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Aus: Ausgabe vom 01.04.2026, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Globale Lieferketten

Die Fragilität des Marktes

Krieg gegen Iran sorgt für empfindliche Lieferkettenstörungen und Knappheit bei Helium, Petrochemikalien sowie Aluminium
Von Luca von Ludwig
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Je länger die Blockade der Straße von Hormus anhält, desto drastischer werden die Folgeeffekte ausfallen (27.3.2026)

Der Markt wird frei geboren, und liegt doch überall in Lieferketten. Diese Lektion lernen Konzerne in aller Welt – mal wieder. Israels Angriff auf das iranische Gasfeld South Pars und Teherans Gegenschlag auf Ras Laffan in Katar, der weltweit größten Produktionsstätte für Flüssigerdgas (LNG), rückten wegen der offenkundigen Konsequenzen für die Energiepreise noch in den Fokus der allgemeinen Öffentlichkeit. Doch der Krieg in der Golfregion verursacht zahlreiche Folgeeffekte für die globale Wirtschaftsordnung. So führt der Ausfall von gut 20 Prozent der globalen LNG-Produktion absehbar nicht nur zu einer Düngemittelknappheit, sondern der Krieg gegen Iran ferner zu einem Mangel an Helium, Chemikalien auf Erdölbasis und Aluminium – essentiellen Rohstoffen für zahlreiche Industriezweige.

Helium wird knapp

Helium wird bei der Verarbeitung von Erdgas zu LNG als wertvolles Nebenprodukt gewonnen. Im Erdgas kommt es zwar in relativ niedriger Konzentration vor, doch liegt sein Siedepunkt weit unter dem der als Energieträger begehrten Bestandteile: Bei deren Verflüssigung bleibt es als Gas zurück und kann effizient abgeschöpft werden. Erst nahe dem absoluten Temperaturnullpunkt wird es flüssig, und fest (bei normalem Atmosphärendruck) als einzige bekannte Substanz überhaupt nie. Katar war 2025 mit 63 Millionen Kubikmetern – mehr als einem Drittel der Produktion weltweit – der zweitgrößte Heliumlieferant, hinter den USA mit 81 Millionen, und weit vor Russland mit 18 Millionen Kubikmetern.

Die besonderen thermischen Eigenschaften von Helium sind es, die es für viele Anwendungsbereiche nützlich, ergo geldwert, machen. Als Kühlmittel kommt es zum Beispiel bei medizinischen MRT-Scans zum Einsatz, um die dort verwendeten Hochleistungselektromagneten während der Untersuchung funktionsfähig zu halten. Gängige MRT-Maschinen fassen je nach Angabe zwischen 1.000 und 1.700 Litern Helium und müssen periodisch aufgetankt werden. Der Medizintechnikhersteller Siemens Healthineers bezeichnet Helium daher als »flüssiges Gold«. Auf den Gesundheitssektor entfallen laut dem Branchenmedium Radiology Business 30 Prozent der globalen Nachfrage.

Als Edelgas reagiert Helium zudem nicht mit anderen Stoffen. Das macht es interessant für Industriezweige, die mit empfindlichen Substanzen arbeiten, etwa der Computerchipbranche. Dort wird es zur Schaffung geeigneter Schutzatmosphären, zur Reinigung der Werkstücke während verschiedener Fertigungsstufen und als Kühlmittel während des hitzeintensiven Gravurprozesses, mit dem die hochmodernen Prozessoren hergestellt werden, eingesetzt.

Dabei kann sich die Branche nur begrenzt auf Vorräte verlassen. Denn der extrem niedrige Siedepunkt von Helium bedeutet auch, dass es ohne intensive und permanente Kühlung mittels Stickstoff nicht gelagert werden kann, andernfalls wieder zu Gas und somit zu voluminös wie flüchtig würde. Als Faustregel gilt, dass verflüssigtes Helium binnen 45 Tagen von der Produktionsstätte zum Kunden gelangen muss.

»Die Halbleiterindustrie wird zahlen, was auch immer sie muss, um an das Helium zu kommen«, schätzte Richard Brook, ehemals Manager des Branchenzulieferers Air Liquide, die Lage gegenüber der New York Times mit Blick auf mögliche alternative Lieferanten und den neuen Preisdruck auf dem Weltmarkt ein. Die Kosten für Halbleiterprodukte sind in den zurückliegenden Monaten bereits durch die Decke gegangen. Ursächlich waren die scheinbar unersättliche Nachfrage der KI-Branche und der Streit um seltene Erden im Rahmen des US-Handelskrieges gegen China, das die Produktion sowie Verarbeitung dieser strategischen Ressourcen dominiert. Für Otto Normalverbraucher verheißt die Heliumknappheit perspektivisch noch mal höhere Summen, die bei der Neuanschaffung vom Computer bis zur Waschmaschine fällig werden.

