Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 29.05.2020, Seite 12 / Thema
Geschichte des Balkans

Das vergessene Lager

An das KZ Jasenovac wird hierzulande nicht erinnert. In Kroatien wird der Verbrechen aus außenpolitischem Kalkül gedacht. Die Nachfahren der Ustascha-Faschisten haben in Bleiburg ihren eigenen Wallfahrtsort
Von Eberhard Rondholz
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Faschistische Mörder und ihre Opfer. Kroatische Ustascha posierten so noch 1945

Überall in Europa wurde zum 75. Jahrestag des Kriegsendes der Opfer des Naziterrors gedacht, alle deutschen Medien berichteten über die Veranstaltungen zur Erinnerung an die Befreiung der Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald, Theresienstadt. Eine Stätte des Grauens blieb dabei merkwürdigerweise in der deutschen Presse so gut wie unberücksichtigt: das kroatische KZ Jasenovac und die dazugehörigen »Killing Fields« von Donja Gradina, durch den Fluss Save getrennt, der eine Ort in Kroatien, der andere heute auf bosnischem Territorium gelegen. Mindestens 83.000 Menschen wurden dort von Schergen des faschistischen Ustascha-Regimes¹ regelrecht abgeschlachtet, so viele sind namentlich bekannt, aber auch viel höhere Zahlen werden genannt. Und doch kennen den Namen Jasenovac nur die wenigsten in Deutschland, obwohl es eines der großen Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg war, eines, das nicht von Deutschen betrieben wurde, aber für das die Deutschen Verantwortung trugen.

Wenn man sich dem ehemaligen Lagergelände, etwa 100 Kilometer südöstlich der kroatischen Hauptstadt Zagreb gelegen, von der Autobahn Zagreb–Belgrad kommend heute nähert, sieht man sie schon von weitem: die über 20 Meter hohe Steinerne Blume, einer stilisierten Lilie ähnelnd, geschaffen von dem Belgrader Architekten Bogdan Bogdanovitch und errichtet im Jahr 1966. Viele Serben mochten dieses Denkmal für die Opfer des Ustascha-Terrors nicht, sie hätten lieber einen riesigen Totenschädel gehabt. Und in Zagreb gab es Leute, die riefen zur Zerstörung der Steinernen Blume auf, diesem serbischen Denkmal auf kroatischer Erde. Und doch hat das Denkmal auch die Wirren des jugoslawischen Bruderkriegs zu Beginn der neunziger Jahre überstanden, obwohl es an der damaligen Hauptkampflinie steht. Ein paar Einschusslöcher hat es davongetragen.

Von dem Todeslager selbst aber gibt es heute kaum mehr eine Spur. Von der dreieinhalb Kilometer langen, drei bis fünf Meter hohen Mauer um das Zentrallager Jasenovac 3 ebensowenig wie von den Wohngebäuden und Arbeitsstätten. Die Betreiber des Lagers haben 1945 nicht einen Stein auf dem anderen gelassen, und die Trümmer wurden in der Not der Nachkriegszeit zu Baumaterial.

Nach deutschem Vorbild

Nach der Besetzung und Zerschlagung Jugoslawiens durch die Wehrmacht im April 1941 wurde das von den Nazis errichtete Großkroatien, das neben dem kroatischen Kernland auch ganz Bosnien-Herzegowina umfasste, der klerikalfaschistischen Ustascha-Bewegung ausgeliefert. Ihr Führer Ante Pavelic erklärte zu den Zielen der unter dem Namen Unabhängiger Staat Kroatien (Nezavisna Drzava Hrvatska, NDH) auftretenden Diktatur, es gehe darum, einen völkisch reinen kroatischen Staat zu schaffen, und wörtlich weiter: »Der unabhängige Staat Kroatien wird nach den Grundsätzen der Ustaschen-Bewegung aufgebaut. Ihre Prinzipien stehen in allen wichtigen nationalen und staatlichen Fragen in vollkommenem Einklang mit der nationalsozialistischen Ideologie«. Er wolle »ein würdiger und nützlicher Mitarbeiter des Großdeutschen Reiches unter dem Führer Adolf Hitler im Krieg und Frieden sein«.

