Stolz und Entfremdung
Kein leichtes Leben: Visar Morinas Spielfilm »Von Scham und Geld«
»Von Scham und Geld« handelt tatsächlich von den im Titel genannten Themen. Gleich der erste Dialogsatz lautet: »Ich brauche Geld.« Und obwohl die Worte von der unverschämtesten Figur gesprochen werden, die in diesem Spielfilm auftritt, mag der notorische Nichtsnutz Liridon (Tristan Halilaj) sie bezeichnenderweise nicht an seine Mutter Nana (Kumrije Hoxha) richten, obwohl die Matriarchin die spärlichen Reserven der Familie verwaltet. Der junge Mann pumpt auch seinen gutmütigen älteren Bruder Shaban (Astrit Kabashi) nicht unvermittelt um die benötigte Summe an, sondern wendet sich statt dessen an Schwägerin Hatixhe (Flonja Kodheli). Die bodenständige Frau stellt in einem späteren Wortwechsel fest: »Scham ist Luxus« – weshalb freilich um so deutlicher auffällt, dass im dritten Spielfilm von Regisseur Visar Morina, der wie bei »Babai« (2015) und »Exil« (2020) zugleich fürs Drehbuch verantwortlich zeichnet (zusammen mit Doruntina Basha), die Habenichtse ihre Beschämung ebenso wenig abstreifen wie die Wohlhabenden. Dass alle wichtigen Figuren verwandt oder verschwägert sind, wirft indes die Frage auf, wie Peinlichkeiten und Finanzangelegenheiten durch familiäre Nähe zugespitzt werden.
Protagonist Shaban wird als Kleinbauer eingeführt, der mit Hatixhe in einem kosovarischen Dorf Milchwirtschaft betreibt, bis Liridon sowohl den Ruf der Familie ruiniert als auch deren prekäre Lebensgrundlage. So beginnt ein Prozess der Entwurzelung, der von Schwarzblenden und Zeitsprüngen gegliedert wird, die zu den zunächst seltenen formalen Akzenten gehören, denen unscheinbarer Realismus hier seinen subtilen Reiz verdankt. Das Ehepaar findet sich bald mit seinen drei kleinen Töchtern und Nana in Pristina wieder, wo Verwandte eine Wohnung und Jobs besorgt haben. Die Miete ist allerdings zu hoch und der Lohn zu niedrig, weshalb die Hinterwäldler schließlich bei der angeheirateten Familie von Hatixhes Schwester Lina (Fiona Gllavica) unterkommen müssen, die am Stadtrand einen schmucken Villenneubau bewohnt.
Während die Zugezogenen sich aus falschem Stolz mit einem Lagerraum im Nebenhaus begnügen, ist es Linas Schwiegermutter sichtlich unangenehm, dass die Inkontinenz ihres dementen Ehemannes von Hatixhe zur Kenntnis genommen wird, sobald die von ihrer Schwester um Hilfe bei der Pflege gebeten wird. Lina ist derweil erfolglos um Diskretion bemüht, wenn sie sich regelmäßig Spritzen verabreicht, die offenbar einen lange unerfüllten Kinderwunsch befördern sollen. Und ihr Ehemann Alban (Alban Ukaj), der Betreiber einer exklusiven Bar, empfindet es seinerseits als Schande, dass der Schwager sich auf einem entsprechenden Straßenstrich als Tagelöhner anbietet.
Als Shaban mit Mutter, Ehefrau und Kindern in Pristina eintrifft, bleibt die Stadtlandschaft noch außerhalb unseres Blickfeldes, weil Janis Mazuch seine Kamera auf das Innere des Reisebusses richtet, hinter dessen Fenstern die Außenwelt am Bildrand in Unschärfe verschwimmt. Wenn die beiden Hauptfiguren später Baustellen und Gastrobetriebe abklappern, um nach besser bezahlten Arbeitsmöglichkeiten zu suchen, führen Panoramaeinstellungen uns hingegen eine schroffe Urbanität vor Augen, die man einer Stadt mit bescheidenen 200.000 Einwohnern kaum zutrauen würde. Trotzdem mutet der Straßenrand, an dem Shaban dann mit weiteren mittelalten Männern um Handlangerarbeit buhlt, geradezu heimelig an, als sich diese Schicksalsgenossen in einer Szene zum gemeinsamen Essen niederlassen. Man konkurriert zwar, wann immer ein Auto am Bordstein anhält, um den jeweiligen Auftrag, ist aber doch – irgendwie – solidarisch miteinander.
Das mag erklären, warum Shabans trotziger Stolz, der ihn die gelegentlich von Alban und Lina angebotenen Zuwendungen ablehnen lässt, in handfeste Aggression umschlägt, sobald ihm ein Auftraggeber ungefragt mehr zahlen will, als die Gesetze des informellen Arbeitsmarktes erfordern: Das Pochen auf den schieren Marktwert seiner Arbeitskraft, die sich im Gegeneinander und Miteinander mit den anderen Tagelöhnern etabliert hat, ist wohl die letzte, paradoxe Abwehr gegen zunehmende Entfremdung. Unter diesen Vorzeichen ist Shabans Entfremdung freilich, als die Kamera sich erstmals von den Hauptfiguren löst und eine in Pristina stehende Bill-Clinton-Statue erkundet, in schillernder Mehrdeutigkeit auf den gesamten, völkerrechtlich umstrittenen Staat zu beziehen. Denn dessen bloße Existenz verdankt sich bekanntlich nichts anderem als geopolitischer Gönnerhaftigkeit der US-amerikanischen Großmacht.
→ »Von Scham und Geld«, Regie: Visar Morina, Kosovo/BRD/Slowenien/Albanien u. a. 2026, 129 Min., Kinostart: heute
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
