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Aus: Ausgabe vom 06.04.2021, Seite 12 / Thema
Geschichte Jugoslawiens

Das Guernica des Balkans

Vor 80 Jahren überfiel die Wehrmacht Jugoslawien und bombardierte Belgrad. Die Kommunistische Partei unter Tito nahm den Kampf auf
Von Paul Michel
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Die Südseite des kriegsversehrten Trg Republike (Platz der Republik) in der ehemaligen jugoslawischen Hauptstadt Belgrad

Am Morgen des 6. April 1941, dem Palmsonntag, attackierten etwa 500 deutsche Kampfflugzeuge ohne jede Vorankündigung in mehreren Wellen Belgrad. Große Teile der jugoslawischen Hauptstadt versanken in Schutt und Asche. Zwischen 1.500 und 3.000 Menschen verloren ihr Leben: Es war das Guernica des Balkans. Die deutsche Propaganda feierte die barbarische Aktion als verdientes »Strafgericht«.

Das Jugoslawien der Zwischenkriegszeit war ein rückständiges Agrarland. 1921 lebten 79 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft; zwanzig Jahre später waren es immer noch mehr als 75 Prozent. Es gab eine große ländliche Überbevölkerung, d. h. es lebten erheblich mehr Menschen auf dem Land, als die lokale Landwirtschaft ernähren konnte, es herrschte Unterernährung. Die Analphabetenrate des Landes lag 1921 bei 51,5 Prozent, in den ländlichen Regionen des Südens noch deutlich höher: in Mazedonien etwa bei 84 Prozent. Ansätze von Industrie gab es nur im Nordwesten, in Slowenien und Kroatien. Das Land war zwar reich an Bodenschätzen, diese wurden aber von ausländischen Konzernen ausgebeutet, so dass sie der einheimischen Bevölkerung kaum etwas einbrachten. Wie in fast allen Ländern des Balkans herrschte auch in Jugoslawien eine autoritäre Monarchie. Im Januar 1929 löste König Alexander das Parlament auf, ließ alle Parteien verbieten und sprach sich selbst diktatorische Vollmachten zu. Im Land herrschte ein Klima der Angst, der Sicherheitsapparat exekutierte ein brutales Terrorregiment. Zahlreiche Mitglieder der für illegal erklärten Kommunistischen Partei wurden schon bei der Festnahme von der Geheimpolizei ermordet. Wer die Festnahme überlebte, wurde zumeist einer brutalen Folter unterzogen.

Trotz dieser Unterdrückung progressiver Kräfte war das Regime instabil. Es gab ständig Regierungsumbildungen, die Unzufriedenheit im Land wuchs. Am 9. Oktober 1934 fiel König Alexander in Marseille einem Attentat durch Usta­scha-Terroristen zum Opfer. Danach kehrte das Land zwar formal wieder zum Parlamentarismus zurück, und einige liberale Parteien wurden wieder zugelassen, doch insgesamt blieb das Regime repressiv. Dominierende Figur war bis 1939 Milan Stojadinovic, der als Ministerpräsident Ende der 1930er Jahre die Annäherung an die Achsenmächte suchte. Auch innenpolitisch orientierte er sich an den beiden faschistischen Staaten Italien und Deutsches Reich. Er ließ sich als Führer bezeichnen und schuf einen eigenen, militaristisch organisierten Jugendverband.

Deutsche Begehrlichkeiten

Das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, wie das multinationale Balkanland bis 1929 hieß, war Ziel der Begierde der deutschen Eliten. Die Nazis sahen es im Rahmen ihrer Kriegsvorbereitungen wegen seiner Vorkommen kriegswichtiger Rohstoffe wie Kupfer, Chrom, dem Aluminiumausgangsstoff Bauxit, Blei, Zink, Mangan sowie wegen seiner landwirtschaftlichen Produkte als wichtigen Zulieferer. Wegen seiner räumlichen Nähe zu Deutschland galt es zudem als »blockadesicherer Raum«. Die Außenpolitik der Nazis zielte darauf ab, Jugoslawien politisch von Frankreich, an das es sich bisher angelehnt hatte, abzudrängen. Zum Zwecke einer Annäherung bot Nazideutschland bereits 1934 Jugoslawien an, für landwirtschaftliche Produkte Preise zu zahlen, die über dem Weltmarktpreis lagen. Die Verrechnung sollte nicht in Devisen, sondern mit aus Deutschland zu liefernden Industrieprodukten erfolgen. Zielsicher gelang es dem Deutschen Reich damit, sukzessive zum wichtigsten Handelspartner Jugoslawiens aufzusteigen. Nahm Deutschland zwischen 1931 und 1935 erst 14,1 Prozent der jugoslawischen Exporte ab, waren es 1936 bereits 25,4 Prozent und 1939 sogar 45,9 Prozent. Am 25. August 1937 resümierte das Auswärtige Amt zufrieden, durch die »planmäßige deutsche Wirtschaftspolitik« sei die »weitgehende Loslösung Jugoslawiens von Frankreich und der Kleinen Entente« erreicht worden.

