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16.05.2026
- → Geschichte
Die Masse macht’s
Vor 100 Jahren fand in New York einer der bedeutendsten Kämpfe der US-Arbeiterbewegung statt
Am 16. Februar 1926 begann in New York ein großer Streik der Pelz- und Lederarbeiter, der sich rasch zu einem der bedeutendsten Kämpfe der US-amerikanischen Arbeiterbewegung der Zwischenkriegszeit entwickelte. Die Mehrheit der Streikenden waren Frauen, die unter schwierigen Bedingungen – niedrige Löhne und eine hohe Arbeitsintensität waren an der Tagesordnung – in der stark industrialisierten Pelzbranche arbeiteten. An der Spitze der Bewegung stand der Gewerkschafter und Kommunist Ben Gold, der als Vorsitzender des New York Furriers’ Joint Board (Gemeinsamer Ausschuss der New Yorker Kürschner) eine zentrale organisatorische Rolle übernahm.
Die Forderungen der Gewerkschaft waren weitreichend: die Einführung der 40-Stunden-Woche bei fünf Arbeitstagen, eine Lohnerhöhung von 25 Prozent, gewerkschaftliche Kontrollen in den Betrieben, ein Beitrag der »Arbeitgeber« zur Arbeitslosenversicherung, ein bezahlter Feiertag sowie eine gerechtere Verteilung der Arbeit zur Vermeidung willkürlicher Bevorzugungen bzw. Bestrafungen durch Mehrarbeit. Als der bestehende Tarifvertrag Ende Januar 1926 auslief, verweigerten die Unternehmer jedoch zentrale Verhandlungspunkte, insbesondere zur Arbeitszeitverkürzung und zur sozialen Absicherung.
Rasche Eskalation
Die Auseinandersetzung wurde zusätzlich durch innere Konflikte innerhalb der Gewerkschaftsbewegung verschärft. Sozialistisch oder sozialdemokratisch orientierte Funktionäre, die der American Federation of Labor (AFL) nahestanden, setzten eher auf Verhandlungen, während kommunistisch geprägte Kräfte um Ben Gold eine konfrontativere Linie verfolgten. Diese Spaltung führte zu widersprüchlichen Anweisungen und schwächte zeitweise die einheitliche Verhandlungsposition der Arbeiter. Die Unternehmer nutzten diese Uneinigkeit gezielt aus und reagierten am 11. Februar mit einer Aussperrung von rund 8.500 Beschäftigten.
Trotz dieser Eskalation gelang es den Arbeiterinnen und Arbeitern, ihre Reihen weitgehend geschlossen zu halten. Am 16. Februar rief die Gewerkschaft den Generalstreik aus, an dem rund 12.000 Beschäftigte der New Yorker Pelzindustrie teilnahmen. Der Konflikt weitete sich rasch aus und führte zu täglichen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Bereits am 19. Februar kam es zu ersten größeren Zusammenstößen, bei denen die Polizei eine Streikpostenkette angriff und etwa 200 Personen festnahm. Die Streikenden ließen sich davon jedoch nicht einschüchtern und setzten ihre Aktionen fort. Die Bewegung verlagerte sich zunehmend auf Massenproteste im gesamten Pelzviertel.
Eine besonders drastische Eskalation ereignete sich am 11. März 1926. An diesem Tag versammelten sich Tausende Streikende zu einer großen Demonstration im Pelzviertel von Manhattan, die unter anderem von Ben Gold angeführt wurde. Noch bevor sich die Streikpostenkette vollständig formieren konnte, ging die Polizei mit Schlagstöcken gewaltsam gegen die Demonstrierenden vor und nahm mehr als 40 Personen fest, darunter auch Gold sowie weitere Streikende. Die Verhaftungen sollten die Bewegung führungslos machen und einschüchtern, doch sie verfehlten ihre Wirkung. Die Demonstration wuchs weiter an und erreichte zeitweise bis zu 8.000 Teilnehmer. Die Streikenden durchbrachen Polizeiketten und marschierten geschlossen durch das Pelzhandelsviertel. Selbst der Einsatz von Polizeifahrzeugen, die gezielt in die Menge gesteuert wurden, konnte den Protest nicht stoppen.
Wenige Tage zuvor hatte es bereits eine große Streikpostenkette mit rund 10.000 Teilnehmern gegeben, die ebenfalls von der Polizei angegriffen worden war. Das Vorgehen der Polizei war derart brutal, dass selbst ein städtischer Richter die Polizeibehörde später wegen »unangemessener Zwangsmaßnahmen« gegen die streikenden Arbeiter scharf kritisierte.
Auch juristisch versuchten die Unternehmer, den Ausstand zu brechen. Am 13. März lehnte jedoch ein New Yorker Richter eine einstweilige Verfügung gegen die Streikenden ab, so dass der Arbeitskampf auch von Rechts wegen fortgesetzt werden konnte. Gleichzeitig begannen erste Firmen, aus dem Unternehmerverband auszuscheren und eigenständig Kompromisse zu schließen. So einigte sich die Eitingon Schild Company, ein bedeutender Pelzimporteur, mit der Gewerkschaft auf die Erfüllung zentraler Forderungen: die 40-Stunden-Woche, eine Lohnerhöhung von zehn Prozent, gleichmäßige Arbeitsverteilung und das Verbot von Subuntervergabe.
