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Um Haaresbreite
Straßenradsport-EM in Slowenien: Remco Evenepoel holt Gold im Sprintduell mit Giulio Ciccone. Demi Vollering verteidigt ihren Titel
Als bei der Straßenradsport-EM in Slowenien am Sonntag das Männerrennen ausgetragen wurde, war Vorjahressieger Tadej Pogačar, dem der 196-Kilometer-Parcours ursprünglich auf den Leib geschneidert worden war, verletzungsbedingt nur lokaler Ehrengast. Statt dessen galt Remco Evenepoel uneingeschränkt als Favorit, zumal Mathieu van der Poel, der eine Woche vorher bei der WM auf den Bronzeplatz gefahren war, dem Start in Ljubljana ebenso fernblieb wie die Hälfte der 14 anderen Europäer, die in Montreal zu den Top twenty gezählt hatten.
Aus der slowenischen Hauptstadt führte zunächst ein langes Flachstück zu dem voralpinen 22-Kilometer-Rundkurs, der dann auf dem Weg zum Zielort Šenčur fünfmal zu absolvieren war. Dabei erwies sich ein steiler Hügel beim Dörfchen Možjanca erwartungsgemäß als rennentscheidend: Als der zwei Kilometer lange Anstieg die ersten Male befahren wurde, streuten die Nationalmannschaften der Schweiz, Frankreichs, Italiens und Sloweniens nacheinander Einzelattacken oder Beschleunigungen ein. Doch die Kontrolle des belgischen Teams war nicht zu erschüttern. Dessen Kapitän Evenepoel wurde – im Gegensatz zur Vorwoche – den Erwartungen gerecht, indem er bei der vorletzten Überquerung des Hügels selbst angriff und andere Sieganwärter wie etwa den Heimliebling Primož Roglič schnell distanzierte.
Allerdings war Giulio Ciccone gleichzeitig in die Offensive gegangen und erreichte unmittelbar hinter Evenepoel die Kuppe. Im nächsten Moment gelang es dem Italiener knapp, einen eigenen Sturz zu vermeiden, als der Belgier zu waghalsig in eine Kurve raste und gegen eine Bande krachte. Jetzt hatte Ciccone einen kleinen Vorsprung, den er auf den ausstehenden 37 Kilometern freilich kaum solo hätte verteidigen können. Deshalb ließ er sich von knapp einem Dutzend Verfolgern einholen, zu denen der wieder aufs Rad gesprungene Evenepoel gehörte. Der ritt in der Abfahrt sogleich die nächste Attacke, die erneut nur Ciccone parieren konnte.
Danach verharrte der 31jährige, sooft und solange es der beste Zeitfahrer der Welt zuließ, in dessen Windschatten. Gut 300 Meter vorm Ziel düpierte der Italiener seinen fünf Jahre jüngeren Begleiter wiederum, indem er risikoreich eine knifflige Kurve schnitt und einen langen, atemberaubenden Sprint eröffnete, den Evenepoel – wie erst das Zielfoto bewies – um Haaresbreite für sich entschied. Dahinter fuhr Christian Scaroni solo zur Bronzemedaille, nachdem er vom kollektiven Ungeschick der Franzosen profitiert hatte. Die hatten trotz ihrer relativen Mehrheit in der Verfolgergruppe die rechtzeitige Nachführarbeit versäumt, so dass Mathys Rondel schließlich im Alleingang dem Spitzenduo hinterherhetzen wollte. Jedoch wurde er nie den 28jährigen italienischen Aufpasser los, der ihn seinerseits am letzten Možjanca-Anstieg abschüttelte.
Tags zuvor hatte das 130 Kilometer lange Frauenrennen unter ähnlichen und doch ganz anderen Vorzeichen gestanden: Die Niederländerin Demi Vollering war so klar favorisiert wie Evenepoel, hatte aber bereits im Vorjahr den EM-Titel gewonnen und in der Vorwoche den WM-Titel. Auch ihr Nationalteam kontrollierte von Beginn an das Peloton, das freilich fast so prominent besetzt war wie in Montreal. Zumal der Rundkurs nur zweimal befahren wurde, mussten die Niederländerinnen ihre kollektive Dominanz also anders ausspielen als die belgischen Männer.
Deshalb reagierte Vollering sofort mit einer eigenen Beschleunigung, als die 35jährige Schweizerin Marlen Reusser sich bei der ersten Možjanca-Überquerung in unnachahmlicher Zeitfahrmanier abzusetzen versuchte. Weil Puck Pieterse ebenfalls den Anschluss halten konnte, waren die oranje Trikots im an der Spitze übrig gebliebenen Septett als einzige mehrfach vertreten. Trotzdem spannte die 29jährige Topfavoritin ihre fünf Jahre jüngere Edelhelferin nun nicht zur Tempoarbeit ein, da sie offenbar darauf vertraute, dass sie bei der letzten Bewältigung des Možjanca-Anstiegs erneut jede Konkurrentin selbst in Schach halten könnte – und dass vorher genug weitere Niederländerinnen aufschließen würden, um im Dienste der Kapitänin etwaige Ausreißerinnen einzufangen.
So konnten die Deutschen, die vorn zunächst nur durch Antonia Niedermaier repräsentiert waren, in der anschwellenden Spitzengruppe für einen Augenblick zu dritt die relative Mehrheit stellen – bevor die in der Abfahrt herangeraste Franziska Koch sich sogleich (mit einer Dänin) aus dem Staub machte. Nach der baldigen Einholung des Duos unternahm Liane Lippert prompt (in Begleitung einer Schweizerin) einen eigenen Fluchtversuch, der freilich schnell durch die nunmehr ebenfalls zur Spitze zurückgekehrte Femke de Vries neutralisiert wurde. Die Niederländerin bereitete ihrem Superstar dann mit Pieterse am letzten Anstieg den unvermeidlichen Angriff vor, dem sich zuletzt auch die polnische Vizeweltmeisterin Kasia Niewiadoma geschlagen gab. Hinter Vollering, deren Solosieg eine fast perfekte Saison abrundete, sprintete die schon in der Vorwoche unerschöpfliche Pieterse schließlich vor Reusser zur hochverdienten Silbermedaille.
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