Konkurrieren um Hardware
Von Luca von Ludwig
Zwischen Washington und Beijing spricht die ganze Welt über künstliche Intelligenz. Nun ja, zumindest diejenigen, die sich von der Datenverarbeitungstechnik wirtschaftliche Vorteile erhoffen. Weil man für den Aufbau von entsprechenden Datenzentren nicht nur Unmengen von Energie, sondern auch die notwendige Hardware beschaffen muss, verursacht das Wetteifern um die Vorreiterrolle im Geschäft mit den Algorithmen Turbulenzen in der internationalen Handelspolitik und auf den Märkten.
Fortgesetzter Handelskrieg
Auf der internationalen Bühne geht das Ringen um die technologische Dominanz weiter. US-Präsident Donald Trump verkündete vergangene Woche, dass er die Ausfuhr bestimmter Prozessoren des Branchenprimus Nvidia in Richtung China erlauben wolle. Als Ausgleich sollten auf diese Zölle in Höhe von 25 Prozent erhoben werden. Nvidias Produkte gelten als die leistungsfähigsten für rechenintensive Anwendungen, wie eben KI-Algorithmen. Der aktuelle Boom machte den Konzern zum an den Börsen höchstbewerteten aller Zeiten und ließ ihn als ersten die Marke von fünf Billionen US-Dollar knacken.
Da nach allgemein zugänglichen Informationen die Prozessoren aus chinesischer heimischer Fertigung noch nicht an die Leistung der US-Konkurrenz heranreichen, scheint der von Trump ins Spiel gebrachte Preisaufschlag kein allzu schlechter Deal. Die Sache hat jedoch einige Haken.
Zum einen sind die H200-Chips, um die es geht, keineswegs das Spitzenprodukt des Unternehmens, sondern entsprechen den Topmodellen von vor anderthalb Jahren – in den Zeithorizonten der Branche quasi altmodisch. Tatsächlich war dieses »Hinterherhinken« das Argument, mit dem die Trump-Regierung die Ausfuhrgenehmigung für die sonst so gehütete Technologie rechtfertigte. Dass Nvidia in derselben Woche ankündigte, seine Produkte mit einem – angeblich nur auf Kundenwunsch aktivierten – softwarebasierten Ortungsmechanismus auszustatten, dürfte dem Ganzen einen weiteren unangenehmen Beigeschmack verpasst haben.
Zum anderen und relevanter: Es steht zu erwarten, dass es sich bei dem Vorschlag um ein mehr als vergiftetes Angebot handelt. Das Einbringen relativ leistungsstarker Prozessoren auf den chinesischen Markt könnte die Bemühungen der Volksrepublik, eigene Lösungen zu entwickeln, verlangsamen. Diese könnten weniger hoch priorisiert werden, wenn der Bedarf zunächst gedeckt erscheint.
Sollte man in Beijing wundersamerweise selbst nicht auf diesen Gedanken gekommen sein, so helfen US-Vertreter gerne nach: David Sacks, der »KI-Zar« der Trump-Regierung, plauderte gegenüber Bloomberg am Freitag munter aus, dass die beschriebene Sabotage durch die Hintertür in der Tat Ziel der Aktion gewesen sei: »Es war Teil unserer Kalkulation«, durch die Lieferung hinterherhinkender Prozessoren »Marktanteile von Huawei (in China ein bedeutender Chiphersteller, jW) abzuziehen, aber ich glaube, die chinesische Regierung hat das durchschaut«, sagte Sachs. Hintergrund war, dass seitens der Volksrepublik bislang keine Entscheidung zu dem Angebot verlautbart wurde.
Ohnehin konnte allerdings wohl niemand ernsthaft erwarten, dass die chinesische Regierung – die deutlich weitsichtiger plant als ihre aktuelle westliche Konkurrenz – in strategisch relevantem Maß von ihrem Kurs abgewichen wäre. Bislang ist noch offen, wie es in der Angelegenheit weitergehen wird.
