»Das könnte höhere Strompreise bedeuten«
Spanien: Regierung verlängert Laufzeit des AKW Almaraz und konterkariert Ausbau der Erneuerbaren. Ein Gespräch mit Cristina Rois
Die spanische Regierung hat wiederholt die Laufzeiten von Atomkraftwerken verlängert, zuletzt im August für den Meiler Almaraz im Westen des Landes. Das Movimiento Ibérico Antinuclear fordert eine nuklearfreie Iberische Halbinsel. Was bedeuten die Laufzeitverlängerungen?
Wir halten diese Entscheidung für sehr problematisch. Spanien hatte sich ursprünglich auf einen schrittweisen Ausstieg aus der Atomkraft bis 2035 eingestellt. Die geplante Abschaltung war Teil der langfristigen Energie- und Klimaplanung. Durch die Laufzeitverlängerungen wird diese in Frage gestellt. Spanien hatte sich darauf vorbereitet, den Anteil der erneuerbaren Energieträger weiter auszubauen. Bereits heute stammt ungefähr die Hälfte der spanischen Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen.
Almaraz liegt in Extremadura, einer Region mit sehr vielen Photovoltaikanlagen. Gleichzeitig beansprucht das Atomkraftwerk einen erheblichen Teil der Netzkapazität. Schon heute geht in Spanien eine beträchtliche Menge erneuerbarer Energie verloren, weil Netzkapazitäten und Speichermöglichkeiten nicht ausreichen. Außerdem könnte die Verlängerung von Almaraz ein Signal für weitere Laufzeitverlängerungen sein. Wenn Investoren davon ausgehen, dass auch andere Reaktoren länger betrieben werden, könnte das den Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energieträger zusätzlich erschweren.
Almaraz ging Anfang der 1980er Jahre ans Netz. Wie steht es um die alten Reaktoren?
Viele der bestehenden Anlagen wurden in den 1970er und 1980er Jahren geplant. Ihre ursprüngliche Auslegung bezog sich auf eine Betriebsdauer von etwa 40 Jahren. Eine Verlängerung darüber hinaus erfordert deshalb umfangreiche Prüfungen und Sicherheitsmaßnahmen. Wir halten es für problematisch, Anlagen immer weiter zu betreiben, obwohl ihre ursprüngliche technische Auslegung auf eine deutlich kürzere Dauer ausgerichtet war.
In einem Untersuchungsbericht von März werden die Ursachen des umfassenden Stromausfalls in Spanien und Portugal vom 28. April 2025 analysiert. Welche Rolle spielte der Vorfall für die Energiepolitik?
In der öffentlichen Debatte wurde der Stromausfall vielfach auf einen zu hohen Anteil erneuerbarer Energieträger zurückgeführt. Das ist schlicht falsch. Die Betreiber der Atomkraftwerke hatten selbst darauf hingewiesen, dass ihre Anlagen nicht schnell genug auf Veränderungen bei Spannung und Frequenz im Stromnetz reagieren können. Nach dem Ausfall wurden Maßnahmen vorangetrieben, damit moderne Wind- und Solaranlagen stärker an der Netzstabilisierung teilnehmen können. Dafür müssen sie entsprechend technisch ausgestattet sein.
Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der Energiekrise und der Verlängerung der AKW-Laufzeiten?
Ein Zusammenhang wird teilweise vermutet. Die konkrete Entscheidung über die Verlängerung von Almaraz um drei Jahre wurde getroffen, nachdem der spanische Rat für nukleare Sicherheit seine Zustimmung gegeben hatte. Studien, auf die wir uns beziehen, kommen allerdings zu dem Ergebnis, dass eine längere Laufzeit von Almaraz nicht automatisch zu niedrigeren Strompreisen führt. Wenn durch die Laufzeitverlängerung weniger Platz für neue Anlagen erneuerbarer Energieträger im Netz entsteht, könnte dies langfristig sogar höhere Preise begünstigen, weil weiterhin mehr Gas zur Stromerzeugung benötigt wird.
Was entgegnen Sie den Befürwortern der Stromerzeugung durch Atomkraftwerke?
Fukushima hat gezeigt, dass schwere Unfälle langfristige und enorme Folgen haben können. Hinzu kommen die Emissionen des gesamten nuklearen Brennstoffkreislaufs, vom Bau der Anlagen über den Uranabbau bis zur Verarbeitung des Brennstoffs. Ein weiteres Problem ist die Abhängigkeit von internationalen Lieferketten. Uran muss nicht nur abgebaut, sondern auch verarbeitet und angereichert werden. Außerdem sind die Kosten für Bau, Betrieb, Rückbau und Entsorgung erheblich. Besonders problematisch ist die langfristige Lagerung radioaktiver Abfälle. Nach unseren Informationen wird die Finanzierung über eine Abgabe auf die Stromproduktion der Atomkraftwerke organisiert. Wenn diese Einnahmen nicht ausreichen, besteht die Gefahr, dass langfristig der Staat und damit kommende Generationen einen Teil der Kosten übernehmen müssen.
In Spanien mussten Kernkraftwerke wiederholt ihre Produktion reduzieren oder zeitweise abgeschaltet werden, weil sich der Betrieb unter den jeweiligen Marktbedingungen wirtschaftlich nicht mehr lohnte. Wird viel Solar- und Windstrom produziert, gibt es Stunden, in denen der Strombedarf weitgehend gedeckt ist. Atomkraftwerke können ihre Leistung nur langsam verändern. Dadurch entstehen Situationen, in denen Strom aus erneuerbaren Quellen nicht vollständig ins Netz eingespeist werden kann. Zudem besteht das Problem der Produktion von Atomwaffen, gegen die wir uns auch aussprechen.
Cristina Rois ist Chemikerin und Sprecherin der Antinuklearen Bewegung auf der Iberischen Halbinsel (Movimiento Ibérico Antinuclear), die mehrere Umweltorganisationen und Privatpersonen vereint.
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