Und der »Führer« befand in einem seiner Tischgespräche, dass die (nach rassischen Gesichtspunkten nichtarische) südslawische Volksgruppe der Kroaten über ein »wertvolles Menschentum« verfüge, und es könne eine Eindeutschung »vom volkstumsmäßigen Standpunkt durchaus begrüßt werden«. Es war auch ganz im Sinne Hitlers, was Pavelic für Kroatien plante: Weil die kroatische, d. h. katholische Bevölkerung nur etwa die Hälfte des Staatsvolks der NDH ausmachte, wurde begonnen, was heute üblicherweise »ethnische Säuberung« heißt. Zu säubern war dieses Kroatien nach Ansicht Pavelics und seiner Ustascha dabei außer von Juden und Roma von der zahlenmäßig stärksten Minderheit – den orthodoxen Serben. Den Weg dahin wies Mile Budak, Pavelics Stellvertreter und Kulturminister: »Für Minderheiten – Serben, Juden, Zigeuner – haben wir drei Millionen Patronen. Ein Drittel der Serben werden wir töten, ein anderes Drittel vertreiben, das letzte Drittel werden wir in die Arme der römisch-katholischen Kirche zwingen und sie so zu Kroaten machen. Auf diese Weise wird unser neues Kroatien alle Serben bei uns ausmerzen und so in zehn Jahren hundertprozentig katholisch sein.«

Bei dieser monströsen Ankündigung sollte es nicht bleiben. Der Ustascha-Staat begann mit dem Morden unmittelbar nach dem Machtantritt. In den ersten Tagen wurde der Massenmord an den »fremdvölkischen« Ethnien noch direkt am jeweiligen Wohnort der Menschen ausgeführt. Doch es gab da zu viele unerwünschte Zeugen. So schickte der deutsche Sicherheitsdienst der SS schon im Sommer 1941 einen Bericht über einen von den Ustascha an taufwilligen orthodoxen Bauern begangenen Massenmord in einer katholischen Kirche in Glina nach Berlin. Auch ins faschistische Italien gelangten schon bald Nachrichten von den Greueln der Ustascha. So berichtete beispielsweise der italienische Autor Corrado Zoli, damals Kroatien-Korrespondent des Mussolini nahestehenden Blattes Il Resto del Carlino, also ein unverdächtiger Augenzeuge, im September 1941 von den Massakern der Ustascha. Die »Bande di massacratori«, so schrieb er, wurden dabei bisweilen angeführt und angefeuert von katholischen Priestern und Mönchen (»cappegiati e infiamate da sacerdoti e monaci cattolici«).

Um die Verbreitung solcher Zeugenberichte zu vermeiden, wurde die Vernichtung in Lagern beschlossen (soweit nicht, im Fall eines Teils der Juden, die Auslieferung an die Nazis das Mittel der »ethnischen Säuberung« war). Am Anfang waren es 20 – Jadovno, Loborgrad und andere sind für die letzten Überlebenden noch heute Namen des Schreckens. Doch wurden die kleineren Lager bald wieder aufgelöst und statt dessen als zentraler Standort Jasenovac für einen großen Lagerkomplex ausgewählt, der am 21. August 1941 in Betrieb genommen wurde. Der Standort hatte zwei geographische Vorteile: Zum einen ist es nicht weit bis zur Bahnlinie Belgrad–Zagreb. Sodann ist dort der Zusammenfluss der Save mit den Nebenflüssen Una und Strug – ein Gewirr von Strömen und Flussarmen, eine Mausefalle aus Wasser, wie es Bogdan Bogdanovic nannte, aus der es für die Häftlinge kaum ein Entkommen gab.

