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Aus: Ausgabe vom 17.01.2026, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
60 Jahre Palomares-Zwischenfall

»Die Einwohner wurden fortwährend falsch informiert«

Über den Atomwaffenunfall von Palomares, symbolische Dekontaminierungsaktionen und die bleibenden Schäden für Menschen und Umwelt. Ein Gespräch mit José Herrera Plaza
Interview: Norbert Suchanek
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»Die Geschichte von Palomares ist noch nicht zu Ende«: Trümmerteile in verseuchtem Gelände nach dem Absturz des Bombers und des Tankflugzeugs der US-Luftwaffe 1966

Vor 60 Jahren, am 17. Januar 1966, kam es über dem Süden Spaniens zu einem der schwerwiegendsten Unfälle mit Atomwaffen während des Kalten Kriegs. Ein Tankflugzeug der US-Luftwaffe kollidierte mit einem B-52-Bomber mit vier Wasserstoffbomben an Bord. Beide Flugzeuge explodierten; die Einzelteile und die gefährliche Fracht fielen über dem kleinen Küstendorf Palomares in Andalusien vom Himmel. Bei zwei der vier Bomben öffnete sich der Fallschirm nicht. Sie zerbarsten beim Aufprall auf der Erde und verseuchten Luft und Boden rund um Palomares mit Plutonium und Uran. Die vierte Bombe fiel ins Mittelmeer und wurde erst 80 Tage später gefunden. Wo waren Sie im Januar 1966, als die Wasserstoffbomben vom Himmel fielen?

Ich begann damals gerade meine Schulzeit in Almería. Das liegt rund 90 Kilometer von Palomares entfernt. So wie die meisten Menschen in Andalusien ahnte ich nichts von den Wasserstoffbomben über unseren Köpfen.

Wann und warum haben Sie mit Ihren Recherchen zum Unfall von Palomares begonnen und ihn zu Ihrem Hauptthema gemacht?

Am 13. Januar 1986 nahm ich an einer Versammlung der Einwohner von Palomares teil. Es war drei Tage vor dem 20. Jahrestag des Unfalls, und ihr Anspruch auf Entschädigung für Gesundheitsschäden lief bald ab. Ich wollte eine Dokumentation über diese wenig bekannte, fast unglaubliche Geschichte drehen, doch damals war das für einen Dokumentarfilm relevante Quellenmaterial als geheim eingestuft. 21 Jahre lang wartete ich und trug alle verfügbaren Dokumente zusammen, bis ich schließlich den Dokumentarfilm »Operation Gebrochener Pfeil: Der Atomunfall von Palomares« fertigstellen konnte.

Wofür steht »Operation Gebrochener Pfeil«?

»Gebrochener Pfeil«, »broken arrow«, ist ein Codewort des US-Militärs. Es bezeichnet ein Ereignis mit Atomwaffen, wie beispielsweise eine versehentliche oder ungeklärte nukleare Explosion oder den Verlust oder Diebstahl von Atomwaffen.

Wie reagierten im Januar 1966 die lokalen spanischen Behörden? War ihnen die Plutoniumgefahr bewusst?

Die lokalen Behörden reagierten gemäß dem Standardprotokoll für einen Flugunfall und waren mehrere Tage lang ohne Informationen hinsichtlich der Beteiligung von Atomwaffen und folglich auch hinsichtlich der großflächigen Kontamination.

Wie und wann reagierte die Madrider Regierung?

Die spanischen Behörden erfuhren fast umgehend von dem Unfall, dank Warnmeldungen, die ein Hubschrauber der spanischen Marine über Notfallkanäle abgesetzt hatte. Ebenfalls am selben Tag erfuhren sie durch den US-Botschafter, dass das Flugzeug vier Wasserstoffbomben an Bord hatte. Doch die beiden beteiligten Regierungen schwiegen darüber, bis die Medien drei Tage später die Öffentlichkeit informierten.

Wie war es möglich, dass die Medien während der Franco-Diktatur so rasch darüber berichteten?

Der spanisch-amerikanische Journalist von United Press, André del Amo, war zwei Tage nach dem Unfall in Palomares und stellte die Beteiligung von Atomwaffen sowie die Bodenmessungen mit Geigerzählern fest. Am folgenden Tag erschien seine Meldung in den wichtigsten Medien weltweit. Die Diktatur reagierte in gewohnter Manier: Sie beschlagnahmte Zeitungen an Kiosken und an den Flughäfen von Madrid und Barcelona, ​​sobald internationale Flüge landeten.

