Aus dem Kampf geboren
Von Roland Zschächner
Eine wichtige Etappe war genommen. Ende 1945, nach fast vier Jahren des antifaschistischen Kampfes, war die Widerstandsbewegung der jugoslawischen Partisanen einen großen Schritt weiter. Nach der Sicherung der Macht galt es, den geänderten Verhältnissen eine neue politische Form zu geben. Am 29. November war es soweit. Die 18 Tage zuvor gewählte Verfassungsversammlung, in der die von der Kommunistischen Partei angeführte Volksfront alle Sitze inne hatte, rief die Föderative Volksrepublik Jugoslawien (FVRJ) aus. Den Weg dahin hatte genau zwei Jahre zuvor, am 29. November 1943, der Antifaschistische Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens (AVNOJ) im bosnischen Städtchen Jajce geebnet, indem er sich zum obersten Organ eines zu schaffenden föderalen Jugoslawiens erklärte.
Rund zwei Monate nach der Ausrufung der Republik folgte Ende Januar 1946 eine neue Verfassung. Sie orientierte sich noch am sowjetischen Vorbild, berücksichtigte aber auch die Beschlüsse der AVNOJ-Sitzung. So wurde der föderative Charakter des Landes, zusammengefasst in der Parole »Brüderlichkeit und Einheit«, unterstrichen und der eingeschlagene sozialistische Weg der Arbeiterselbstverwaltung bekräftigt. Die Monarchie wurde abgeschafft und durch eine Republik ersetzt.
Formierung der Gegenwehr
Diese hoffnungsfrohe Entwicklung Jugoslawiens war im April 1941 noch nicht zu erwarten. Damals wurde das Königreich von den faschistischen Achsenmächten angegriffen und zerschlagen. Es war das Ende des ersten Jugoslawiens. Seine Armee war innerhalb von wenigen Tagen fast vollständig aufgerieben, das Land wurde besetzt und aufgeteilt. Nazideutschland und Italien sicherten sich die größten und rohstoffreichsten Gebiete, in Kroatien entstand der von der faschistischen Ustascha unter Ante Pavelić angeführte Unabhängige Staat Kroatien, in dem Serben, Juden und Roma grausam verfolgt wurden.
In dieser dunklen Stunde – in der es Jugoslawien ähnlich erging wie anderen europäischen Ländern, die militärisch besiegt und okkupiert worden waren – entwickelte sich im Sommer 1941 eine Widerstandsbewegung, die zu einer Partisanenarmee anwachsen und das Land aus eigenen Kräften befreien sollte. Angeführt wurde diese Volksbefreiungsbewegung von der Kommunistischen Partei Jugoslawiens (KPJ) unter ihrem Vorsitzenden Josip Broz, genannt Tito.
Die KPJ war nicht die einzige Kraft, die zu den Waffen griff. Zu Beginn beteiligten sich auch die monarchistischen, nationalistischen und antikommunistischen Tschetniks. Das waren verschiedene serbische Gruppierungen, anfangs ohne zentrale Führung, die sich im Laufe der Zeit aber großteils unter das Kommando des ehemaligen königlichen Offiziers Dragoljub Mihailović stellten. Mihailović war der Oberbefehlshaber der Restarmee des ins Londoner Exil geflohenen Petar II. Karađorđević. Dessen Regierung wurde von den Alliierten – allen voran von den Briten, die ihm Unterschlupf boten, aber auch von der Sowjetunion – als alleinige Vertretung Jugoslawiens betrachtet. Das hatte Folgen. Die Alliierten unterstützten bis 1944 vorrangig die Tschetniks, obwohl diese spätestens seit dem Spätsommer 1941 offen mit den Deutschen und Italienern gegen die Partisanen kollaborierten. Die Volksbefreiungsbewegung hingegen wurde in den ersten Kriegsjahren trotz ihrer anwachsenden Stärke und der militärischen Erfolge außen vorgelassen, etwa wenn es um die Versorgung mit Waffen ging.
