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Künstliche Intelligenz

Boom frisst massenhaft Strom

Bau des offenbar größten KI-Rechenzentrums der Welt in Ohio. Energiebedarf ein Drittel der Gesamtkapazität. Betroffene machen gegen Megaprojekt mobil

Von Lars Pieck
Foto: Joshua A. Bickel/AP/dpa
Gasturbinen mit der Leistung von etwa neun Atomreaktoren sollen hier brummen: Portsmouth Gaseous Diffusion Plant

Nicht weniger als den Bau des größten KI-Rechenzentrums der Welt plant die Softbank Group im US-Bundesstaat Ohio. Die erste Projektphase soll Anfang 2028 abgeschlossen sein, die Anlage einen Strombedarf von bis zu zehn Gigawatt haben. Kostenpunkt laut Schätzung von Bloomberg: 30 bis 40 Milliarden US-Dollar für die eigentliche Computerinfrastruktur und weitere 33 Milliarden für ein hauseigenes Erdgaskraftwerk. Nicht nur das Rechenzentrum wäre das global größte, sondern auch die Flotte der Gasturbinen – deren Leistung soll der von etwa neun Atomreaktoren entsprechen. Seit April versucht eine Bürgerinitiative, dem Projekt Einhalt zu gebieten.

Entstehen soll das Rechenzentrum auf einem etwa 15 Quadratkilometer großen Gelände in Piketon im Süden von Ohio. Während des Kalten Krieges wurde dort zunächst waffenfähiges Uran, später ziviler Kernbrennstoff produziert, bis der Betrieb 2001 endete. Das zur Softbank Group gehörende Unternehmen SB Energy plant zudem eine regionale Verteilung der Gasturbinenflotte. Diese soll 9,8 Gigawatt an Energie produzieren; weitere 800 Megawatt sollen aus separaten Projekten kommen. Die ersten sollen noch in diesem Jahr, die übrigen bis Ende des Jahrzehnts installiert werden. Parallel dazu investiert die Versorgungssparte des Energieunternehmens American Electric Power rund 4,2 Milliarden US-Dollar in den Ausbau der Netzinfrastruktur.

Das wird auch nötig sein. Denn ein Industrieprojekt mit einem Bedarf von zehn Gigawatt im Jahr ist für Ohio, das (Stand 2024) über eine Gesamtproduktionskapazität von 30 Gigawatt verfügt, ein gewaltiges Vorhaben. Zumal in derart kurzer Zeit. Zum Vergleich: Die Fertigstellung und schrittweise Inbetriebnahme eines 3,75-Gigawatt-Erdgaskraftwerks in Florida, derzeit eines der größten in den USA, dauerte allein mehrere Jahre.

Dabei ist das Megaprojekt nur der bisherige Höhepunkt eines breiteren Trends, denn Datencenter haben Konjunktur. Laut dem Pew Research Center gibt es in Ohio insgesamt 223 Rechenzentren, davon 166 in Betrieb und 57 im Bau oder in Planung. Damit liegt Ohio auf Platz sechs der US-Bundesstaaten mit den meisten Rechenzentren.

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Gerade die zusätzliche Belastung des vielerorts ohnehin häufig überstrapazierten US-Stromnetzes – inklusive steigender Versorgungspreise – sorgt in der Bevölkerung für Widerstand. Im zurückliegenden Jahr haben sich Auseinandersetzungen um den Rechenzentrumsbau zu einigen der heftigsten politischen Konflikte des Landes entwickelt. Anwohner organisieren sich zunehmend gegen die Vorhaben. Seit Anfang April sammelt beispielsweise die Bürgerinitiative »Conserve Ohio« Unterschriften, um eine Abstimmung über eine Verfassungsänderung zu forcieren, die den Bau von großen Datencentern mit über 25 Megawatt Leistung im Bundesstaat verhindern soll. Dafür müssen sie bis Juni 413.000 Unterschriften aus mindestens 44 der 88 Landkreise von Ohio sammeln.

Doch auch landesweit macht sich Unmut über den rapiden Rechenzentrumsausbau breit. Laut einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage des Analyseunternehmens Gallup ist mittlerweile eine überwältigende Mehrheit der Amerikaner gegen den Bau solcher Anlagen in ihrer Gemeinde. Die im Frühjahr durchgeführte Befragung ergab, dass sieben von zehn US-Bürgern den Bau von Rechenzentren in ihrer Nähe ablehnen würden. Die Abneigung ist demnach so groß, dass mehr Menschen den Bau eines Atomkraftwerks in ihrer Gegend befürworteten als den eines Rechenzentrums.

Dennoch wird der Ausbau von KI-Infrastruktur rapide vorangetrieben. Zentral dabei ist das Anfang 2025 vom Branchenprimus Open AI angekündigte Projekt »Stargate«, ein Joint Venture mit dem Softwarekonzern Oracle und der Soft Bank – unter Leitung des CEO letzterer, Masayoshi Son. Über »Stargate« sollen 500 Milliarden US-Dollar in KI-Rechenzentren in den USA investiert werden, um die »Führungsrolle der USA im Bereich der KI zu sichern«.

Das Projekt in Ohio gehört allerdings nicht direkt zu »Stargate«, obschon Soft Bank in beiden involviert ist. Es ist Teil eines separaten Energie- und Industriepakets im Umfang von 36 Milliarden US-Dollar, das als Teil einer 550 Milliarden US-Dollar schweren Investitionsvereinbarung im Rahmen eines Handelsabkommens zwischen den USA und Japan im September 2025 zugesagt wurde. Dafür sind unter anderem US-Zollsenkungen für japanische Produkte vorgesehen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 16.05.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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