Nach der Unterwerfung Österreichs 1938 trat das Nazireich gegenüber Jugoslawien immer fordernder und drohender auf. Am 23. Januar 1939 sagte der Reichsstatthalter für Österreich, Arthur Seyß-Inquart, in einer Rede vor hohen Offizieren der Wehrmacht, die Annexion Österreichs bedeute »eine gewaltige Stärkung des Potentials des Reiches« und »die breite Öffnung des Tores nach Südosten«. Man könne den Regierungen dort jetzt sagen: »Ihr wisst, dass wir so stark sind, dass jeder, der gegen uns geht, vernichtet wird.«

Ab Sommer 1940 wurden jugoslawische Regierungsmitglieder mehrfach zu Verhandlungen nach Deutschland zitiert, um sie zum Beitritt zum Dreierpakt (Deutschland, Italien, Japan) zu drängen. Am 15. Februar 1941 forderte Hitler in Berchtesgaden den jugoslawischen Außenminister ultimativ zum Beitritt auf. Am 25. März 1941 wurde im Wiener Schloss Belvedere in einer pompösen Zeremonie der Beitritt Jugoslawiens zum Dreimächtepakt vollzogen. Der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrop erklärte mit unverhohlener Vorfreude, dass nun »der gesamte bisher neutrale Balkan sich im Lager der Ordnung befindet«.

Der Aufstand und die Rache

Der unter erheblichem außenpolitischem Druck vollzogene Schritt empörte vor allem die Eliten in Serbien, die sich traditionell den Westalliierten verbunden fühlten. In Jugoslawien erhob sich ein Sturm der Entrüstung gegen die Unterwerfung unter das faschistische Deutschland. In verschiedenen Städten gab es Massenproteste, bei denen die Kommunistische Partei (KP) eine führende Rolle spielte. Eine probritische Offiziersgruppe um den Luftwaffenchef Dusan Simovic nutzte die Situation und stürzte am 27. März 1941 die Regierung des nazifreundlichen Premiers Dragisa Cvetkovic, der im Februar 1939 den von Prinzregent Paul von Jugoslawien abgesetzten Stojadinovic ersetzt hatte. Tausende tanzten und jubelten an diesem Tag auf Belgrads Straßen.

Die Belgrader Ereignisse bedeuteten eine schwere Schlappe für die deutsche Südosteuropapolitik. Der soeben unterworfene, politisch wie rüstungswirtschaftlich wichtige Balkan drohte den Deutschen wieder zu entgleiten. Hitler fühlt sich brüskiert und tobte. Er ordnete an, Jugoslawien so schnell wie möglich niederzuwerfen und als Staatsgebilde »zu zerschlagen«. Der Schlag müsse »mit unerbittlicher Härte (…) und in einem Blitzunternehmen« durchgeführt werden. »In diesem Zusammenhang«, so wurde weiter festgelegt, sei »der Beginn des ›Barbarossa-Unternehmens‹«, d. h. der Überfall auf die Sowjetunion, »bis zu vier Wochen« zu verschieben. Man entschloss sich, den Überfall auf Griechenland und auf Jugoslawien gleichzeitig durchzuführen und für den »Doppelschlag« auch Verbände aus dem »Barbarossa«-Aufmarsch einzusetzen.

Am 6. April 1941 in den frühen Morgenstunden flog die Luftwaffe im Rahmen des »Unternehmens Strafgericht« ihre ersten Bombenangriffe auf Belgrad. In den nächsten Tagen warf sie 440 Tonnen Brand- und Splitterbomben ab. 9.000 Häuser wurden im Feuersturm zerstört, 3.000 Menschen getötet – mehr als in Warschau, Rotterdam und Coventry zusammen. Gleichzeitig griffen Wehrmachtverbände mit 33 Divisionen, davon sechs Panzerdivisionen und insgesamt 680.000 Soldaten, Griechenland und Jugoslawien an. Deutsche Truppen fielen von der Steiermark, Ungarn, Rumänien und Bulgarien aus ins Land ein. Bereits in den ersten Tagen des Krieges zeigte sich, dass die jugoslawischen Truppen dem konzentrierten Angriff der Wehrmacht nicht gewachsen waren. Überall durchbrachen die deutschen Panzerverbände die Abwehrstellungen. Am 17. April musste Jugoslawien kapitulieren.

