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Spanien

Tödlicher Wettbewerb

Spanien: Zugunglück bedeutet Rückschlag für Premier Sánchez mitten im Wahlkampf. Seine Partei ist mitverantwortlich für Liberalisierung der Bahn

Foto: Violeta Santos Moura/REUTERS
Angesichts neoliberalen Kahlschlags und allseitiger Profitmacherei häufen sich verheerende Katastrophen (Toledo, 28.10.2026)

Nur einen Tag vor einem landesweiten Streik der spanischen Lokführer am Donnerstag hat die Nachricht von einem weiteren schweren Zugunglück das ganze Land erschüttert. Mit dem Streik wollten die Eisenbahner verbesserte Sicherheitsmaßnahmen durchsetzen. Nun kollidierten in Urda in der Provinz Toledo zwei Hochgeschwindigkeitszüge – nachdem das Sicherheitssystem ausgefallen war. Bei dem Unglück kamen 69 Menschen ums Leben, über hundert wurden verletzt, mehr als ein Dutzend schwebte am Donnerstag in Lebensgefahr. Es handelt sich um eines der schwersten Zugunglücke in der Geschichte Spaniens, die Regierung in Madrid hat drei Tage Staatstrauer angeordnet. Unter den Opfern befand sich auch die frühere Arbeitsministerin von der konservativen Volkspartei (PP), Fátima Báñez (59).

Der sozialdemokratische Ministerpräsident Pedro Sánchez reiste noch am gleichen Tag zur Unglücksstelle. Er und Verkehrsminister Óscar Puente (beide PSOE) haben den Unfall sogleich auf menschliches Versagen zurückgeführt. Die Zentrale in Madrid habe angewiesen, dass einer der verunglückten Züge mit normaler Geschwindigkeit weiterfahren sollte, obwohl sich ein anderes Fahrzeug auf demselben Gleis befand. Pablo Echenique, früherer Abgeordneter der linken Partei Podemos und Wissenschaftler des Spanischen Nationalen Forschungsrats (CSIC), erklärte dazu am Donnerstag in der Fernsehsendung »El Tablero«, dass die Behauptung, es habe sich lediglich um menschliches Versagen gehandelt, »gleichbedeutend damit ist, einfach hinzunehmen, dass sich in Spanien ein zweites Tschernobyl im Kernkraftwerk Almaraz ereignen könnte«.

Der Physiker erzählte in der Sendung, dass die 1992 eröffnete Schnellfahrstrecke zwischen Madrid und Sevilla die älteste in Spanien ist. Sie sollte eigentlich von dem überholten deutschen LZB-Zugsicherungssystem auf den europäischen Standard »ERTMS Level 2« umgestellt werden. Die Modernisierung hat sich jedoch immer wieder verzögert. Echenique führt dies auf das mit der Liberalisierung verbundene Prinzip der Profitmaximierung zurück. Denn eine Umstellung hätte die Strecke für längere Zeiten lahmgelegt, was entsprechende Verluste bedeutet hätte.

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Jahrelang galt eine Anstellung bei der spanischen staatlichen Bahngesellschaft Renfe als sicherer Arbeitsplatz, und auch die Züge waren sicher und nicht zuletzt pünktlich. Die Privatisierung der Schiene wurde von der konservativen PP in den 1990er Jahren initiiert und von der PSOE-Regierung unter Sánchez fortgesetzt. Seit 2021 haben kommerzielle Unternehmen begonnen, mit Renfe zu konkurrieren. Seitdem greifen auch bei der Bahn prekäre Beschäftigungsverhältnisse um sich, und es gibt ständig Verspätungen und kleinere Unfälle. Auf der Strecke Madrid–Sevilla konkurrieren Renfe, die italienische Iryo und die französische Ouigo. Sie fahren mit Verlust und liefern sich einen erbitterten Kampf, um ganz oben zu landen, wenn die anderen pleitegehen.

Die Zugkatastrophe trifft Spanien mitten im Wahlkampf und ist der zweite schwere Unfall mit Hochgeschwindigkeitszügen innerhalb von nur einem Jahr. Der vorhergehende hatte sich am 18. Januar in Adamuz in der Provinz Córdoba ereignet. Dabei war ein Renfe-Zug, der von Madrid nach Huelva unterwegs war, mit einem entgegenkommenden Iryo-Hochgeschwindigkeitszug kollidiert. Bei dem Unglück starben 46 Menschen.

Die extrem rechte Vox-Partei instrumentalisiert den Unfall bereits für ihren Wahlkampf. Während andere politische Kräfte ihre Kampagnen aus Respekt vor den Opfern vorübergehend ausgesetzt haben, knüpft Vox-Chef Santiago Abascal direkt an das Unglück an, um die amtierende Regierung anzugreifen: Mindestens der Rücktritt von Verkehrsminister Puente sei fällig. Dabei hatte Sánchez eigentlich in den vergangenen Wochen die Stimmung gegen sich abwenden können, mit Versprechen in der Wohnungsfrage und angesichts der weiterbreiteten Furcht vor einer extrem rechten Regierungsbeteiligung. Dieser Trend könnte sich jetzt wieder umkehren, wie mehrere PSOE-freundliche Medien kommentieren, so La Sexta oder El País.

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Erschienen in der Ausgabe vom 30.10.2026, Seite 6, Ausland

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