Zum Inhalt der Seite
Kino

Innerhalb der Revolution alles

Die unbedingt sehens- und unterstützenswerte Filmreihe »Soy Cuba« im Kino Babylon in Berlin-Mitte

Foto: sensacine/ICAIC
Jugend eines Freiheitskämpfers: Daniel Romero Pildaín als José Martí

Als der kubanische Poet und Schriftsteller José Martí im Januar 1869 mit nur 16 Jahren wegen »aufrührerischer Umtriebe« von der spanischen Kolonialverwaltung eingekerkert wurde, schrieb er seiner Mutter: »Es tut mir leid, dass ich hinter Gittern bin. Aber meine Haft ist sehr nützlich für mich. Sie hat mich viele Lektionen für mein Leben gelehrt, das voraussichtlich kurz sein wird.«

In der »Soy Cuba«-Reihe, die bis zum 29. August sonnabends im Kino Babylon in Berlin-Mitte läuft, wird an diesem Freitag, dem 15. Mai, um 16 Uhr das zweistündige Biopic »José ­Martí: El ojo del canario« gezeigt werden, das sich mit Kindheit und Jugend des späteren Freiheitskämpfers beschäftigt. Einen großen Raum nimmt die Frage der Würde ein. Ist es nur Unbeugsamkeit oder auch der Kampf um Gerechtigkeit, der zum Konflikt mit der spanischen Herrschaft führt? Und würde allein die Machteroberung der auf Kuba geborenen Söhne der spanischen Unterdrücker das System vollkommen umkrempeln, es menschlicher machen? Weniger rassistisch?

Der im Jahr 2010 fertiggestellte Film wurde vom Kubanischen Institut für Filmkunst und -industrie (ICAIC) produziert, so wie alle anderen Werke der »Soy Cuba«-Reihe auch. Wobei sich darunter auch Gemeinschaftsproduktionen u. a. mit europäischen Fernsehsendern befinden. Über die Auswahlkriterien für die Reihe sagt Kurator Andreas Hesse: »Das fängt mit der technischen Verfügbarkeit eines Films und den finanziellen Bedingungen an. Wenn man von vornherein weiß, dass ein Film beim Verleih bzw. durch europäische Koproduzenten 500 Euro oder mehr kostet, kann man sich die Anfrage sparen, auch wenn es schmerzhaft ist. Inhaltlich ging es mir darum, das kubanische Kino über die Jahrzehnte hinweg abzubilden.«

Mit »Der Tod eines Bürokraten« lief am vergangenen Wochenende eine 1966 erschienene Satire, die bis heute auch bei jungen Cineasten hohes Ansehen genießt. Der Film nimmt Personenkult, proletarisches Pathos und den engstirnigen, selbstgefälligen Verwaltungsapparat auf die Schippe. Auf dem Internationalen Filmfestival in Karlovy Vary wurde er noch im Erscheinungsjahr mit dem Sonderpreis der Jury ausgezeichnet. Zu einer Zeit also, als in der DDR selbst harmlose Produktionen wie »Spur der Steine« aus dem Verkehr gezogen wurden.

Anzeige

Andreas Hesse: »Das kubanische Kino nach der Revolution überraschte von Anfang an durch die kritische und selbstkritische Annäherung an die Gesellschaft und auch damit, dass dies zugelassen wurde.« Als Rahmen dafür nennt er die Fidelsche Programmatik: »Innerhalb der Revolution alles, außerhalb der Revolution nichts!« Zu den Perspektiven kritischer Filme gefragt, antwortet Hesse: »Sollte Kuba es schaffen, das Duo des Grauens von Trump und Rubio zu überleben, ergäben sich neue innenpolitische Spielräume, um das Verhältnis zwischen System und Lebenswelt neu auszuloten.«

Allen Freunden des kubanischen Kinos, denen dieses Überleben am Herzen liegt, sei ein Besuch der Reihe sehr empfohlen. Ein Teil der Einnahmen kommt dem Netzwerk »Interred« zugute, das auf Kuba bereits einige Solarstromanlagen organisiert und finanziert hat. Für dieses Jahr sind zwei besonders wichtige Projekte geplant: Solarstrom für die Kinderherzklinik in Havanna und Solarstrom und Batteriespeicher für das kubanische Filminstitut ICAIC.

José Martí, der mit 42 Jahren in der Tat nicht sehr alt war, als er im Mai 1895 im Kampf für die Unabhängigkeit seiner Heimat fiel, hatte 15 Jahre Exil in den USA hinter sich. Als angesehener Journalist warnte er als einer der ersten vor den beständig stärker werdenden imperialistischen Ambitionen der Yankees, über deren Absichten bezüglich Süd- und Mittelamerikas er sich absolut im klaren war. Andererseits war er immer auch ein großer Bewunderer des industriellen Fortschritts in den Vereinigten Staaten gewesen.

Die Idee, patriotische Filme mit heimischem Solarstrom herzustellen, hätte ihm sicher sehr gefallen.

Die Filmreihe »Soy Cuba« läuft sonnabends bis zum 29. August im Kino Babylon in Berlin-Mitte;

babylonberlin.eu/programm/filmreihen/soy-cuba

junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Ausgabe vom 15.05.2026, Seite 11, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!