Welche direkten Folgen hatte das Zerbersten der Wasserstoffbomben? Bestand die Gefahr einer nuklearen Explosion?

Die beiden Mk-28-FI-Bomben hatten eine 68mal stärkere Sprengkraft als die auf Hiroshima abgeworfene Atombombe. Beim Aufprall in Palomares platzten die Bomben, weil der konventionelle Sprengsatz der Zünder explodierte. Eine Fläche von 635 Hektar wurde in der Folge mit spaltbarem Brennstoff verseucht: etwa zehn Kilogramm Plutonium-239 und -241 sowie etwas mehr als zehn Kilogramm Uran-235 und abgereichertes Uran-238. Das Risiko einer unbeabsichtigten nuklearen Detonation war zwar sehr gering, bestand aber. Diese Wasserstoffbomben zählten damals zu den technologisch fortschrittlichsten im US-Arsenal. Ihre Sicherheitssysteme waren recht gut – mit Ausnahme des konventionellen Sprengstoffs, der empfindlich gegenüber Erschütterungen war. Aufgrund dieses Unfalls und eines ähnlichen zwei Jahre später in Grönland ersetzten die US-Militärs diesen Sprengstoff durch eine stoß- und feuerfeste Alternative.

Wurde die Bevölkerung vor der Plutoniumverseuchung und dem Verzehr potentiell kontaminierter Lebensmittel wie zum Beispiel Tomaten gewarnt?

Die Einwohner von Palomares wurden fortwährend und auf perfide Weise falsch informiert, und dies setzte sich fünfzig Jahre lang fort, sowohl unter der Franco-Diktatur als auch im demokratischen Spanien. Kenntnis über die prekäre Lage erhielten sie größtenteils durch verbotene Kurzwellensender wie dem kommunistischen Radio España Independiente sowie durch BBC und Radio Paris mit ihren nächtlichen spanischsprachigen Programmen. Auch eine prominente Angehörige des spanischen Adels, die Herzogin von Medina Sidonia, trug ebenfalls dazu bei, die lokale Bevölkerung über ihre Lage und ihre Rechte aufzuklären, weshalb sie von der faschistischen Diktatur inhaftiert wurde.

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José Herrera Plaza

Gibt es Daten oder Schätzungen zur Anzahl der Menschen, die infolge der radioaktiven Verseuchung erkrankten oder starben?

Nein, denn eine umfassende epidemiologische Studie wurde nie zugelassen. Unabhängige Versuche scheiterten kläglich. Gleichzeitig vertreten die Regierungen in Madrid und Washington die offizielle Darstellung, dass es nie einen einzigen durch Plutonium verursachten Krebsfall gegeben habe. In Wirklichkeit aber ist Palomares eine Umweltkatastrophenzone mit erheblichen Gesundheitsrisiken für die Bewohner. Doch Palomares ist keine Ausnahme im Vergleich mit ähnlichen Vorfällen anderswo in der Welt: unsichtbare Minderheit, unsichtbare Folgen.

Hatte der Zwischenfall mit den Atomwaffen Auswirkungen auf den damals gerade zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor werdenden Tourismus in Südspanien?

1966 besuchten Touristen andere Gegenden Spaniens, aber nicht diese Region. Die Provinz Almería war damals sehr arm und aufgrund der schlechten Verkehrsinfrastruktur gleichsam isoliert. Man befürchtete jedoch, der Unfall könne den Tourismus im Rest des Landes beeinträchtigen, da die internationale Presse – in Europa vor allem die britische und italienische – darüber berichtete. In Australien behauptete eine Zeitung des jungen Rupert Murdoch, es habe eine Atomexplosion gegeben, Tausende von Menschen seien auf der Flucht, und die gesamte spanische Mittelmeerküste sei verseucht. Das führte dann dazu, dass der spanische Informationsminister und der amerikanische Botschafter vor den Medien am Strand von Palomares im Meer badeten.

Das US-Militär führte nach dem Absturz in Palomares eine großangelegte Such- und Aufräumaktion durch. Wie reagierte die Bevölkerung?