Der Vielvölkerstaat verschwand von der politischen Landkarte. Deutschland annektierte Nordslowenien und besetzte Serbien und das Banat. Serbien wurde unter deutsche Militärverwaltung gestellt. Italien erhielt Südslowenien, Dalmatien und Montenegro. Die faschistische Ustascha unter ihrem »Führer« Ante Pavelic wurde ermächtigt, auf dem Gebiet Kroatiens und Bosnien-Herzegowinas den nominell unabhängigen Staat Kroatien zu errichten. Kosovo und Westmakedonien fielen an Albanien, das seit 1939 italienisches Protektorat war. Während Bulgarien nach Ostmakedonien griff, besetzte Ungarn die Region Vojvodina.

Terror in Kroatien

Im neu geschaffenen »Unabhängigen Staat Kroatien« (USK) verfolgte das Ustascha-Regime den Plan, ein ethnisch reines Kroatien zu schaffen. Die Zusammensetzung des USK mit seinen 6,3 Millionen Einwohnern war zu diesem Zeitpunkt extrem heterogen: Nur eine knappe Mehrheit von 3,3 Millionen waren Kroaten. Hinzu kamen etwa zwei Millionen Serben, 700.000 Muslime, 150.000 Deutsche und weitere Minderheiten. Mit unvorstellbarer Brutalität ging die Ustascha gegen Juden und vor allem gegen die Serben vor, die sich durch ein blaues Band kennzeichnen mussten. Einer der Ustascha-Führer, Milovan Zanic, sagte: »Es gibt keine Methode, die wir als Usta­schen nicht anwenden werden, um dieses Land wirklich kroatisch zu machen und von Serben zu säubern.«¹

Die kroatischen Faschisten verfolgten das Ziel, zwischen einem Drittel und der Hälfte der knapp zwei Millionen Serben umzubringen. Der Rest sollte vertrieben oder zwangsweise zum Katholizismus bekehrt werden, was schließlich, so meinten sie, »gute Kroaten« aus ihnen machen würde. Der Ustascha-Kommandeur von Banja Luka, Viktor Gutic, kündigte schon im Mai 1941 vor seiner johlenden Gefolgschaft an: »Ich habe Anweisung gegeben zur völligen Ausrottung der Serben. Vernichtet sie, wo immer ihr ihnen begegnet, und der Segen des Poglavnik (»Führer«, gemeint ist Pavelic, jW) sowie meiner ist euch gewiss!« Die Mordbrennerbanden erschlugen ihre Opfer mit Äxten oder Beilen, malträtierten sie mit Messern, steckten sie bei lebendigem Leib in Brand oder stürzten sie in Schluchten zu Tode. Allein im berüchtigten KZ Jasenovac kamen mindestens 90.000 Menschen um. Nach vorsichtigen Schätzungen wurden im »Unabhängigen Staat Kroatien« mehr als eine halbe Million Menschen ermordet.

Befreiung durch Tito

Zum Zeitpunkt des deutschen Überfalls zählte die KP Jugoslawiens 8.000 Mitglieder plus 30.000 Mitglieder der Jugendorganisation. Im April 1941 waren die Untergliederungen der Kommunistischen Partei im ganzen Lande damit beschäftigt, geheime Waffenlager anzulegen und die notwendigen Vorbereitungen zu treffen, um im geeigneten Moment den bewaffneten Kampf aufzunehmen. Es wurden Gruppen gebildet, die mit Waffenunterricht und Erste-Hilfe-Kursen begannen. Ein Militärausschuss wurde gebildet, der all diese Maßnahmen koordinieren sollte. Josip Broz, der sich den Kampfnamen »Tito« gegeben hatte, übernahm die Leitung. In seiner Schrift »Strategie und Taktik des bewaffneten Aufstands« beschrieb Tito die Strategie für die Anfangsphase des Widerstands so: Die Partisanen sollten pausenlos kleinere, dezentrale Aktionen durchführen – Benzinlager, Brücken und Eisenbahnen in die Luft jagen, Telefonkabel durchschneiden, Waffenlager plündern und Wegweiser verstellen. Ziel war es, dem Feind größtmöglichen Schaden zuzufügen und zugleich die eigenen Verluste möglichst gering zu halten.

