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Kino

Im Dienst der Presse

AIDS-Krise in Kenia und der Journalismus: Emily Atefs Problemfilm »Call Me Queen«

Foto: Firul Maithya/RingelFilm
Eliane Umuhire als Königin aus eigenem Willen

Dass uns der Spielfilm »Call Me Queen« ein X für ein U vormachen will, deutet schon die anfangs eingeblendete Behauptung an, von »wahren Begebenheiten inspiriert« zu sein. Denn später folgt ein Hinweis auf den Roman, der dem von Regisseurin Emily Atef mit Josune Hahnheiser, Hawa Essuman und Jeannine Dominy verfassten Drehbuch tatsächlich zugrunde liegt. Lara Santoros »Mercy« ist 2007 erschienen und nie aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt worden. Allgemein scheint das Erstlingswerk kaum Beachtung gefunden zu haben, aber eine kursorische Recherche ergibt, dass Santoro darin Erfahrungen als Afrika­korrespondentin (unter anderem von Newsweek) einfließen ließ. Zudem hat die in Rom geborene und in den USA lebende Autorin zu Protokoll gegeben, dass sie mit ihrer Protagonistin regelrecht identisch sei: »Anna ist ganz ich.«

Der Roman spielt vor dem Hintergrund der AIDS-Krise, die Ende der 1990er Jahre in Kenia Tausende Menschen das Leben kostete – befördert von westlicher Handelspolitik, die zum Nutzen der Pharmakonzerne deren Patentschutz für lebensrettende Medikamente verteidigte. Dagegen erhob sich vor Ort wirklich Protest, weshalb das Eingeständnis der Autorin, dass ihre wichtigsten schwarzen Figuren, eine Haushaltshilfe und ein Pfarrer, »die einzigen rein fiktiven Figuren im Buch« seien, um so bezeichnender wirkt. Es drängt sich der Verdacht eines westlichen Narzissmus auf, der Vertreter einer afrikanischen Bürgerbewegung kurzerhand erfindet, um an deren Seite das eigene (Alter) Ego gut aussehen zu lassen.

Der »Wokeness« ist zugutezuhalten, dass uns heute niemand mehr unbekümmert solch selbstgefällige Phantasterei unterzujubeln versucht. Doch das heißt im Falle dieser Romanverfilmung nichts anderes, als dass die 1973 in Berlin geborene Regisseurin, bei der sich TV-Routine mit Einladungen zum Berlinale-Wettbewerb oder zu einer Cannes-Nebenreihe abwechselt, den Stoff auffallend verdruckst zurechtschustert. Man merkt der Figur der Anna (Denise Gough) an, dass sie auf dem Papier einst im Mittelpunkt stand: »Call Me Queen« schneidet allerlei Konflikte an, die das Berufs- und Privatleben der Nairobi-Korrespondentin eines namenlos bleibenden britischen oder US-Printmediums prägen. Sie ist frustriert, weil ihr investigativer Eifer sich nicht mit den Formatvorgaben verträgt, in die ein nur im (anachronistischen) Videochat sichtbarer Redakteur (Dominic West) ihre journalistische Arbeit zwängt. Entsprechend fruchtlos wirkt das Feilen der jungen Frau an ihren Texten, was die Überschreitung von Abgabefristen und die Gefährdung ihres Jobs nach sich zieht. Folglich neigt Anna zum Suff, der selbstredend schlimmer wird, als ein anderer westlicher Korrespondent (Charlie Carrick), mit dem sie eine komplizierte Liebesaffäre hatte, unter unklaren Umständen stirbt.

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Als diese Krise ihren Höhepunkt erreicht, wird die dramatische Dynamik jedoch abrupt abgewürgt und unsere Aufmerksamkeit auf eine zweite Hauptfigur gelenkt: Quinta (Eliane Umuhire) ist zu Beginn von Anna als Haushälterin engagiert worden, obwohl die solche Dienstleistungen gar nicht gesucht hatte. Das lässt an die Ausgangskonstellation von Fannie Hursts 1933 erschienenem Roman »Imitation of Life« denken, der 1934 und 1959 den Stoff für zwei klassische, von John M. Stahl beziehungsweise Douglas Sirk inszenierte Filmmelodramen abgegeben hatte. Um so deutlicher fällt hier freilich auf, wie krampfhaft Atef sich bemüht, die Gewichte zwischen weißer und schwarzer Protagonistin politisch korrekt zu verteilen – auch wenn Santoros literarisches Selbstporträt der Absicht im Wege steht.

Indem Anna aus eigener Tasche die notwendigen Medikamente bezahlt, bewahrt sie ihre Dienstbotin vorm frühen Tod, als plötzlich deren latente HIV-Infektion ausbricht. Die Dienstherrin, die unvermittelt beste Freundin geworden ist, initiiert als freiwillige Chauffeurin anderer AIDS-Kranker die Selbsthilfegruppe, die Quinta im Gemeindesaal eines Pfarrers (Danny Sapani) um sich schart. Und die Journalistin wirbt für deren Interessen schließlich mit Artikeln, weshalb sie denn auch Quintas einzige Begleiterin beim Gesprächstermin mit einem Vizeminister ist. Während die Drehbuchautorinnen Anna also eifrig Rat und Tat erteilen lassen, schreiben sie der Frau andererseits die merkwürdige Gewohnheit zu, sich eben dafür ständig zu entschuldigen. Zugleich deuten sie eine egozentrische Caprice von Quinta zum symbolpolitischen Triumph um, wenn sie besagten Vizeminister den im Filmtitel anklingenden Märchenwunsch des bettelarmen Aschenputtels erfüllen lassen, mit dem selbstgewählten Spitznamen »Königin« angesprochen zu werden.

Sofern die Bilder der renommierten französischen Kamerafrau Hélène Louvart den anfänglich behaupteten Realitätsgehalt aufscheinen lassen, ist das schlicht dem Umstand zu verdanken, dass die in Europa ausgeheckte Filmproduktion am Handlungsort Nairobi gedreht worden ist. Doch spätestens der Abspann treibt dem Ganzen jeglichen Realismus aus, wenn ein Stück Pseudo-Afro-Pop den Slogan »We Have the Power« sinnlos auf »The Greedy Rule The World« reimt.

→ »Call Me Queen«, Regie: Emily Atef, BRD/UK/Frankreich 2026, 105 Min., Kinostart: heute

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.10.2026, Seite 11, Feuilleton

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