-
16.05.20261 Leserbrief
- → Kapital & Arbeit
KI-basierte Luftnummer
Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Wieder werden wir Zeugen eines Wirtschaftswunders. Der Irankrieg hat bereits elf Wochen gedauert. Es herrscht zwar ein bisschen Waffenstillstand. Aber die Straße von Hormus bleibt geschlossen, und weil die Versorgung der Welt mit Erdöl und Gas um 20 Prozent niedriger ist als der Bedarf, läuft die Weltwirtschaft Tag für Tag tiefer in eine ökonomische Krise hinein. Soweit besteht Einigkeit in der Analyse. Der Erdölpreis spiegelt mit zwischen 100 und 110 US-Dollar je Barrel die angespannte Versorgungslage. Aber es scheint immer noch die Hoffnung zu bestehen, dass der Konflikt sich binnen weniger Wochen löst. Im extrem positiven Fall, dass nicht nur die Ausfuhr der arabischen Ölproduzenten wieder auf das Vorkriegsniveau hochschnellt, sondern dass auch die Sanktionen des Westens gegen den Iran gelockert werden und das Land wieder ungehemmt Erdöl exportieren kann, könnte der Markt schnell überschwemmt werden, der Erdölpreis unter 60 US-Dollar zurückfallen und den derzeit besonders geschädigten Ölimportländern einen Wirtschaftsaufschwung bescheren.
Dieser positive Ausgang ist vielleicht vernünftig, aber extrem unwahrscheinlich. In der öffentlichen Diskussion spielt er als politische Möglichkeit (außer in den Forderungen der iranischen Regierung) keine Rolle. Der reale Aufschwung des US-Aktienmarkts ist damit nicht zu erklären. Der S & P 500 (der breiteste Index für US-Aktien) eilt in diesen Tagen von Rekord zu Rekord. Seit Kriegsbeginn hat er bereits zwölf Prozent und im Jahresvergleich 27 Prozent gewonnen. Er kümmert sich offensichtlich nicht darum, dass auch in den USA die Inflation kräftig anzieht (auf zuletzt plus 3,9 Prozent), dass deshalb die Zinsen auf Staats- und andere Anleihen weltweit und auch in den USA (auf das Niveau vor der Finanzkrise 2007) steigen und deshalb die Konsumentennachfrage, die Bautätigkeit und die Investitionen nachgeben. Europa mag noch schwächer dastehen als die USA. Aber die Richtung ist die gleiche. Es geht konjunkturell abwärts.
Einzig der KI-Boom, der rasante Aufschwung der künstlichen Intelligenz, scheint ungebrochen. Der Wert des Hauptproduzenten der KI-Chips, Nvidia, an der Börse hat sagenhafte fünf Billionen US-Dollar überschritten. Der Aufschwung des Index stammt von immer weniger und dafür immer gewichtiger werdenden Aktien im Techsektor, neben Nvidia die altbekannten Supermonopolisten Alphabet-Google, Microsoft, Meta, Amazon und Apple. Die haben sich nicht nur in die neuen KI-Software-Firmen eingekauft. Sie überschütten sie auch noch mit Aufträgen für Rechnerleistung ihrer Cloud-Töchter. In der nächsten Runde taucht deren Höherbewertung durch den Markt als Position »andere Erträge« in der Quartalsrechnung der Supermonopolisten auf. Im ersten Quartal machten diese »anderen Erträge« zum Beispiel bei Alphabet mehr als die Hälfte des Nettogewinns aus. Ein wunderbares, sich selbst verstärkendes Perpetuum mobile.
Das Wunder des starken Aktienmarktes in den USA erweist sich bei näherem Hinsehen als gewaltige, KI-basierte Luftnummer – kein bisschen stabiler als die protzigen Aussagen des Staatspräsidenten.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
-
Onlineabonnent*in Gabriel T. aus B. 16. Mai 2026 um 08:42 UhrDass der US-Energiemarkt, und damit die großen US-Energieproduzenten, einen Boom erleben wie seit 100 Jahren nicht mehr, spielt für Wirtschaftsdaten natürlich überhaupt keine Rolle.
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