Ende April und erneut Anfang Mai meldete Tito über die Botschaft der UdSSR, dass sich deutsche Einheiten in Richtung Sowjetunion bewegten. Auf den Panzern der Wehrmacht, die durch Belgrad und über die Donau in Richtung Rumänien fuhren, stand »Nach Moskau«. Die Nachricht vom deutschen Angriff auf die So­wjetunion am 22. Juni 1941 war für die jugoslawische KP, die seit dem Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes unter großem psychologischem Druck gestanden und zunächst zögerlich reagiert hatte, das entscheidende Signal, um loszuschlagen. Nach dem 22. Juni registrierte die Wehrmacht trotz ihrer Politik drakonischer Strafen einen drastischen Anstieg von Sabotageaktionen und Überfällen. Allein in Serbien zählte die militärische Führung im August 242 Angriffe auf Eisenbahn- und Telefonlinien, Brücken und Industriebetriebe sowie auf Gendarmerie- und Wehrmachtsposten.

Tito berief noch am 22. Juni eine Politbürositzung ein. Er entwarf eine Proklamation, die noch in derselben Nacht verbreitet wurde. Am 4. Juli 1941 rief die Kommunistische Partei zum bewaffneten Aufstand auf. Sie wies darauf hin, dass dies ein Akt nationaler Notwehr sei, um der durch Ausbeutung und Terror entstandenen existentiellen Bedrohung zu begegnen. Tito fasste die Strategie wie folgt zusammen: »Die Art des Kampfes hängt von den in den verschiedenen Teilen des Landes herrschenden Bedingungen ab. In einigen Gebieten steht die gesamte Bevölkerung der Besatzung feindlich gegenüber, in anderen haben die Menschen noch Illusionen über die ›Befreiungsmission‹ der Besatzungsmächte. Wo uns die Verhältnisse günstig sind, hauptsächlich in den Bergen, sollten wir unverzüglich mit der Aufstellung von kleinen, leicht beweglichen Partisaneneinheiten beginnen, die in der Lage sind, rasch zuzuschlagen, um sich dann ebensoschnell in andere Gegenden abzusetzen. Wo die Bedingungen für den Partisanenkrieg ungünstig sind, beispielsweise in den Städten, müssen kleinere, vielseitig einsatzfähige Gruppen gebildet werden.«²

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Die Ruinen des serbischen Königspalastes nach der Bombadierung der damaligen jugoslawischen Hauptstadt Belgrad durch die Wehrmacht im April 1941

In einer Lagebeurteilung des Zentralkomitees wies Tito darauf hin, dass die Besatzungsmächte versuchten, die Nationalitätenkonflikte innerhalb Jugoslawiens für ihre Zwecke zu nutzen. Demgegenüber sei es Ziel der KP Jugoslawiens, alle Völkerschaften und nationalen Minderheiten zu vereinigen: »Der vor uns liegende Kampf muss in seinem Wesen panjugoslawisch sein. (…) Wir werden nur dann Erfolg haben, wenn wir die Massen davon überzeugen können, dass das alte, von Serbien beherrschte Jugoslawien nicht wieder auferstehen wird und dass im neuen Jugoslawien alle Völker gleichberechtigt sein werden.« Eine zentrale Parole der Partisanen war »Brüderlichkeit und Einheit«. Diese einfache Parole in die Praxis umzusetzen erforderte unter Bedingungen, in denen das systematische Entfachen von Konflikten zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen eines der wichtigsten Mittel der Besatzungsmacht zur Herrschaftssicherung war, ein sehr vorsichtiges Vorgehen der Partisanen. Auch wenn es immer wieder Rückschläge geben sollte, gelang es den Partisanen im Laufe des Befreiungskriegs praktisch in allen Regionen, eine Massenbasis zu erlangen.

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion zogen die Deutschen ihre schlagkräftigsten Truppen vom Balkan ab. Es blieben nur Einheiten, die für die Kontrolle der Verkehrswege zwischen Ljubiljana, Zagreb, Belgrad und Saloniki nötig waren, um die Versorgung der Militäreinheiten in Griechenland und der Truppen Erwin Rommels in Nordafrika sicherzustellen. Die von Tito vorgeschlagene Strategie der Nadelstiche schien in den ersten Monaten aufzugehen. Den Partisanen glückte eine Reihe von Guerillaaktionen, so dass ihnen beträchtliche Mengen an Waffen und Munition in die Hände fielen. Alsbald breitete sich der Aufstand wie ein Flächenbrand aus. Vor allem in Serbien errangen die Partisanen spektakuläre militärische Erfolge. Von besonderem Gewicht war die Befreiung von Uzice mit seiner Rüstungsfabrik im September 1941: Zum ersten Mal konnten die Aufständischen ausreichend mit Waffen versorgt werden. Die Kommunistische Partei bildete als zentrales militärisches Stabs- und Kommandoorgan den »Hauptstab der Volksbefreiungs- und Partisaneneinheiten«.