Plaste wird knapp

Auch bei diversen chemischen Erdölderivaten wie Naphtha, Benzol oder Styrol – Vorprodukte etlicher Arten von Kunststoff – sinkt das verfügbare Angebot. Die Golfregion machte zuletzt rund 40 Prozent des weltweiten Exportvolumens von Polyethylen aus; dessen Preis stieg seit Kriegsbeginn laut Reuters um 37 Prozent. Naphtha ist nach verschiedenen Angaben zur Zeit etwa 35 Prozent teurer als im Februar, Polypropylen 37 Prozent, synthetischer Gummi 39 Prozent.

Die Auswirkung des Kriegs auf diese Lieferkette ist offensichtlich: Können die gewaltigen Mengen Erdöl und die daraus gewonnenen Produkte nicht aus der Golfregion exportiert werden oder gehen gleich ganz in Flammen auf, können Kunden nicht beliefert werden, worauf die Händler mit einem Anheben der Preise für neue Verträge reagieren. Mehr noch schmerzt die umfangreiche Abhängigkeit der globalen Wirtschaft von den besagten Grundstoffen. »Petrochemikalien werden weitläufig eingesetzt und beeinflussen im Prinzip alles, was wir konsumieren«, zitierte der US-Sender CNBC Tom Seng, Assistenzprofessor am texanischen Lowe Energy Institute. »Es wäre schwierig, irgend etwas zu benennen, dass keine auf Öl oder Erdgas basierende Komponente enthält, außer, es besteht komplett aus Holz.«

»Die Frontlinie hat die Straße von Hormus durchquert und die Vorhöfe unserer Fabriken erreicht«, zitierte die South China Morning Post den südkoreanischen Nationalversammlungsabgeordneten Han Byung Do am Montag. In Seoul mache sich zudem bereits eine gewisse Panik breit, etwa beim Kauf von Müllbeuteln, die aktuell etwa fünfmal so häufig verkauft würden wie üblich. Asien bezieht laut der Schiffahrtsbranche circa 60 Prozent seiner Naphthaimporte aus der Golfregion. Es sei sehr schwer geworden, auch nur an vereinzelte Handelsposten zu kommen, »egal zu welchem Preis«, schilderte ein Manager des südkoreanischen Chemiekonzerns Yeochun NCC dem Branchenportal Baird Maritime.

Stichwort Hamsterkäufe: Die könnten, wie die Zeit nach Beginn des Ukraine-Krieges gezeigt habe, die Folgeeffekte der ohnehin gestörten Lieferketten unkalkulierbar verschlimmern, argumentiert der Thinktank Supply Chain Intelligence Institute Austria. Außerdem dürften die zu erwartenden Staus an den Häfen in Kombination mit den anwachsenden Rückständen in der Produktion für weitere Engpässe in der Lieferkette sorgen. Entlang letzterer werden viele Abnehmer noch von langfristigen Handelsverträgen geschützt. Doch auch die haben ein Ablaufdatum, so dass sich am Horizont bereits ein Kostenschock abzeichnet – von ausbleibenden Neuverträgen ganz zu schweigen.

Aluminium wird knapp

Am Wochenende griff Iran zwei Produktionsstätten von Aluminium in Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) an, denen Teheran Verbindungen zum US-Militär nachsagt. Emirates Global Aluminium, Betreiber der Anlage in den VAE, bezeichnete den Schaden als »signifikant«. Die Anlagen gehören zu den größten der Welt. Die Golfregion stellt circa ein Zehntel der globalen Aluminiumproduktion. Am Montag haben die Preise an der Londoner Metallbörse laut Reuters mit 3.492 US-Dollar je Tonne ein Vierjahreshoch erreicht: Das Leichtmetall koste aktuell etwa zehn Prozent mehr als im Februar. Sowohl Europa als auch die USA bezögen demnach etwa 20 Prozent ihrer Importe aus den Golfstaaten.

Dass der Großteil des Aluminiums in anderen Ländern der Welt gefördert wird, vermag die Versorgungsengpässe auf dem Weltmarkt nicht ad hoc abzufedern. Eine Ausnahme könnte aber der Weltmarktführer China darstellen. Die Volksrepublik verfügt über hohe Produktionskapazitäten, deckelt das Volumen jedoch bei etwa 45 Millionen Tonnen pro Jahr, um Schadstoffemissionen und das Risiko von Überschüssen zu verringern. Fraglich ist jedoch, inwieweit Beijing gewillt ist, zugunsten der Weltmarktlage von seinen eigenen Leitlinien abzuweichen.

Betroffen ist von der Knappheit vor allem die Fahrzeugindustrie, die nach Angaben der kanadischen Regierung – Kanada ist der viertgrößte Aluminiumproduzent der Welt – etwa 29 Prozent des Bedarfs ausmacht. Entsprechend trübe sieht die Lage daher für Staaten aus, deren Volkswirtschaft im relevanten Maß von der Branche abhängig ist. Gerade im Automobilsektor dürfte sich die Knappheit von Aluminium und Kunststoffen in der Fertigung, die durch den Helium­mangel steigenden Computerkomponentenpreise für Bordtechnologie und die durch die Decke gehenden Erdöl- und somit Spritpreise perspektivisch besonders drastisch niederschlagen.

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