Dass die KPJ die Leitung bei der Befreiung des Landes übernahm, war kein Zufall. Zum Erfolg der kommunistischen Partisanen trugen die Entwicklungen der Zwischenkriegszeit bei. Die KP war Anfang der 1920er Jahre die drittstärkste Kraft bei den Parlamentswahlen, in Belgrad lag sie sogar vorn. 1921 erfolgte das Verbot, Mitglieder wurden verfolgt und inhaftiert. Kommunisten konnten in den Gewerkschaften und mittels des legal gebliebenen Jugendverbands SKOJ zwar weiterhin in einem gewissen Rahmen politisch wirken, doch gewöhnten sich die 12.000 Parteimitglieder bereits daran, in der Illegalität zu arbeiten. Zugleich war die KPJ – anders als die meisten anderen Parteien im Königreich – nie Teil einer Regierung, kompromittierte sich deswegen nicht durch Zusammenarbeit mit dem alten Regime.
Im Widerstand geübt
Hinzu kommt, dass etliche Kommunisten und Sympathisanten der KPJ im Einsatz für die Spanische Republik bereits militärische Erfahrungen gesammelt hatten. Einige hundert »Spanier«, wie die Veteranen des Bürgerkriegs auf der Iberischen Halbinsel genannt wurden, fanden den Weg in die Volksbefreiungsbewegung. Sie waren Teil der Führung und halfen, eine schlagkräftige Armee zu formen, zugleich aber auch die gesellschaftlichen Herausforderungen im Blick zu behalten. In keinem anderen europäischen Land war der antifaschistische Widerstand so eng mit der sozialen Revolution verbunden wie in Jugoslawien. Die KPJ stellte den Kampf gegen die Besatzung unter die Losung »Brüderlichkeit und Einheit«. Damit wurde einerseits der gesamtjugoslawische Charakter – über vormalige ethnische Grenzen hinweg – unterstrichen. Andererseits sprach sich die Partei für eine gesellschaftliche Umgestaltung nach demokratisch-sozialistischen Vorstellungen aus.
Das betraf zum einen die Geschlechterfrage. In den Reihen der Partisanen kämpften Frauen und Männer gemeinsam. Das war für die von Katholizismus, Islam und christlicher Orthodoxie geprägten, patriarchalen Gesellschaften eine nicht zu unterschätzende Neuerung. Obwohl es nur wenige Frauen in Kampfverbänden gab, griffen sie nun aktiv in die politische Geschichte ein und übernahmen wichtige Aufgaben im Widerstand. Mit der Antifaschistischen Frauenfront (AFŽ) wurde zudem eine Massenorganisation geschaffen, die die Frage der Gleichberechtigung der Geschlechter vorantrieb. Zum anderen wurden die sozialen Strukturen revolutioniert. Greifbarer Ausdruck davon waren die in den befreiten Gebieten geschaffenen Räte. Die Volksbefreiungsausschüsse kümmerten sich um wirtschaftliche, soziale und kulturelle Belange.
Während des gesamten Zweiten Weltkriegs hielten die Partisanen Territorien frei von faschistischer Besatzung. In den befreiten Gebieten übernahmen die Ausschüsse die Verwaltung; die ersten wurden bereits im Laufe des Jahres 1941 in der kurzlebigen Republik von Užice ins Leben gerufen. Die westserbische Industriestadt und ihr Umland wurden zwischen September und November 1941 von den Partisanen kontrolliert. Im Laufe des Krieges wurden die Volksbefreiungsausschüsse zu einer festen Institution. Dekrete regelten, wie sie eingesetzt wurden und welche Aufgaben sie hatten. Dabei sollten die Komitees nicht nur für »Ordnung und Sicherheit« sorgen, sondern auch die Versorgung der Partisanen sichern und »die Ernährung der Bevölkerung sicherstellen, besonders aber der ärmsten Schichten«, wie es in einer 1942 verabschiedeten Direktive hieß.
Die Ausschüsse wurden damit der greifbare Beweis einer Verbesserung der Lebensverhältnisse für die große Mehrheit der Bevölkerung, die nur schwer über die Runden kam. Für viele junge Menschen in den befreiten Gebieten war die Ankunft der Partisanen zudem eine kulturelle Befreiung. Das betraf nicht nur die erwähnte Gleichheit der Geschlechter; Filme und Theaterstücke wurden gezeigt, Tanzveranstaltungen und Diskussionen organisiert. So entstand ein politisches Bewusstsein, das eine ganze Generation prägen sollte. Nach den Jahren der Königsdiktatur und gegenüber dem Terror der Besatzer wurde eine Alternative zu Armut und kulturellem Niedergang erlebbar.