Jasenovac war, nach deutschem Vorbild, Vernichtungslager und Arbeitslager zugleich. Zwischen 3.000 und 5.000 Menschen haben dort jeweils gearbeitet und Bedarfsgüter für das Ustascha-Militär produziert. Wurden arbeitende Häftlinge krank oder starben, wurden sie ersetzt. Mehr als 5.000 wurden für die Arbeit nie gebraucht. Und das hieß: Die meisten mit Viehwaggons und Lastwagen herangefahrenen Opfer wurden direkt von der Endstation der Bahn an der Save mit einer Fähre ans andere Flussufer ins Nebenlager Donja Gradina gebracht und dort massakriert. Manchmal eintausend am Tag. Es gab in Jasenovac keinen industriellen Massenmord wie in deutschen Vernichtungslagern, alles war Handarbeit, Dolche, Hämmer und Äxte die Werkzeuge.

So wie Deutschland als Geburtshelfer der NDH diente, so stand das Deutsche Reich auch Pate beim Aufbau des Lagers Jasenovac. Vjekoslaw »Maks« Luburic, sein Organisator, hatte 1941 das KZ Sachsenhausen besucht und sich dort 15 Tage lang belehren (unterweisen) lassen, wie man einen solchen Ort einrichtet, als Kombination aus Arbeitslager und Vernichtungslager. Wobei Jasenovac an atavistischer Grausamkeit alles Geschehen in Sachsenhausen weit übertreffen sollte und das Entsetzen auch deutscher Nazis hervorrief. So klagte im März 1942 General Edmund Glaise von Horstenau, Vertreter der Wehrmacht bei der Ustascha und zeitweilig Territorialbefehlshaber über die deutschen Truppen in Kroatien, in einem Schreiben an General Feldmarschall Wilhelm Keitel über die, »unvernünftigen Greueltaten der Ustascha, die nur die Widerstandsbewegung stärker machten«. Und am 16. September 1942 schrieb der Gesandte Felix Benzler (Bevollmächtigter des Auswärtigen Amts in Belgrad) nach Berlin: »Seit der Gründung dieses Staates sind von unverantwortlichen Stellen Grausamkeiten verübt worden, wie man sie nur von vertierten Bolschewisten erwarten sollte.« Das waren nicht die einzigen Berichte dieser Art.

Das Morden wurde fortgesetzt bis zum Schluss, bis kurz vor Ende des Pavelic-Regimes im Mai 1945. Als die Jugoslawische Volksbefreiungsarmee näher kam, wagten die letzten Lagerinsassen einen verzweifelten Aufstand gegen die Ustascha. Sie wussten, dass ihre Peiniger nicht einen einzigen Zeugen übriglassen wollte. Ungefähr 80 Gefangenen gelang die Flucht durch das Tor, und sie rannten in die Freiheit, in den nahe gelegenen Wald. 520 Häftlinge fielen im Kampf. Die im Lager verbliebenen 460 Gefangenen wurden ermordet. Das war am 22. April 1945.

Die Ustascha und die Kurie

Noch heute, so sagte es Ivan Fumic, Präsident des Verbandes der antifaschistischen Kämpfer, auf der alljährlichen Gedenkveranstaltung im Jahr 2008, sei die katholische Kirche die letzte Bastion der Verteidiger des Ustascha-Regimes. Er bekam prompt eine Prozessdrohung aus dem erzbischöflichen Palais. Doch davon hat man später nichts mehr gehört, der Klerus war sich wohl auch bewusst, was da alles zur Sprache gekommen wäre in solch einem Prozess: wie groß der Beitrag der Kirche zum Massenmord von Jasenovac tatsächlich war, nicht nur personell, sondern auch und vor allem bei der mentalen Vorbereitung des Genozids.

