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Kino

Zwei Parzellen und ein Seeufer

Konfektionskino für Gymnasiasten: Volker Schlöndorff verfilmt Jenny Erpenbecks Roman »Heimsuchung«

Foto: ©STUDIOCANAL Ziegler Film
Unbeschwerte Tage auf einem schönen Fleckchen Erde …

Dass Jenny Erpenbecks »Heimsuchung« von Volker Schlöndorff adaptiert werden würde, war unvermeidlich. Die Schriftstellerin ist international so anerkannt wie keine deutsche Kollegin, und ihr 2008 erschienener Roman ist längst Pflichtlektüre fürs Abitur. Der 1939 geborene Filmemacher hat wiederum, seit er 1966 mit »Der junge Törless« sein Spielfilmdebüt vorgelegt hatte, dem jeweils gültigen Literaturkanon häufig Stoffe entlehnt – zumal nachdem ihm »Die Blechtrommel« (1979) Goldene Palme und Auslands-Oscar beschert hatte.

Folgerichtig ist »Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte« ein gediegenes Stück prominent besetzten Konfektionskinos geworden, das Gymnasiasten nicht überfordert. Dabei setzt das Drehbuch, für das der Regisseur wie üblich verantwortlich zeichnet, gleich zu Beginn mit einem Satz, der bei Erpenbeck nicht zu finden ist, den fatalistischen Ton: Während sich in einem nebelverhangenen, monochromen Tableau alle wichtigen Figuren vorab auf dem Grundstück am Scharmützelsee versammeln, das anschließend als Handlungsort der das 20. Jahrhundert umspannenden Episoden dient, bedauert ein Erzähler aus dem Off, dass »die Weltgeschichte« vor diesem Fleckchen Erde nicht Halt gemacht habe.

Entsprechend zugespitzt ist im Vergleich zur tief ins Erdzeitalter zurückgreifenden Vorlage die Funktion des – wie offenbar alle Figuren, deren reale Vorbilder nicht im Holocaust ermordet wurden – namenlos bleibenden Gärtners (Wigand Witting). Während er mit beiläufigen Auftritten fast alle Kapitel verbindet, muss sein stummer Gleichmut ein Abseitsstehen von menschengemachter Geschichte suggerieren. Die Historie wird uns dagegen zu DDR-Zeiten mitunter plakativ bewusst gemacht: So spricht die Schriftstellerin (Martina Gedeck), die Erpenbecks Großmutter Hedda Zinner nachempfunden ist, nun Erinnerungen an den 1937 in Moskau erlebten Säuberungsterror aus. Und die Kommunistin versammelt 1969 wohl nur deshalb einen Kreis gleichgesinnter Gäste vor der Glotze, damit wir in einem »Tagesschau«-Ausschnitt Willy Brandts »Wir wollen mehr Demokratie wagen …« hören.

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Der Architekt (Lars Eidinger mit charakteristischer Hans-Poelzig-Frisur), der bis zum Einzug der Schriftstellerin und ihrer Familie das selbst entworfene Haus mit seiner Ehefrau (Susanne Wolff) bewohnt, wird indes ausdrücklich mit dem zeitgenössischen Bau der Berliner Stalinallee in Verbindung gebracht. Da sein brandenburgisches Einfamilienhaus, das nach der ersten, stark vom Roman abweichenden Episode jeweils im Zentrum des Geschehens steht, auf der Kinoleinwand unweigerlich konkretere Gestalt annimmt als im belletristischen Text, kann das Thema Architektur derweil eigenen Reiz entfalten. Da Schlöndorff zum Teil im Einsteinhaus in Caputh gedreht hat, erscheint der Opportunismus des im Film auftretenden Architekten in subtilem Kontrast zur Neusachlichkeit von dessen angeblichem Eigenbau. Das hölzerne Gebäude hatte 1929 Konrad Wachsmann entworfen, der als Jude Deutschland bald den Rücken kehren musste. Sein geschmackvoll-bescheidener Baustil wirkt jedoch weltanschaulich so unbestimmt, dass er tatsächlich einem Nazimitläufer zuzutrauen wäre, der sich in der DDR Hoffnungen auf ein spätes Aufblühen seiner Karriere machte und schließlich, nach unbekümmertem Verstoß gegen Handelsgesetze Hals über Kopf nach Westberlin zog.

Der Reiz dieses nebensächlichen Themas kann allerdings nicht darüber hinwegtrösten, dass die rigorose Beschränkung der Handlung auf das vorübergehend in zwei Parzellen geteilte Seeufer – sowie auf strenge Chronologie – gegenüber der Vorlage ein Manko bedeutet. Das beste Kapitel des Romans verwob Impressionen von Wochenenden, die ein Tuchfabrikant (Ulrich Matthes) zu Beginn der 1930er Jahre auf einer Hälfte dieses Grundstückes erlebt hatte, mit seinem Nachkriegsalltag in Südafrika sowie mit Erinnerungen an einen zwischenzeitlichen Besuch der nunmehr großteils im Holocaust ermordeten jüdischen Familie an diesem zwiespältigen Exilort.

Mag sein, dass die Brillanz jener Passagen kaum in Filmsprache zu übersetzen wäre. Doch eine bessere Adaption hätte womöglich ähnliche Kühnheit bewiesen, wie sie die Spielfilmdebütantin Mascha Schilinski bei »In die Sonne schauen« (2025) mit impressionistischem Kreisen um einen vergleichbar beschränkten Handlungsort wagte. Statt dessen lässt Altmeister Schlöndorff zahlreiche Zeilen, die sich in Briefen einer ermordeten Nichte des Tuchfabrikanten überliefert haben, aus Kindermund im Off erklingen – womit freilich nur einmal mehr der Beweis erbracht ist, dass formale Biederkeit dem Holocaust nicht gerecht werden kann.

»Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte«, Regie: Volker Schlöndorff, Deutschland/Frankreich 2026, 121 Min., bereits angelaufen

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Erschienen in der Ausgabe vom 17.10.2026, Seite 10, Feuilleton

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