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Aus: Ausgabe vom 27.02.2026, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Landwirtschaftspolitik

Bäuerlicher Überlebenskampf

Mit Traktoren gegen die Regierung: Für höhere Erzeugerpreise blockieren Serbiens Landwirte den Verkehr
Von Roland Zschächner
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Serbische Landwirte blockieren Straßen in Bogatić und im ganzen Land (24.2.2026)

Den Bauern in Serbien reicht es: »Wir werden beleidigt und manipuliert«, schimpft Dejan Trajković vom Verein »Naše mléko« (Unsere Milch) auf die Regierung, vor allem aber auf Landwirtschaftsminister Dragan Glamočić. Seit Dienstag haben die serbischen Bauern den Verkehr des Balkanlands lahmgelegt, darunter auch Autobahnen. Vorerst bleiben ihre Traktoren auf den Straßen und Plätzen, denn Glamočić zeigt gegenüber den Forderungen der Landwirte kein Entgegenkommen. Im Gegenteil. Der studierte Agrarwissenschaftler zieht alle Hebel, um die Lage auf die Spitze zu treiben: Lüge, Spaltung und finanzielle Geschenke.

Die Antwort der Landwirte ist klar. In deutlichen Worten teilen sie Glamočić am Mittwoch in einem Statement mit, dass es vorerst keine Gespräche mehr geben wird: »Von Behauptungen, dass der Gewinn pro Kuh 4.000 Euro beträgt, dass die Produzenten ›betrunkene Millionäre‹ sind, die ›Rolex-Uhren tragen‹, bis zur Frage, warum wir in dieser Branche arbeiten, wenn sie angeblich nicht rentabel ist, und wir jung sind und einen anderen Job finden können, sowie Vorwürfen, wir seien Politiker – halten wir es für unter unserer Würde, den Dialog mit einem solchen Minister fortzusetzen«, heißt es in der Erklärung.

Den Bauern geht es langfristig um ein anderes Agrarsystem, kurzfristig fordern sie vom Staat eine Stabilisierung der Preise, vor allem für Milch und Schweinefleisch. In diesen Bereichen sind die Erzeugerpreise in den vergangenen Monaten stark gefallen.

Billigfleisch und -milch werden vor allem aus der Europäischen Union, vorrangig Spanien, Polen und der Bundesrepublik, nach Serbien importiert. Dabei können die kleinen bäuerlichen Betriebe nicht mit den westlichen Agrarkonzernen konkurrieren. Das ist gewollt, auch von serbischer Seite. Seit 2013 werden die Handelsbeziehungen im Agrarbereich durch das Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen zwischen der EU und Serbien geregelt; Zölle für Agrarprodukte wurden gesenkt oder ganz abgeschafft.

Die Proteste begannen am 11. Februar mit einer Blockade im Dorf Mrčajevci in Zentralserbien. Später zogen die Viehzüchter vor das Rathaus von Kraljevo. Dort schütteten sie Milch aus, die Reste wurden an die Bürger der Stadt verteilt. Schnell breitete sich der Protest im ganzen Land aus. Am vergangenen Sonnabend kamen Vertreter von 32 Bauernverbänden in der Protesthochburg Mrčajevci zusammen. Sie berieten sich und kamen dabei überein, die Aktionen zu radikalisieren: »Die Regierung weiß um unsere Probleme, aber sie hört uns im Moment nicht zu«, so die Landwirte nach ihrer Beratung. Am Dienstag wurden die Straßen des Landes blockiert.

Minister Glamočić versucht, die Traktorenproteste auszusitzen. Bei einem Treffen mit den Bauern wurde er nicht nur beleidigend, anschließend sagte er der Presse, man würde den Landwirten bei fast allen Forderungen entgegenkommen – eine Lüge, wie die Bauern später klarstellten. Außerdem, so der Minister, plane die Regierung neue Subventionen und günstige Kredite, etwa für Kunstdünger. Für die Bauern ist das Augenwischerei, denn damit wäre keines der strukturellen Probleme wie die Marktmacht der Ankäufer und der Druck aus dem Ausland gelöst. Die Landwirte bleiben vielmehr weiterhin in Abhängigkeit.

Dabei ist der Unmut der Landwirte schon seit Jahren groß. Immer wieder gehen sie auf die Straße; einige Bauernverbände hatten sich in den vergangenen Monaten der von Studierenden getragenen Bewegung gegen Korruption und die SNS-Regierung angeschlossen. Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Bauern zum Klientel der Fortschrittspartei gehören.

Die Landwirtschaft ist mit rund 565.000 Betrieben und insgesamt 1,34 Millionen Beschäftigten, rund 20 Prozent der Erwerbstätigen, ein relevanter Teil der serbischen Ökonomie. Zugleich werden dort nur 6,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet, auch weil es sich um kleine Familienbetriebe handelt. Darunter sind Hunderttausende Nebenerwerbsbauern, die oft noch andere Jobs haben. Hinzukommen eine Fragmentierung nach Region und Bereich, so dass die Probleme eines Getreidebauern aus der Vojvodina andere sind als die eines Viehzüchters aus der Šumadija.

Der Zersplitterung sind sich auch die Landwirte bewusst: »Wir alle wissen, dass die Landwirtschaft für die sozioökonomische und politische Stabilität eines Staates von entscheidender Bedeutung ist«, warnt Zlatko Kokanović von der Vereinigung zur Rettung und zum Überleben der Viehzüchter Westserbiens gegenüber der Zeitung Danas. »Ein Staat ohne Landwirtschaft, ohne Nahrungsmittelversorgungssicherheit kann nicht überleben und existieren.« Ohne Regierung könnte es indes schon klappen.

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