Weg zur Staatsmacht
Zugleich wuchs die Partisanenarmee an. Zehntausende Männer und Frauen standen unter dem Befehl des AVNOJ. Der Rat war die politisch-militärische Führung der Widerstandsbewegung. Darin war die KPJ zwar die dominierende Kraft, doch waren auch bürgerliche Kräfte vertreten. Im Laufe des Krieges schlossen sich immer mehr Nichtkommunisten dem Widerstand an. Die Gewalt der faschistischen Besatzer – Massaker und Geiselerschießungen gehörten zum Alltag – und der Terror der Ustascha zwangen dazu, sich zu positionieren. Wenn man sich für die Befreiung des Landes einsetzen wollte, gab es keine Alternative zu den Partisanen.
Mit dem Anwachsen und den Erfolgen der Bewegung stellte sich die Frage nach der politischen Macht. Um den neuen Realitäten gerecht zu werden und eine Perspektive für die Zeit nach dem Krieg zu entwerfen, kamen im November 1943 die AVNOJ-Delegierten im bosnischen Städtchen Jajce zusammen. Die dort getroffenen Beschlüsse markierten den Übergang von einer Widerstandsbewegung zum Aufbau eines neuen Staates. Der AVNOJ konstituierte sich als oberste politische Instanz Jugoslawiens. Sein ausführendes Organ wurde das Nationalkomitee. Zugleich wurden allen Völkern des Landes die gleichen Rechte in einem föderativen System zugesprochen – dies war das Fundament des zwei Jahre später ausgerufenen Staates.
Auch den Alliierten war die Entwicklung in Jugoslawien nicht entgangen. Die Vertreter der USA, Großbritanniens und der Sowjetunion trafen sich vom 28. November bis 1. Dezember 1943 bei einer Konferenz in Teheran. Dort wurden die Tito-Partisanen schließlich als Teil der Antihitlerkoalition anerkannt. Die Briten hatten zuvor mit Verbindungsoffizieren bereits Kontakt zu den Partisanen geknüpft. Dabei war ihnen nicht entgangen, wie die Kräfteverhältnisse auf dem Balkan waren und wer den entscheidenden Beitrag dazu leistete, den gemeinsamen Feind zu bekämpfen. Daraufhin flossen umfangreichere militärische Hilfen an die Volksbefreiungsbewegung. Auch die Sowjetunion steigerte nach Monaten, in denen die jugoslawischen Genossen erfolglos um mehr Waffen gebeten hatten, schließlich ihre Unterstützung.
Wegen der militärischen Stärke im Land war den Alliierten klar, dass Jugoslawien nach dem Ende des Krieges nicht ohne weiteres wieder zur Königsherrschaft zurückkehren würde. Während die Macht des Widerstands mit den sozialpolitischen und militärischen Erfolgen wuchs, trat das alte Regime immer weiter in den Hintergrund. Die Partisanen standen für eine bessere Zukunft, während die Monarchisten für das Chaos der Vorkriegszeit verantwortlich waren, das in die katastrophale Niederlage geführt hatte. Allen voran der britische Premier Winston Churchill drängte deswegen auf einen Ausgleich zwischen dem königlichen Exilkabinett und den Tito-Partisanen, um den Einfluss in der Region nicht völlig zu verlieren. Auch die KPJ war noch auf ein Bündnis mit den monarchistischen und bürgerlichen Kräften angewiesen. Vor allem außenpolitische Faktoren spielten, angesichts der benötigten alliierten Militär- und Lebensmittellieferungen, dabei eine Rolle. Zudem fürchtete man im Falle einer voreiligen sozialen Revolution eine mögliche britische Intervention. Schließlich kam noch hinzu, dass die Partisanen die völkerrechtliche Kontinuität Jugoslawiens bewahren wollten. Sie folgten daher dem britischen Wunsch nach Ausgleich.