Knappheit auf den Märkten
Abseits der Staatenkonkurrenz übt der KI-Boom zunehmend Druck auf die regulären Konsumentenmärkte aus: Zu Monatsbeginn gab der US-amerikanische Speicherhersteller Micron bekannt, seine Endverbrauchermarke Crucial herunterfahren und sich allein auf das Großkundengeschäft fokussieren zu wollen. Der Schritt wird eine deutliche Lücke im Markt für Arbeitsspeicherchips (RAM) und Datenspeicher für Alltagstechnologien – allen voran bei Heimcomputern – reißen. Laut der Unternehmensberatung Trendforce hielt Crucial zuletzt einen Marktanteil von mehr als 25 Prozent und war damit der drittgrößte Akteur hinter den südkoreanischen Konzernen SK Hynix und Samsung (beide je rund 33 Prozent). Micron begründete den Kurswechsel mit der rasant steigenden Nachfrage durch KI-Datencenter. Daher wolle man sich zukünftig auf solche »strategischen und schneller wachsenden Marktsegmente« konzentrieren.
Bereits in den Vormonaten hatte es teils dramatische Preisentwicklungen auf dem Computerhardwaremarkt gegeben. Insbesondere RAM-Module für Heimcomputer schossen kostenmäßig durch die Decke: Das Fachportal Toms Hardware stellte beispielsweise schon Anfang November fest, dass sich der Preis für ein handelsübliches Modul mit 32 Gigabyte Kapazität – durchaus gehoben, für viele Anwendungen aber Standard – seit Juli von 91 auf 183 US-Dollar verdoppelt hat. Beim Cloudcomputing, also dem Auslagern von Computerprozessen an Datencenter, stiegen die Arbeitsspeicherpreise binnen eines Jahres dem Bericht zufolge um ganze 171,8 Prozent.
Am Wochenende wurde bekannt, dass Samsung ebenfalls Kapazitäten von seiner Konsumentensparte abziehen will. Medienberichten zufolge könnte die Produktion von SSD-Festplatten nach dem SATA-Standard, der sich im unteren Preissegment nach wie vor großer Nachfrage erfreut, eingestellt werden. Branchenkenner werten den möglichen Schritt als noch einschneidender, als die Ankündigung Microns.
Des weiteren erwarten Beobachter, dass sich die Lage im kommenden Jahr noch deutlich verschlechtern wird, wenn Vorräte aufgebraucht sind. Mit einer Entspannung wäre demnach frühestens ab 2027 zu rechnen. Die aktuellen Teuerungen dürften außerdem nur die Spitze des Eisberges sein: RAM-Chips sind nicht mehr die exklusive Angelegenheit von Computerherstellern und -enthusiasten, sondern werden in der digitalisierten Warenwelt – von Spielzeugen über Telefone bis zum Staubsaugerroboter – überall benötigt. Es steht zu erwarten, dass sich die Preisaufschläge alsbald entlang der Lieferketten zu den Endverbrauchern durchschlagen werden. Trendforce berichtet bereits, dass die Lagerbestände von Smartphoneherstellern Tiefststände verzeichnen und insbesondere niedrigpreisige Geräte demnächst mit geringeren RAM-Kapazitäten als bisher üblich auf den Markt kommen könnten.
Die Vorgänge erinnern an die Halbleiterkrise während der Coronapandemie, als sich überschneidende Faktoren dazu führten, dass auf vielerlei Elektronik teils erhebliche Aufpreise gezahlt werden mussten oder neue Produkte nur in geringem Maß zu haben waren. Wichtiger aber: Sie illustrieren, wie eng die KI-Blase nicht nur mit den Finanzmärkten, sondern auch mit der Realwirtschaft verflochten ist. Platzt sie, ist mit einer harschen Übergangszeit zu rechnen, während sich Unternehmen wieder auf andere Marktsegmente umorientieren – so ihre Kapazitäten dafür nicht ganz abgebaut wurden. Mit den Datencenterchips jedenfalls kann man weder Heimelektronik noch durchschnittliche Arbeitscomputer bauen.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.