Zwischen Politik und Profit
Von Roland Zschächner
Es ist einer der vielen merkwürdigen Vorgänge im aktuellen Serbien. Am 23. Februar sind zwei Veteranen einer Fallschirmjägereinheit der Armee festgenommen worden. Sie sollen einen Umsturz geplant, es unter anderem auf Präsident Aleksandar Vučić abgesehen haben. So stellen es zumindest die Ermittlungsbehörden dar. Heikel ist an der Geschichte, dass ehemalige Angehörige dieser Eliteeinheit mit den markanten weinroten Baretten in den vergangenen Monaten an den Protesten gegen die regierende Fortschrittspartei von Vučić teilgenommen hatten, um die Studierenden vor Angriffen zu schützen.
Der Fernsehsender N1 berichtete über den Fall. Dort konnte sich auch der Anwalt der Beschuldigten äußern und erklären, es handele sich um einen staatlichen Einschüchterungsversuch vor geplanten Protesten am 15. März. N1 bemühte sich um journalistische Sorgfalt. Das wiederum rief Vučić und Ana Brnabić, eine Vertraute des Präsidenten, ehemalige Premierministerin und nun Parlamentspräsidentin, auf den Plan. Brnabić warf dem Sender in den sozialen Medien vor, Stimmung für Lynchjustiz zu verbreiten.
Auch Vučić griff die Journalisten in einer Rede an: Die Verhafteten »hätten mein Kind zu Tode geprügelt«, angestachelt durch »Lügen, die sie irgendwo gelesen haben. Und wo – das können Sie sich denken.« Gemeint ist N1. Auf das Motiv »Lügenpresse« greift Vučić gern zurück. Tausend Gründe gäbe es, den Sender zu schließen, drohte er. Das verurteilte der Verband der unabhängigen Journalisten (Nezavisno udruženje novinara Srbije, NUNS) in einer Stellungnahme scharf: »Solche Äußerungen, die aus einer Machtposition heraus getätigt werden, stellen einen direkten Druck auf die redaktionelle Unabhängigkeit dar«, seien ferner »ein Missbrauch der Institutionen und der Autorität des Amtes sowie ein ernstes Sicherheitsrisiko für Journalisten«.
Es ist kein Wunder, dass N1 im Fokus ist. Der Sender gehört zum Konzern United Media, der auch den Sender Nova S, die Tageszeitungen Danas und Nova sowie die Wochenzeitung Radar betreibt. Allesamt sind sie liberale und prowestliche Publikationen und damit eine Opposition zur herrschenden Clique um Vučić. Ihre Berichterstattung bildet breite Teile der Gesellschaft ab: Rechte kommen ebenso zu Wort wie protestierende Studierende, Bauern oder Arbeiter – diejenigen, die in den restlichen Medien verschwiegen oder verhöhnt werden. Bei Liveberichterstattung von Protesten hat N1 sogar Rekordeinschaltquoten. Zudem gibt es in den Nachbarländern Schwestersender, so dass nebenbei eine jugoslawische Perspektive vermittelt wird.
United Media gehört zum Firmengeflecht der britischen Investmentgesellschaft BC Partners und ist damit nicht von staatlichen Werbeanzeigen oder anderen Zuwendungen abhängig. Das macht die Publikationen für Vučić gefährlich. In dem von seiner Fortschrittspartei (SNS) aufgebauten korrupten System wurden die Medien schon früh auf Linie gebracht. Sie wiederholen entweder in Dauerschleife die Positionen der SNS und zeichnen ein leuchtendes Bild des Landes oder sorgen mit einem boulevardesken Programm für entpolitisierende Ablenkung.
Nun ist N1 gefährdet. United Media und die regionalen Ableger wurden am 19. Februar im Adria News Network zusammengefasst. Dabei wurde die ehemalige Geschäftsführerin Aleksandra Subotić abgesetzt. Sie stand für die redaktionelle Unabhängigkeit ein. Vergangenen Sommer wurde ein mitgeschnittenes Telefonat öffentlich, in dem sich Stan Miller, Chef der Geschassten, und Vladimir Lučić von der serbischen Telekom über den Personalwechsel verständigten.
Die staatliche Telekom hatte vor dem Telefonat das Kabel-TV-Geschäft sowie die Rechte für Sportübertragungen von der Unternehmensgruppe um United Media gekauft. Aus Konkurrenten waren somit – ganz im Sinne Vučićs – Geschäftspartner geworden. Mit der Bündelung zum Adria News Network sollen die Redaktionen fortan zentral gesteuert werden. Das verspricht Kostenersparnis – und weniger kritische Inhalte, die aufwendige Recherchen erfordern.
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