Der Historiker Menachem Shelah hat 1988 in Oxford auf der Internationalen Konferenz »Remembering for the Future« eine Reihe von charakteristischen Äußerungen zitiert, mit denen katholische Kirchenmänner das Kirchenvolk auf den Massenmord geistig einstimmten, vor allem auf den Mord an den Juden, aber nicht nur. Der schlimmste war für Shelah der Bischof von Sarajevo, Ivan Saric, ein fanatischer Ustascha-Anhänger. In seinem Bistumsblatt Katolicki Tjednik veröffentlichte er Hassreden wie diese: »Die Bewegung der Befreiung der Welt von den Juden ist eine Bewegung zur Erneuerung der menschlichen Würde. Allwissend und allmächtig steht Gott hinter dieser Bewegung.« Sein Glaubensbruder Ivan Guberina, Professor der Theologie, attackierte in einer Reihe von Artikeln alle Kroaten, die gegen die Greueltaten der Ustascha protestierten, als geistige Zwerge. Es sei das natürliche Recht des kroatischen Staates und Volkes, seinen Organismus von Gift zu reinigen. Guberina wörtlich: »Die Ustascha-Bewegung hat sich diesem Ziel verschrieben, sie muss sich zu diesem Zweck verhalten wie ein Arzt, der eine Heilkur durchführt. Und wo nötig, muss operiert werden, und es ist das Recht Kroatiens und in Übereinstimmung mit der christlichen Moral, seine Feinde mit dem Schwert zu vernichten.«

Vom Erzbischof von Zagreb, Alojzije Stepinac, sind solche Worte nicht überliefert, aber Shelah hat darauf hingewiesen, dass er auch nichts unternommen hat, um solche Stimmen zum Schweigen zu bringen. Dass es viele Priester gab, die es nicht nur bei Worten beließen, sondern selbst Hand anlegten bei dieser Art Dienst am katholischen Glauben, auch das ist vielfach belegt. Der Italiener Corrado Zoli war nicht der einzige, der schon damals davon berichtete. Der bekannteste Peiniger ist Miroslav Filipovic (ab 1942 unter dem Pseudonym Maistorovic auftretend), ein Franziskaner, auch Bruder Satan genannt, der von Juni bis Oktober 1942 Lagerkommandant von Jasenovac war – dies allerdings nicht im Priestergewand. Das zog er erst wieder an, als er wegen seiner Teilnahme am Massenmord im Juni 1945 in Zagreb zum Tode verurteilt und gehenkt wurde.

Es gab auch katholische Geistliche, die sich der Ustascha widersetzten. Sieben Priester wurden in Jasenovac umgebracht, weil sie sich, im Dissens mit Erzbischof Stepinac, geweigert hatten, mit ihm das »Te Deum« zum Machtantritt von Ante Pavelic zu zelebrieren. Einer von ihnen war der slowenische Priester Franjo Rihar. Von ihm gibt es heute ein Bild in der Gedenkstätte von Jasenovac. Ein paar Dutzend Priester schlossen sich den Partisanen an und kämpften gegen die Faschisten. Aber viel mehr Geistliche folgten den Schlächtern. Wie es dazu kommen konnte, dass Kleriker zu Killern wurden und Mönche zu Massenmördern? Auf diese Frage gibt die kroatische Amtskirche bis heute keine Antwort. Statt dessen heute antisemitische Töne im kroatischen Bistumsblatt Glas Koncila oder Angriffe auf jüdische Historiker wie Ivo Goldstein, die die Wahrheit über das grausige Geschehen im Ustascha-Staat schreiben. Und schon Wochen vor dem 75. Jahrestag der Befreiung hat die Kirchenzeitschrift damit begonnen, in einer Reihe von Artikeln die Massenverbrechen der Ustascha kleinzuschreiben. Demnach war das Lager Jasenovac fast eine Idylle, vor allem für die Juden, die sich dort wegen ihres Reichtums jeden Luxus hätten leisten können.