Im Juni 1944 wurde dafür der Politiker der kroatischen Bauernpartei Ivan Šubašić auf die Adriainsel Vis entsandt. Dort einigten sich Šubašić und Tito auf gegenseitige Anerkennung von Exilregierung und Widerstandsbewegung. Außerdem kam man überein, eine gemeinsame Regierung zu bilden – das bedeutete die Abkehr Londons von den Tschetniks. Für die Partisanen eröffnete es den Weg zu internationaler Hilfe. Die Versorgung der hungernden Bevölkerung war ein wichtiges Anliegen, die mit den Lieferungen der Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen (UNRRA) sichergestellt werden konnte. Den Partisanen gelang es dabei auch durchzusetzen, dass die UNRRA-Güter durch die Volksbefreiungsausschüsse verteilt wurden.
Am 1. November 1944 wurde ein weiteres Abkommen mit Šubašić geschlossen, diesmal über die Ausgestaltung einer gemeinsamen Interimsregierung. An dem Kabinett sollten sich auch von Petar II. entsandte bürgerliche Politiker beteiligen. Die Bedingung ihrer Mitarbeit war, dass sie sich nicht der Kollaboration schuldig gemacht hatten. Im Februar 1945 billigten die Alliierten auf der Konferenz von Jalta die Bildung einer provisorischen Regierung in Jugoslawien, die dann am 7. März in Belgrad erfolgte. Tito stand ihr als Ministerpräsident und Verteidigungsminister vor. Neben Šubašić, der Außenminister wurde, gab es auch andere bürgerliche Minister. Es war der Beginn des Demokratischen Föderativen Jugoslawiens (DFJ), das von den Alliierten in den folgenden Wochen anerkannt wurde.
Aufbau eines neuen Staates
»Am gefährlichsten wäre es, jetzt in der Wegmitte stehenzubleiben. Was wir im Kriege erreichten, ist ja nur der Anfang«, wird Tito in bezug auf die unmittelbare Nachkriegszeit von seinem Biographen Vladimir Dedijer zitiert. In der DFJ wurde das Gerüst des zukünftigen Staates geschaffen, die Verwaltung – vielerorts mit ehemaligen Partisanen an der Spitze – wieder aufgebaut, demokratische Rechte festgeschrieben. Man wollte sich von der autoritären Königsherrschaft vor dem Krieg abheben. Das betraf auch die Wirtschaft: Durch Verstaatlichungen wurden die Weichen für das zukünftige sozialistische Modell gestellt, das an die Erfahrungen aus dem Widerstand anknüpfte. So wie die Partisaneneinheiten große Autonomie hatten und die Volksbefreiungsausschüsse über die Belange ihrer Gemeinde entschieden, so wurde auch die Ökonomie des Landes auf dem Prinzip der Selbstverwaltung aufgebaut.
Bis zur vollständigen Entwicklung des Systems war es indes noch ein langer Weg. Denn das Land lag in Trümmern, die Infrastruktur war großteils zerstört, der Blutzoll hoch gewesen. Die Zahl der Toten wurde nach dem Krieg mit 1,7 Millionen angegeben, rund elf Prozent der Gesamtbevölkerung. Der Krieg hatte nicht nur ethnische Ressentiments geschürt, auch zerrissen die Feindschaften anhand politischer Fragen viele Familien. Die KPJ folgte deswegen einer Politik des Verzeihens. Wer sich der Kollaboration schuldig gemacht hatte, wurde vor Gericht gestellt und bestraft. Denjenigen indes, die »nur ein blindes Werkzeug in der Hand ihrer Meister gewesen waren«, sollte verziehen werden, wie Dedijer Titos damalige Linie zusammenfasst.
Die Volksfront als der Zusammenschluss aller am antifaschistischen Befreiungskampf beteiligten Parteien und Organisationen wurde sofort zur bestimmenden parlamentarischen Kraft. Für alle anderen Kräfte war es schwieriger, politisch zu agieren, vor allem, wenn sie sich offen gegen die Partisanen gestellt hatten. Das bekamen nicht nur die Kirchen zu spüren, auch bürgerliche Parteien und Medien wurden im Vorfeld der Wahl zum Verfassungsgebenden Parlament im November 1945 unter Druck gesetzt. Die Opposition verlegte sich schließlich darauf, die Abstimmung zu boykottieren, einem Mehrparteiensystem war damit selbst von seinen Befürwortern eine Absage erteilt worden.