Die Hauptpriorität des umfassenden Militäreinsatzes war die Suche nach der fehlenden Bombe an Land und unter Wasser. Die Suche an Land dauerte über 45 Tage, die auf See 80 Tage. Zweite Priorität hatte die Bergung des Flugschreibers und der als geheim eingestuften B-52-Komponenten, also vor allem der Funkgeräte des Gefechtsprotokolls. Drittens sollten über 125 Tonnen Wrackteile des Bombers und des Tankflugzeugs geborgen und vor der Küste im Mittelmeer versenkt werden. Abschließend wurde eine symbolische Dekontaminierungsaktion für die internationale Öffentlichkeit durchgeführt. Nach dem Unglück litten einige Menschen vermutlich unter einer Art posttraumatischem Stress. In der Folgezeit erfasste eine kollektive Paranoia die Stadt, die durch die Widersprüche zwischen den Aussagen der Behörden beider Länder noch verstärkt wurde. Die Bevölkerung wurde plötzlich ins Atomzeitalter katapultiert und musste sich mit einem neuen Begriff auseinandersetzen: Radioaktivität.

Konnte das Militär das gesamte Plutonium aus der Region entfernen?

Nach langwierigen und asymmetrischen Verhandlungen zwischen der Hegemonialmacht USA und der Franco-Diktatur einigten sie sich darauf, das in alle Winde verstreute Plutonium zu entfernen und in die USA zurückzuführen. Sie transportierten jedoch lediglich 650 Kubikmeter kontaminierten Boden und 350 Kubikmeter kontaminierte Erntereste in die USA. Die Vereinbarung wurde nicht eingehalten, da der abgetragene und in Metallfässern verstaute Boden nicht der am stärksten kontaminierte war. Mit den 4.810 Metallfässern mit jeweils 208 Litern kehrte schätzungsweise nur weniger als ein Prozent des Plutoniums, knapp 100 Gramm, in die USA zurück. Die weiterhin kontaminierten Ackerflächen wurden umgepflügt, um das Plutonium 30 Zentimeter tief in den Boden einzubringen. 40 Jahre später wurden in der Region zwei geheim angelegte Gruben mit rund 4.000 Kubikmetern radioaktivem Abfall entdeckt.

Was geschah mit dem kontaminierten Material aus Palomares in den USA?

Zwei Metallfässer gingen an das Los Alamos National Laboratory für Pflanzenversuche. 4.808 Blechtonnen wurden nach Aiken in South Carolina zum Savannah-River-Nuklearkomplex der US-Atomenergiekommission transportiert und in einer Tiefe von sechs Metern vergraben. Dies wurde von einer umfassenden und weltweiten Propagandakampagne begleitet. Dass 99 Prozent des Plutoniums und Urans weiterhin im Boden von Palomares waren, wurde vor der Öffentlichkeit, und vor allem aber vor den Einwohnern und den Bauern, die diese radioaktiv verseuchten Flächen bewirtschafteten, geheimgehalten. Die US-Luftwaffe und die spanische Regierung versicherten ihnen, das Land sei vollständig dekontaminiert, und es bestehe keine Gefahr. Unterdessen nutzten die US-Atomenergiekommission und die Junta de Energía Nuclear in Spanien die Situation, um ein geheimes Versuchsprogramm mit den Menschen vor Ort durchzuführen. Ziel war die Untersuchung der Aufnahme und Speicherung von Plutonium und Uran im menschlichen Körper durch eine repräsentative Anzahl von Personen einer Bevölkerungsgruppe, die potentiell der Inhalation von Plutoniumoxid-Aerosol ausgesetzt ist. Dabei handelte es sich um das geheime Programm mit dem Codenamen »Indalo-Projekt«, das ohne die informierte Zustimmung der örtlichen Bevölkerung durchgeführt wurde.

Wie ist die aktuelle Lage in Palomares? Gibt es in der Region noch immer kontaminierte Gebiete und radioaktive Gefahren?