Und der Vatikan? Dass man dort informiert war über das, was die katholischen Glaubensbrüder in der NDH taten, daran besteht kein Zweifel. Zugleich riet die Kurie der kroatischen Kirche zur Zurückhaltung gegenüber dem Pavelic-Regime. So empfahl Vatikanstaatssekretär Luigi Maglione dem Repräsentanten Roms in Zagreb, Ramiro Marcone, lediglich diskrete Schritte zu unternehmen gegen das, was er die »Fatti lamentati« nannte, die beklagenswerten Tatsachen – wie man die Ustascha-Untaten verharmloste. Er solle jede direkte Konfrontation mit dem Regime vermeiden. Und so blieb es bis zum Ende der Diktatur.

Was mit den Tätern geschah

Nach dem Sieg über die Nazis und damit auch über den Ustascha-Faschismus kam der Tag der Abrechnung für die von Tito angeführte jugoslawische Volksbefreiungsarmee. Die Mehrzahl der Ustascha, aber auch viele andere Kollaborateure der Deutschen – serbische Tschetniks, slowenische Domobranen, albanische und bosnische SS-Leute –, hatte sich ins österreichische Bleiburg geflüchtet; einige zehntausend Mann. Doch die inzwischen angekommenen britischen Militärs lieferten sie Titos Leuten aus, es folgte ein blutiger Racheexzess. Und bis heute ist Bleiburg ein Wallfahrtsort für kroatische Faschisten, Rechtsnationalisten und Kleriker.

Etliche Haupttäter aber entkamen, die meisten mit Hilfe der katholischen Kirche, und hier zeigte sich, wem die gar nicht so heimliche Sympathie der Kurie in Kroatien wirklich gehörte. Der Vatikan gewährte den Flüchtlingen Gastrecht und sorgte anschließend für eine Passage ins gut katholische Franco-Spanien oder, über die sogenannte Rattenlinie, nach Südamerika. Zum Beispiel nach Argentinien, wo auch der eine oder andere deutsche Massenverbrecher Unterschlupf fand, von Josef Mengele bis Adolf Eichmann. Der österreichische Bischof Alois Hudal mit Sitz im Vatikan besorgte gefälschte Pässe für eine Weiterreise.

KZ-Kommandant Luburic entkam mit klerikaler Hilfe nach Franco-Spanien, wo ihn 1969 dann ein Landsmann und mutmaßlicher Agent des jugoslawischen Geheimdienstes ermordete. Ebenso nach Spanien brachte der Kurien-Reisedienst den Erzbischof von Sarajevo, Ivan Saric. Dinko Sakic, der Mann, der das »Auschwitz des Balkans« mit aufgebaut und lange geleitet hatte, lebte 50 Jahre unbehelligt in Südamerika, bis er schließlich 1998 nach Zagreb ausgeliefert und 1999 zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde, ein Zugeständnis des EU-Beitrittskandidaten an Europa. Er starb im Alter von 86 Jahren in einem Zagreber Krankenhaus. Und Ante Pavelic, der Hauptschuldige? Auch ihn schützte die katholische Kirche zunächst vor der irdischen Gerechtigkeit, half dem in Abwesenheit zum Tode verurteilten, nach Argentinien zu entkommen. Dort wurde er am 10. April 1957, dem Gründungsdatum der NDH, bei einem Attentat verletzt. Er starb einige Monate später an den Folgen des Attentats im deutschen Krankenhaus von Madrid, einen von Papst Pius XII. geschenkten Rosenkranz in der Hand.

Über die Rolle von Erzbischof Alojzije Stepinac wird bis heute gestritten, jedenfalls war seine Seligsprechung als »Märtyrer« im Jahr 1998 für viele eine Provokation, auch für viele Kroaten, die der katholischen Amtskirche nicht ganz so nahe stehen. Tito hatte ihn nach dem Krieg wegen Zusammenarbeit mit den Ustascha-Faschisten zu einer Gefängnisstrafe verurteilen lassen, die er allerdings in komfortablem Hausarrest absaß.