Mit 90 Prozent der Stimmen – es war möglich, gegen die Volksfront zu votieren – gewann die Einheitsliste, bei einer Wahlbeteiligung von rund 89 Prozent. Damit war die Führung der Kommunistischen Partei unter Tito durch die Bevölkerung legitimiert. Es mag stellenweise Druck ausgeübt worden sein, doch kann nicht übersehen werden, welchen Rückhalt die KPJ durch ihren Einsatz im Befreiungskampf und wegen ihres charismatischen Vorsitzenden Tito in der Bevölkerung hatte. Der Eifer, eine neue Gesellschaft aufzubauen, zeigte sich unter anderem bei vielen jungen Menschen, die in Arbeitsbrigaden zerstörte Infrastruktur wie Bahngleise wiedererrichteten. Bei der Schaffung der neuen Ordnung standen die Werte des antifaschistischen Kampfes und die Überwindung ethnischer und nationaler Schranken im Vordergrund. Als deutliches Zeichen des Bruchs mit der Vorkriegszeit wurde die Monarchie abgeschafft, dem König endgültig die Rückkehr nach Jugoslawien verwehrt. Die Kirchen enteignete man bis auf wenige Ausnahmen von ihren Ländereien, womit ihre vormalige Macht deutlich eingeschränkt wurde. Im März 1946 wurde auch der Tschetnik-Anführer Mihailović in Bosnien gefasst und in Belgrad vor Gericht gestellt. Die Richter verurteilten ihn im Juli wegen der zahlreichen Verbrechen, für die er direkt und indirekt die Verantwortung trug, zum Tode.
Nur noch ein Scherbenhaufen
Die Föderative Volksrepublik Jugoslawien war nur ein Zwischenschritt beim Aufbau des sozialistischen Projekts. 1963 wurde sie durch die Sozialistische Föderative Republik abgelöst. Sie sollte bis 1992 bestehen. In ihr wurde das System der Arbeiterselbstverwaltung bis ins Detail formalisiert. Allerdings spitzte sich in den 1980er Jahren die ökonomische Krise zu; Inflation und politische Turbulenzen ließen die Bindungskräfte zwischen Bevölkerung und Staat schwinden.
In dieser Situation erkannten nationalistische Kräfte ihre Chancen. Sie riefen nach vermeintlich demokratischen Reformen und einem Mehrparteiensystem. Unterstützt durch westliche Staaten – allen voran die Bundesrepublik –, führten sie das Land in eine Reihe blutiger Bruderkriege. An deren Ende waren Zehntausende Menschen getötet, Hunderttausende vertrieben worden. Die Nachfolgestaaten des sozialistischen Jugoslawiens wurden wieder in die halbkoloniale Rolle gedrängt, in der sich das Königreich vor dem Zweiten Weltkrieg befunden hatte. Ihre Rohstoffe und Arbeiter werden heute wieder von ausländischem Kapital ausgebeutet.
Heutzutage wird im Zuge eines aggressiven Geschichtsrevisionismus das Gedenken an den antifaschistischen Kampf der Partisanen aus der Öffentlichkeit verbannt. Ehemalige Kriegsverbrecher wie Tschetniks oder Ustascha werden zu nationalen Helden erklärt, Partisanendenkmäler niedergerissen. In der Folge der wieder zunehmenden Religiösität werden fortschrittliche Ideen wie die Gleichberechtigung der Geschlechter an den Rand gedrängt. Während im Alltagsbewusstsein vieler Menschen im ehemaligen Jugoslawien der untergegangene Staat mit positiven Erinnerungen verknüpft ist, rückt eine sozialistische Alternative in weiter Ferne.
Vor der zerstörerischen Wirkung von Nationalismus und ethnischem Chauvinismus, die im jugoslawischen Fall unweigerlich zu Separatismus führten und in den Nachfolgestaaten noch führen, hatte bereits Tito kurz nach Kriegsende 1945 gewarnt. In Hinblick auf ein bürgerliches Mehrparteiensystem sagte er, die vermeintlich »demokratischen Parteien« müssten, »wenn die das Volk hinter sich haben wollten, eine rein lokale Politik für jeweils ein einzelnes Volk führen«. Dies würde, so warnte der KP-Chef, »zur Zersplitterung des Staates führen, der gleich zerfallen würde«. Er behielt recht.
Roland Zschächner ist freier Journalist.
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