Trotz der Beteuerungen Spaniens und der USA, dass für die Bauern und ihre Familien keine Gefahr mehr bestehe, führte das Pflügen des Bodens mit Plutonium im Jahr 1966 zur Aufwirbelung und Freisetzung zahlreicher Aerosole mit radioaktiven Elementen. Vierzig Jahre lang waren die Bewohner von Palomares strahlenden Radionukliden ausgesetzt. Erst 2006 wurden erste Strahlenschutzmaßnahmen für die Bevölkerung ergriffen, indem Zugang und landwirtschaftliche Nutzung eines 40 Hektar großen Gebiets durch Einzäunung und Kennzeichnung eingeschränkt wurden. Jetzt, sechzig Jahre später, warten wir immer noch darauf, dass die Zentralregierung in Madrid die Dekontamination durchführt. Sie hat dem Thema nie Priorität eingeräumt, obwohl dokumentiert ist, dass mehr als 210 Einwohner Symptome einer inneren Kontamination der Lunge aufwiesen. Die tatsächliche Zahl der Betroffenen aber ist weiterhin unbekannt. Die politischen Eliten der Zentralregierung leben eben über 520 Kilometer entfernt in Madrid.

Warum flog eigentlich der B-52-Bomber damals mit Atomwaffen über Südspanien?

Das geschah im Rahmen der Operation »Chrome Dome«, die am 18. Januar 1961 begann. Vier bis sechs strategische Bomber flogen von da an täglich Jahr für Jahr im Hin- und Rückflug über Spanien. Während der Kubakrise 1962 waren täglich 42 Bomber in der Luft. Sie kamen von der Ostküste der Vereinigten Staaten, durchquerten den spanischen Luftraum, näherten sich Süditalien und kehrten über Spanien zu ihren Stützpunkten zurück. Jede B-52 trug vier thermonukleare Bomben. In einem Angriffsszenario konnten sie ihre Ziele innerhalb von ein bis zwei Stunden erreichen und angreifen, je nachdem, ob sich das Ziel in der UdSSR oder einem anderen Staat des Warschauer Pakts befand. Fünf Jahre lang flogen mehr als 17.000 Bomber über Spanien und wurden 26.000mal betankt. Kein anderes Land in Europa erlaubte solche gefährlichen Manöver in seinem Luftraum. Fast 35.000 Wasserstoffbomben flogen über unsere Köpfe hinweg. Die Kollisionen über Palomares und zwei Jahre später über Thule in Grönland ereigneten sich, weil das Gesetz der Wahrscheinlichkeit zum Tragen kam.

Wie begehen Sie den 60. Jahrestag dieser nicht enden wollenden Katastrophe von Palomares?

Ich plane eine Fotoausstellung und eine Podiumsdiskussion in der Bibliothek von Villaespesa in Almería mit dem Titel »Palomares – 60 Jahre Regierungsfehler«. Außerdem werde ich voraussichtlich Ende Januar mein neues Buch vorstellen. Es trägt den Titel »Das Jahr der Bomben: Geschichten aus Palomares«. Das Buch vereint die Zeugnisse von 27 Spaniern und Amerikanern, die unfreiwillig in die Katastrophe von Palomares verwickelt waren. Es ist im Stil einer dokumentarischen Erzählung verfasst, ähnlich wie Swetlan Alexijewitschs »Stimmen aus Tschernobyl«, einem Werk, dem damit die Referenz erwiesen wird. Es geht darum, dem Vergessen entgegenzuwirken. Die Geschichte von Palomares ist noch nicht zu Ende. Sie wird weitergeschrieben.

José Herrera Plaza,1955 in Andalusien geboren, ist Kameramann, Fotojournalist, Buchautor und Dokumentarfilmer. Seit 1986 recherchiert er über die radioaktive Katastrophe von Palomares und schrieb das Standardwerk »Der Atomunfall von Palomares«. Außerdem ist er Koautor von »Schweigen und Illoyalität. Der Militärunfall von Palomares vom Kalten Krieg bis heute« sowie von »Operation Gebrochener Pfeil: Atomunfall in Palomares« und führte Regie bei dem gleichnamigen, 2007 veröffentlichten Dokumentarfilm.

Die Wasserstoffbombe ist vom Prinzip her eine Bombe in einer Bombe einer Bombe, die auf der Verschmelzung der Wasserstoffisotope Deuterium und Tritium sowie Lithium zu Helium beruht. Diese Kernfusion benötigt extremen Druck und hohe Temperaturen von etwa 100 Millionen Grad. Um diese zu erzeugen, hat die Wasserstoffbombe von Palomares eine Atombombe als Auslöser. Diese auf Kernspaltung von Plutonium und Uran beruhende Bombe innerhalb des Gehäuses wiederum wird durch die Explosion eines konventionellen chemischen Sprengstoffs gezündet. (nos)

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