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Ins Ziel gerettet
US-Radprofi Brandon McNulty gewinnt überraschend das Straßenrennen der WM in Montréal, bei den Frauen triumphiert die Niederländerin Demi Vollering
Ohne den verletzten Tadej Pogačar, der 2025 und 2024 das Regenbogentrikot gewonnen hatte, war das Straßenrennen der Männer bei der diesjährigen Radsport-WM erfreulich unvorhersehbar. Zwar war es keine Überraschung, dass auf gut 100 flachen Kilometern, die das Peloton zunächst von Brossard nach Montreal radelte, nichts Nennenswertes passierte. Doch der Abnutzungskampf, der sich in der Québecer Metropole auf einem zwölfeinhalbmal zu bewältigenden Rundkurs entwickelte, war noch atemberaubender, als das wellige und kurvige Terrain erhoffen ließ.
Bevor die Hälfte der 273 Kilometer langen Strecke absolviert war, zog die französische Nationalmannschaft so nachdrücklich das Tempo an, dass die obligatorische Ausreißergruppe des Tages schon gut 100 Kilometer vorm Ziel eingeholt war. In dem Chaos, das sich nun ergab, war Paul Seixas, der Kapitän der Franzosen, allerdings ebensowenig zur Stelle wie Isaac del Toro, der sein mexikanisches Team noch früher zu unnötiger Führungsarbeit eingespannt hatte. Die beiden Nachwuchsstars prägten mit etlichen Einzelaktionen den Rest des Rennens, blieben aber stets gegenüber der Konkurrenz im Hintertreffen.
Ähnlich erging es dem Topfavoriten Remco Evenepoel, der acht Tage vorher zum vierten Mal Zeitfahrweltmeister geworden war. Er mochte sich vorübergehend damit trösten, dass sein Landsmann Wout van Aert 87 Kilometer vorm Ziel eine aussichtsreiche Spitzengruppe initiierte. Nach weiteren dreizehn Kilometern war der Belgier freilich abgehängt, als der zweite Topfavorit, der Niederländer Mathieu van der Poel, das führende Sextett an einem kurzen Anstieg halbierte. Zwar betrug der Vorsprung, den der Weltmeister von 2023 mit zwei und schließlich drei namhaften Begleitern behielt, kaum eine halbe Minute. Dennoch wirkte es wie eine Antiklimax, als van der Poel sowie der Slowene Primož Roglič, der Ire Ben Healy und der US-Amerikaner Quinn Simmons 35 Kilometer vorm Ziel plötzlich von der ein Dutzend Fahrer umfassenden Verfolgergruppe eingeholt waren.
Spätestens jetzt war klar, dass die USA das beste Kollektiv aufgeboten hatten, denn ihre Nationalmannschaft war als einzige zu dritt vorne vertreten. Matteo Jorgenson fingierte zunächst eine eigene Attacke, um Brandon McNulty das Davonschleichen zu ermöglichen. Dann neutralisierte er heldenhaft (fast) alle Konter, so dass er den WM-Titel zuletzt gleichermaßen verdient gehabt hätte wie der 28jährige Überraschungssieger. Kaum dass McNulty sich nach 33 Kilometern Solofahrt ins Ziel gerettet hatte, verwies der Australier Michael Matthews indes im denkbar müden Gruppensprint van der Poel auf Platz drei.
Tags zuvor hatte das 180 Kilometer lange Frauenrennen fast ebensoviel Dramatik geboten. Das Finale war eingeläutet, als die Französin Maëva Squiban gut 52 Kilometer vorm Ziel ausriss und die Niederländerinnen zur Reaktion zwang. Die hatten schon auf dem ersten Streckendrittel, das zum Montrealer Rundkurs führte, das Peloton kontrolliert. Allerdings war von Demi Vollerings Helferinnen in der drittletzten Runde schließlich nur Puck Pieterse übrig. Die zog am schwersten Anstieg, der Voie Camillien-Houde (die bei den Männern überraschenderweise nie prägend wirkte), gehörig das Tempo an, bevor ihre Kapitänin kurz vor der Kuppe nicht nur Squiban überholte, sondern 38 Kilometer vorm Ziel auch alle anderen hinter sich ließ.
In der achtköpfigen Verfolgerinnengruppe verrichtete Pieterse daraufhin Störarbeit, während die Französinnen, die zu dritt die relative Mehrheit stellten, aber bezüglich der teaminternen Rollenverteilung unentschlossen schienen, zunächst jede Nachführarbeit verweigerten. So blieb es an Marlen Reusser, die am vorangegangenen Sonntag ihren Titel im Zeitfahren verteidigt hatte, den Vorsprung Vollerings auf etwa eine halbe Minute zu begrenzen. Zum Dank wurde die Schweizerin freilich von Kasia Niewiadoma und Elisa Longo Borghini mit wiederholten Attacken abgehängt, woraufhin die Polin und die Italienerin 16 Kilometer vorm Ziel sogar Vollering einholten. Vorübergehend konnte Juliette Berthet, die als Fünfte schließlich beste Französin wurde, zur Spitze aufschließen, bevor Longo Borghini sich bei der vorletzten Zieldurchfahrt davonstahl.
Um so dringlicher stellte sich die Frage, ob Vollering dem Druck standhalten würde, der sich nicht nur aus dem Status der Topfavoritin ergab, sondern auch aus einer unzweideutigen Teamhierarchie, die man von der traditionell stärksten Nation des Frauenradsports ganz und gar nicht gewohnt war. Immerhin gelang es der 29jährigen Niederländerin, die aufregend zwischen Souveränität und Nervenflattern, Instinktsicherheit und Begriffsstutzigkeit oszilliert, bei der letzten Fahrt über die Voie Camillien-Houde Longo Borghini zu überholen. Doch Niewiadoma ließ sich nicht abschütteln und verweigerte zunächst jede Tempoarbeit, was ihre Begleiterin zu wortreichen Remonstrationen veranlasste. Nachdem die Polin am letzten kurzen Anstieg erfolglos einen Ausreißversuch unternommen hatte, vertraute Vollering allerdings zur Recht darauf, im Normalfall die bessere Sprinterin zu sein, bevor Longo Borghini wenige Sekunden später, gefolgt von Reusser, ins Ziel trudelte.
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