Menschen versammelten sich unter den Parolen »Lieber Krieg als Pakt« und »Lieber Grab als Sklave«. Dabei ging es nicht allein um die Unterwürfigkeit gegenüber Nazideutschland und die scheinbar zurückgewonnene Neutralität. Die Unzufriedenheit im Land war groß, auch aufgrund der tiefen ökonomischen Krise.

Mit dem Putsch rutschte das Land ins Chaos. Die neue Regierung rief eine Teilmobilmachung aus, zugleich sicherte sie Berlin weiterhin Loyalität zu. Für den Historiker Holm Sundhaussen war die Einmischung des serbischen Militärs in die Politik fatal: »Dass sich führende Offiziere nicht nur der politischen Folgen ihres Tuns, sondern nicht einmal der Bedeutung gravierender militärischer Mängel bewusst waren, verlieh dem Putsch vom 27. März einen dilettantisch-tragischen Anstrich«, so Sundhaussen in seinem Buch »Geschichte Serbiens: 19.–21. Jahrhundert«.

»Unternehmen Strafgericht«

Die Nazis reagierten noch am Tag des Putsches. In der sogenannten Führerweisung Nr. 25 hieß es: »Jugoslawien muss auch dann, wenn es zunächst Loyalitätserklärungen abgibt, als Feind betrachtet und daher so rasch als möglich zerschlagen werden.« Dabei spielten auch antiserbische Ressentiments eine Rolle, wonach das südslawische Volk der Totengräber des untergegangenen österreich-ungarischen Kaiserreichs gewesen sei. Mit dem »Unternehmen Strafgericht« besiegelte Hitler das Schicksal des Königreichs Jugoslawien. Ab dem frühen Morgen des 6. April 1941 bombardierte die Wehrmacht Belgrad mit 611 Flugzeugen. Die Stadt war fast schutzlos, die Armee nicht vorbereitet. »9.000 Häuser wurden zerstört, 3.000 Menschen getötet, mehr als in Warschau, Rotterdam und Coventry zusammen«, so die Historikerin Marie-Janine Calic in ihrer »Geschichte Jugoslawien im 20. Jahrhundert«. Elf Tage später folgte die Kapitulation.

Das besetzte Land wurde aufgeteilt. In Kroatien entstand ein faschistischer Staat unter den Ustascha, einer von Italien unterstützten Gruppierung, die brutal gegen Serben, Juden, Roma und Linke vorging. Auch in den anderen Landesteilen wurde der faschistische Terror zum Alltag. Auch in Jugoslawien fanden Holocaust und Porajmos statt. So meldete die SS im Sommer 1942, dass in Serbien »die Juden- und Zigeunerfrage endgültig gelöst« sei. Die rassistische Vernichtungspolitik ging mit der Verfolgung politischer Gegner und der Ausplünderung des Landes einher.

Bereits im Juni 1941 beschloss die Kommunistische Partei Jugoslawiens (KPJ) unter ihrem Vorsitzenden Josip Broz, genannt Tito, Widerstand gegen die Besatzer zu leisten. Es folgten erste Angriffe, im Laufe der Zeit entwickelte sich eine breite Bewegung unter der Losung »Brüderlichkeit und Einheit«. Die Ideale einer sozialen Revolution wurden in den befreiten Gebieten von den Partisanen praktisch umgesetzt. Jugoslawien wurde nicht zum ruhigen Hinterland, sondern zu einem dauerhaften Unruheherd. Den Partisanen gelang es schließlich, das Land zu befreien und eine sozialistische Gesellschaft zu errichten, die in der Tradition des antifaschistischen Widerstands stand.

Als auch das von Tito geschaffene Jugoslawien in die Krise geriet, stand Deutschland erneut parat. Mit der einseitigen und übereilten Anerkennung der Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens wurde die kriegerische Zerschlagung des Vielvölkerstaats ab 1991 befeuert. Das Hinterland wurde nun zum Hinterhof. Wie weit man bereit war zu gehen, um den Anspruch darauf durchzusetzen, wurde im März 1999 deutlich. Erneut stiegen deutsche Kampfflugzeuge gegen Belgrad auf.

In der Kriegshölle

»Der 6. April war ein sonniger, strahlend heller Sonntag. In Belgrad stehen die Menschen gewöhnlich zeitig auf, selbst an Sonntagen, und so waren alle Plätze in Belgrad von einer dichten Menge erfüllt. (…) Kurz vor 7.00 Uhr hörte man aus dem Norden das Donnern eines Luftgeschwaders, das von der rumänischen Grenze her auftauchte. Viele sahen den ersten anfliegenden Wellen voller Ruhe entgegen, weil sie glaubten, dass es sich um die jugoslawische Luftwaffe handeln müsste; doch dann begannen die Bomben zu fallen. Nun war die Hölle ausgebrochen. Welle auf Welle der deutschen Luftwaffe zerbombte methodisch die ganze Stadt. Die Abwehrgeschütze waren bald zum Schweigen gebracht und die wenigen jugoslawischen Jäger entweder abgeschossen oder am Boden zerstört.

Hitler nahm unbarmherzig Rache für den 27. März. Die deutschen Flieger hatten Anweisung erhalten, zuerst die Wasserwerke der Stadt zu zerstören und dann die Brandbomben über die Häuser niederregnen zu lassen. (…) Heimstätten, Krankenhäuser, Kirchen, Schulen und Bibliotheken – alles Bombenziele. (…) Als der Angriff begonnen hatte, war ich mit Edvard Kardelj zusammen in der Stadt. Als geborener Belgrader konnte ich ihn auf dem kürzesten Weg durch die brennenden Straßen in einen Vorort führen, wo ich im Haus eines unserer Anhänger für ihn eine Unterkunft zu finden hoffte. Wir kamen dabei durch eine kleine Straße, in der meine Grundschule lag. Sie brannte lichterloh.«

Aus: Vladimir Dedijer: Tito. Berlin 1953, S. 130f.

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