Fabrikanten knicken ein
Trotz dieser Teilvereinbarungen wurde der Streik fortgesetzt, da die Arbeiter eine branchenweite Regelung anstrebten. Anfang April kam es zu Vermittlungsversuchen durch die AFL. Ein Vorschlag über eine 42-Stunden-Woche und eine Lohnerhöhung von zehn Prozent wurde am 15. April jedoch von den Belegschaften mit großer Mehrheit abgelehnt. Die AFL hatte zuvor versucht, Ben Gold von der Versammlung auszuschließen, doch die Arbeiter setzten seine Teilnahme durch. Die Ablehnung erfolgte sowohl aufgrund mangelnder Beteiligung der Belegschaften an der Ausarbeitung als auch, weil der Vorschlag die Bedürfnisse jüdischer Arbeiter nicht berücksichtigte, für die die Fünf-Tage-Woche zur Einhaltung des Sabbats von zentraler Bedeutung war.
Im Anschluss wurde die Mobilisierung erneut intensiviert. Unter Führung von Gold wurde eine stadtweite Kampagne für die 40-Stunden-Woche gestartet, die breite Unterstützung innerhalb der Arbeiterbewegung fand. Zahlreiche andere Gewerkschaften schlossen sich an, wodurch der Konflikt über die Pelzindustrie hinaus politische Bedeutung gewann.
Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildete eine Massenkundgebung am 22. Mai 1926 im Madison Square Garden, an der Zehntausende Arbeiter teilnahmen und die als eine der größten Arbeiterveranstaltungen der Stadt bis dahin galt. Dort kritisierte Gold die abwesenden Gewerkschaftsführer und erklärte, die Durchsetzung der 40-Stunden-Woche in New York City könne eine landesweite Bewegung auslösen, die im ganzen Land an Dynamik gewinnen würde.
Unter diesem Druck mussten die Unternehmer schließlich nachgeben. Am 11. Juni 1926 wurde ein neuer Tarifvertrag abgeschlossen, der die Einführung der 40-Stunden-Woche bei fünf Arbeitstagen, Regelungen zu Überstunden, eine Lohnerhöhung von zehn Prozent, zehn bezahlte Feiertage sowie ein Verbot von Subunternehmerverträgen vorsah. Der Streik von 1926 markierte damit einen wichtigen Sieg der organisierten Arbeiterklasse in den USA. Er zeigte die Durchsetzungskraft kollektiver Organisierung selbst unter Bedingungen starker Repression und innerer Spaltung.
Die Unternehmer und die staatlichen Behören vergaßen den Konflikt nicht. Ben Gold geriet in den folgenden Jahrzehnten wiederholt ins Visier der Behörden und wurde 1950 auf Grundlage der antikommunistischen Bestimmungen des Taft-Hartley-Gesetzes vor Gericht gestellt und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Nach seiner erfolgreichen Berufung vor dem Obersten Gerichtshof blieb er jedoch eine prägende Figur der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung und wurde 1954 zum Präsidenten der International Fur and Leather Workers Union gewählt.
Die 1920er Jahre waren in den USA insgesamt von einem deutlichen Niedergang der Arbeiterbewegung geprägt. Sowohl die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften als auch ihre Streikaktivitäten gingen stark zurück. Während sich 1919 noch über vier Millionen Arbeiter (etwa 21 Prozent der Erwerbsbevölkerung) an rund 3.600 Streiks beteiligten, sank die Zahl bis 1929 auf etwa 900 Streiks mit rund 289.000 Teilnehmern (circa 1,2 Prozent).
Nach den großen Arbeitskämpfen der Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg verlagerte sich die Gewerkschaftsarbeit zunehmend auf defensive Maßnahmen wie die Abwehr von Lohnkürzungen, die Sicherung von Arbeitsplätzen oder Forderungen nach besseren Arbeitszeiten, besonders in Branchen wie Kohlebergbau, Eisenbahn und Textilindustrie. Ab Mitte der 1920er Jahre verstärkten die Kapitalisten ihre anti-gewerkschaftliche Strategie durch »Open-Shop«-Kampagnen, die eine Einstellung unabhängig von Gewerkschaftsmitgliedschaft ermöglichten und die Bindungskraft der Gewerkschaften deutlich schwächten. Diese Politik wurde im Rahmen des »American Plan« weiter ausgebaut, der darauf abzielte, Tarifverhandlungen weitgehend zu vermeiden oder abzulehnen.
Ergänzend kamen »Yellow-dog contracts« zum Einsatz, die Beschäftigte unter Androhung der Kündigung zum Verzicht auf Gewerkschaftsmitgliedschaft verpflichteten, sowie schwarze Listen, auf die bekannte Gewerkschafter gesetzt wurden. Zusätzlich verschärften Überwachung, Einschüchterung und eine immer gewerkschaftsfeindlichere Rechtsprechung die Situation. So erklärte der Oberste Gerichtshof im Fall Adkins v. Children’s Hospital 1923 Mindestlöhne für Frauen für verfassungswidrig, was die arbeitsrechtliche Stellung der Beschäftigten weiter schwächte. Insgesamt erhielten Unternehmen in den 1920er Jahren deutlich häufiger gerichtliche Verfügungen gegen Streiks als zuvor.
Lars Pieck
Justiz für die Stärkeren
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