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Radsport

Das Rennen der fallenden Blätter

Ein neuer Dominator kündigt sich an: In Abwesenheit des Rekordsiegers Pogačar gewinnt der 20jährige Paul Seixas die Lombardei-Rundfahrt

Foto: ABACAPRESS/IMAGO
Der Beginn einer neuen Ära? Paul Seixas mit Trophäe

In seiner jungen Karriere hat Tadej Pogačar (UAE Team Emirates – XRG) kein anderes Eintagesrennen so unerbittlich dominiert wie die Lombardei-Rundfahrt, die als fünftes »Monument« traditionell einen letzten Saisonhöhepunkt im Straßenradsport markiert und am Sonnabend zum 120. Mal ausgetragen wurde. Zwar muss der Slowene sich den Ehrentitel des Rekordsiegers – noch – mit Fausto Coppi teilen. Doch hat er den legendären Italiener schon übertrumpft, indem er seine eigenen fünf Siege ab 2021 ohne jede Unterbrechung feierte. Da die bei der Vuelta a España erlittenen Verletzungen ihn diesmal zwangen, dem Start in Bergamo fernzubleiben, schien das »Rennen der fallenden Blätter« nun plötzlich unkalkulierbar.

Pogačars Mannschaft übernahm freilich trotz seiner Abwesenheit die Hauptverantwortung bei der Kontrolle des Pelotons. Denn sie hatte in Gestalt von Isaac del Toro, der einen Monat zuvor den Grand Prix de Montréal gewonnen hatte, und Brandon McNulty, der am selben Ort zwei Wochen später Weltmeister geworden war, zwei alternative Sieganwärter in ihren Reihen. Bei der Führungsarbeit wurde UAE Team Emirates – XRG von den Helfern des neuen Europameisters Remco Evenepoel (Red Bull – Bora – Hansgrohe) unterstützt, der bei diesem norditalienischen Klassiker in beiden Vorjahren Zweiter war. Da Tom Pidcock dieselbe Plazierung 2023 errungen hatte, zeigte sich dessen Pinarello Q36.5 Pro Cycling Team wiederum ähnlich regelmäßig an der Spitze des Fahrerfelds wie das Decathlon CMA CGM Team, dessen Supertalent Paul Seixas bereits bei jedem Rennen zum Favoritenkreis zählt.

Als 90 Prozent der 239 Kilometer langen Strecke absolviert waren, blieben immer noch sechs Ausreißer aus der ursprünglich 14köpfigen Fluchtgruppe des Tages übrig. Ihr Vorsprung, der kaum über drei Minuten betragen hatte, war unter die Minutenmarke gerutscht, als Matteo Jorgenson (Team Visma – Lease a Bike) 61 Kilometer vorm Ziel aus dem Peloton angriff. Dass der achteinhalb Kilometer lange Madonna-del-Ghisallo-Anstieg zu einem taktischen Nadelstich genutzt werden könnte, war allgemein erwartet worden. Dass ausgerechnet der US-Amerikaner in die Offensive ging, war dennoch überraschend, weil er nicht über jene Explosivität verfügt, die auf dem verbleibenden Kilometer bis zur Kuppe einen nennenswerten Vorsprung ermöglicht hätte.

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Gefährlichkeit verdankte Jorgensons Vorstoß vor allem dem Umstand, dass McNulty und Quinn Simmons (Lidl – Trek) sich dem Landsmann prompt anschlossen. Als Mitglieder ihrer Nationalmannschaft hatten diese drei Fahrer im Finale der WM das mit Abstand stärkste Kollektiv aufgeboten. Und trotz der Zugehörigkeit zu konkurrierenden Teams hatte nun jeder egoistische Gründe, vorläufig erneut zusammenzuarbeiten. Allerdings bot Christian Scaroni (XDS Astana Team), der im Windschatten der US-Amerikaner hatte mitfahren können, weder in der Abfahrt noch auf dem anschließenden flacheren Streckenabschnitt Unterstützung. So erleichterte der italienische EM-Dritte es den Helfern von Evenepoel und Seixas, das Quartett nach sechzehn Kilometern wieder einzufangen.

Im Vergleich zur Vehemenz von Jorgensons Attacke, die ein Kollege mit ebenso deutlichem Kraftaufwand vorbereitet hatte, wirkte der rennentscheidende Moment dann so unscheinbar, dass seine Tragweite sich erst verzögert erschloss: Während am Fuße des vorletzten Anstiegs die Reste der ursprünglichen Ausreißergruppe eingesammelt wurden, setzte Seixas sich gut 19 Kilometer vorm Ziel an die Spitze der Favoritengruppe. Das machte er so beiläufig, dass kaum ein kausaler Zusammenhang mit der gleichzeitigen Distanzierung Evenepoels auffiel – bevor McNulty sowie del Toro bald ebenfalls abreißen lassen mussten. Pidcock, der noch einige hundert Meter folgen konnte, bezweifelte später grinsend, dass Seixas überhaupt angegriffen hatte: »Er hat gewissermaßen bloß sein eigenes Tempo angeschlagen – sein hohes Tempo«, sagte der Brite im Zielort Como, nachdem er sich im Sprint um den vierten Platz Evenepoel und McNulty hatte geschlagen geben müssen.

Seixas fuhr 18 Kilometer solo, nachdem er auch Giulio Ciccone (Lidl – Trek) abgeschüttelt hatte. Als Dritter wiederholte der Italiener, der am vorangegangenen Sonntag um Haaresbreite den EM-Titel verpasst hatte, seine beste Il-Lombardia-Plazierung von 2024 – was der 31jährige freilich als zwiespältigen Abschluss einer sieglosen Saison empfinden dürfte. Er war vom gleichaltrigen Spanier Enric Mas (Movistar Team) zunächst eingeholt und am allerletzten Anstieg, knapp sieben Kilometer vorm Ziel, abgehängt worden, so dass der diesjährige Vuelta-Gewinner schließlich als Il-Lombardia-Zweiter sein bestes Ergebnis von 2022 wiederholte. Um so glänzender strahlt unter solchen Vorzeichen Seixas’ Erfolg: Nur 16 Tage nach seinem 20. Geburtstag ist er der jüngste Sieger in der ruhmreichen Geschichte des Rennens geworden. Womöglich zeichnet sich die Ära des nächsten Dominators ab. Aber noch ist zu hoffen, dass seine absehbare Konkurrenz mit Pogačar den wichtigsten Radsportveranstaltungen zukünftig wieder mehr Spannung verleihen wird.

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Erschienen in der Ausgabe vom 12.10.2026, Seite 16, Sport

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