Erinnerungskrieg und kein Ende

Mittlerweile hat der Krieg um die Erinnerung auch Bosnien-Herzegowina erreicht. Gestritten wird um die Toten von Bleiburg, für deren Andenken der kroatische Staat seit Jahren ein Mehrfaches der für die Gedenkstätte von Jasenovac zur Verfügung stehenden Gelder ausgibt. Aber man sieht jetzt in Österreich die Bleiburger Kroaten-Gedenktage nicht mehr so gern, hatten sie sich in den letzten Jahren doch zu »den größten Faschistentreffen in Europa« entwickelt, wie das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes feststellte, und es wurden immer wieder Ustascha-Symbole gezeigt.

Und weil die Kärnter katholische Kirche sich geweigert hat, die Messe für die Ustaschas zu lesen, hat die kroatische Bischofskonferenz das Bleiburger Gedenken nach Sarajevo verlegt. Dort hat der kroatische Kardinal Vinko Puljic am 16. Mai in der Herz-Jesu-Kathedrale die Messe gelesen, was schon im vorhinein auf heftigen Widerstand gestoßen war, auch international. So protestierte der Jüdische Weltkongress, diese Erinnerungsfeiern verherrlichten Individuen, die in die Aktivitäten eines Regimes involviert waren, das Hunderttausende unschuldiger Männer, Frauen und Kinder nur ihrer ethnischen oder religiösen Identität wegen exekutiert hat. Und der Präsident der jüdischen Gemeinde von Sarajevo, Jacob Finci, schrieb in einem offenen Brief, die Messe verherrliche »die Henker unserer Mütter, Väter, Großväter, Landsleute und aller anderen unschuldigen Menschen, die vom faschistischen ›Unabhängigen Staat Kroatien‹ getötet wurden«. Auch dürfte sich in Sarajevo so mancher an Puljics Vorgänger im Amt, Erzbischof Ivan Saric, erinnert haben, den Ustascha-Mann in der Soutane und seinen (weiter oben zitierten) offenen Aufruf zum Judenmord.

Vor der Kathedrale demonstrierten, ungeachtet der Coronaeinschränkungen, rund 5.000 Antifaschisten gegen einen Gottesdienst, der auch Tätern des faschistischen Ustascha-Regimes galt. Die Demonstranten sangen Partisanenlieder aus dem Zweiten Weltkrieg und riefen »Smrt fasizmu, sloboda narodu« – Tod dem Faschismus, Freiheit für das Volk«. Von der Kathedrale marschierten sie zu einem Denkmal, das an Widerstandskämpfer erinnert, die im April 1945, nur wenige Tage vor der Befreiung, von den Ustaschen ermordet worden waren, und weiter zur ewigen Flamme an der Marschall-Tito-Straße, die dort zu Ehren mehrerer zehntausend Opfer der Ustascha-Besatzung von Sarajevo brennt.

Und die Toten von Jasenovac? Wie dort gemeinsam der Opfer des Faschismus gedenken angesichts der politischen Verhältnisse im EU-Land Kroatien? Der Geschichtsrevisionismus treibt dort schlimme Blüten. Seit 2016, als die wieder auf stramm rechtem Kurs befindliche HDZ erneut ans Ruder kam, hatten deshalb jüdische und serbische Organisationen an den offiziellen Gedenkveranstaltungen von Jasenovac nicht mehr teilgenommen. Dass sie dieses Jahr am 22. April eigene Vertreter zu einer gemeinsamen Veranstaltung entsandten, geschah unter Vorbehalt angesichts des von der Regierung und der Kirche geförderten Rechtskurses in Kroatien.

Auf öffentlichen Veranstaltungen, auch in Fußballstadien, kann man Ustascha-Symbole sehen, wird die Hymne eines Rechtsrockers gegrölt, die dem NDH-Regime huldigt. »Jasenovac, i gradiska stara«, ein Loblied auf den Lagergründer Maks Luburic, den »Metzger« und den Diktator Pavelic, Fußballfans brüllen den Faschistengruß »Za dom spremni« (»Für die Heimat bereit«). Noch unlängst hatte sich der Bischof von Zadar, Zelimir Puljic, dafür eingesetzt, genau diesen Gruß, das kroatische »Sieg heil«, beim Militär wieder zu verwenden. Zeitungs- und Rundfunkkorrespondenten, die solche Vorgänge kritisch kommentieren, werden in letzter Zeit in Zagreb immer öfter angegriffen, auch Morddrohungen hat es gegeben.