Besatzungsterror der Wehrmacht

Auf die Widerstandsaktionen reagierte die deutsche Besatzungsmacht mit äußerster Härte: Der aus Österreich stammende General Franz Böhme wurde von Hitler mit der Niederschlagung des Partisanenaufstands betraut. Im Herbst rollte eine riesige Mordwelle durch das Land. Mit weiträumigen Operationen gingen die Deutschen gegen die Aufständischen vor, plünderten und zündeten Dörfer an, ermordeten im Herbst 1941 zwischen 20.000 und 30.000 serbische Zivilisten, darunter fast alle jüdischen Männer. Der Oberbefehlshaber der 2. Armee, Generaloberst von Weichs, befahl bereits am 28. April 1941, als Sühne für jeden Soldaten, der durch einen Überfall zu Schaden kam, 1.000 Zivilisten aller Bevölkerungsschichten »rücksichtlos« zu erschießen und die Leichen öffentlich aufzuhängen.

Der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Wilhelm Keitel, bestätigte am 16. September in Geheimer Kommandosache noch einmal ausdrücklich, als »Sühne für ein deutsches Soldatenleben« 50 bis 100 Kommunisten sowie nationalistische und bürgerlich-demokratische Geiseln erschießen zu lassen. Zwei diese Racheakte übertrafen in ihren Dimensionen selbst die Kriegsverbrechen von Lidice und Oradour. Unweit der mittelserbischen Stadt Kragujevac gab es ein Gefecht mit Partisanen. Zehn deutsche Soldaten wurden getötet, 26 verwundet. Am Morgen des 21. Oktober begannen die Massenerschießungen durch die Wehrmacht. 2.300 Bürger von Kragujevac starben. Etwa gleichzeitig wurden auf dieselbe Weise mehr als 1.700 Bewohner von Kraljevo ermordet. Die Wehrmacht dürfte im zerschlagenen Jugoslawien insgesamt etwa 80.000 Geiseln umgebracht haben.

Nach dem raschen Zusammenbruch der jugoslawischen Streitkräfte war das Kalkül der Oberkommandierenden der Wehrmacht, dass vier Infanteriedivisionen und acht Landesschützenbataillone, insgesamt 25.000 bis 30.000 Mann, ausreichen würden, um die kriegswichtigen Bauxit-, Nickel- und Chromvorkommen, die landwirtschaftlichen Anbaugebiete sowie die Nachschublinien für den »Russlandfeldzug« zu sichern. Nachdem der Widerstand der Partisanen immer stärker wurde, sah sich die deutsche Führung gezwungen, ständig weitere Truppen nach Jugoslawien zu verlegen. 1943/44 befanden sich 18 Wehrmachtsdivisionen mit 250.000 Mann in Jugoslawien, um die ständig stärker werdende Volksbefreiungsarmee zu bekämpfen. Am Ende gelang es aber den jugoslawischen Partisaninnen und Partisanen, aus eigener Kraft die deutschen Besatzer zu vertreiben. Allerdings zu einem hohen Preis. Mehr als 350.000 der Widerstandskämpfer verloren ihr Leben, 400.000 wurden verwundet.

Anmerkungen

1 Marie-Janine Calic: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert. München 2010, S. 118

2 Zit. nach Svetosar Vukamanovic Tempo: Mein Weg mit Tito. München/Zürich 1972, S. 94

Literatur

– Phyllis Auty: Tito – Staatsmann aus dem Widerstand. Bertelsmann-Verlag, München 1970

– Marie-Janine Calic: Tito – Der ewige Partisan. C. H. Beck, München 2020

– Misha Glenny: The Balkans. Nationalism, War and the Great Powers 1804–1999. Penguin, London 1999

– Jozo Tomasevic: Yugoslavia during the Second World War. In: Wayne S. Vucinich: Yugoslavia – Twenty Years of Socialist Experiment. University of California Press, Berkeley 1969

– Wayne Vucinich: Interwar Yugoslavia. In: Wayne S. Vucinich: Yugoslavia – Twenty Years of Socialist Experiment. a. a. O.

– Duncan Wilson: Tito’s Yugoslavia. Cambridge University Press, London 1979

Paul Michel ist Herausgeber und Mitautor des Buches »Die jugoslawische Arbeiterselbstverwaltung – Licht und Schatten«, das 2020 im Neuen ISP-Verlag erschien

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