Zweierlei Gedenken

Nach der gewaltsamen Trennung von der jugoslawischen Bundesrepublik gab es in Kroatien zunächst kein Interesse mehr an einem Gedenkort, der an eine schlimme Vergangenheit erinnerte. Franjo Tudjman, vor genau 30 Jahren zum ersten Präsidenten der neuen Republik Kroatien gewählt, hatte eigene Pläne für eine kroatische Gedenkstätte aller Kriegsopfer, in die er auch die sterblichen Überreste der Opfer von Bleiburg überführen lassen wollte, zu denen ja auch die Schlächter von Jasenovac und andere Mörder aus den Jahren der NDH gehören. Eine solche Vermischung war für die Überlebenden völlig unannehmbar. Nach Tudjmans Tod im Dezember 1999 wurde sein Plan für eine umfunktionierte KZ-Gedenkstätte in Jasenovac beerdigt, wobei auch die Aussicht Kroatiens auf Mitgliedschaft in der Europäischen Union eine Rolle gespielt haben dürfte. Bis heute gibt es eine zweite Gedenkstätte am anderen Ufer des Flusses, auf dem Territorium der bosnischen Republika Srpska, und seither herrschen zwei unterschiedliche Narrative, auch im Hinblick auf die Zahl der Opfer.

So wurde auch in diesem Jahr, zum 75. Jahrestag der Befreiung, der Toten von Jasenovac einmal mehr an zwei getrennten Stätten gedacht, diesseits und jenseits der Save. Ins bosnische Donja Gradina waren neben den Opfervertretern auch die Botschafter der USA und Russlands sowie der Bosnien-Vertreter der Europäischen Union gereist. Dabei existiert von den Denkmalkuratoren wie auch von dem Historiker Salomon Jasbec der Vorschlag, eine wieder vereinigte Gedenkstätte Jasenovac als einen Ort des Weltkulturerbes der UNESCO zu begründen. Dem ehemaligen kroatischen Präsidenten Stjepan »Stipe« Mesic erschien dies als durchaus denkbar und realisierbar, wie er dem Autor dieser Zeilen im Juli 2009 in einem Interview sagte. Aber das war kurz vor Ende seiner Präsidentschaft, und keiner seiner Nachfolger ist auf den Vorschlag zurückgekommen. Eine grenzüberschreitende Wiedervereinigung der Memorial Sites unter internationaler Schirmherrschaft, vielleicht sogar mit einer Brücke über die Save an diesem ehemaligen Ort des Schreckens ist eine Idee der Versöhnung und des Friedens.

Anmerkung

1 Die Ustascha (Ustaša – Hrvatska revolucionarna organizacija, deutsch: Der Aufständische – Kroatische revolutionäre Organisation) war zunächst ein von Ante Pavelić am 10. Januar 1929 im Königreich Italien gegründeter und von ihm geführter kroatischer rechtsextrem-terroristischer Geheimbund, der sich zu einer faschistischen Bewegung entwickelte. Bis die kroatischen Faschisten dank der Unterstützung der Achsenmächte im April 1941 ihren eigenen Staat erhielten, betrug die Zahl der formell aufgenommenen Ustaschen, die sich aus Studenten, Professoren, Schriftstellern, Juristen, ehemaligen k.u.k. Offizieren, Mitgliedern katholischer Vereinigungen und Angehörigen sozialer Randgruppen rekrutierten, vermutlich nie mehr als 3.000 bis 4.000 Personen in der Heimat und im Exil.

Eberhard Rondholz ist Historiker und Journalist. Er war lange Zeit beim Westdeutschen Rundfunk angestellt und beschäftigt sich vor allem mit den deutschen Kriegsverbrechen in Griechenland.

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