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Comic

Schaum vorm Mund

Eine verteufelte Familiengeschichte: Bea Lemas autobiographischer Comic »Der Leib Christi«

Foto: Reprodukt Verlag
Reduziert, symbolisch: »Der Leib Christi« von Bea Lema

Bea Lema ist keine Vielzeichnerin. Die zahlreichen Preise, die sie seit 2017 eingeheimst hat – Arbeitsstipendium in Angoulême, beim Festival dort der Publikumspreis, Preis für den besten ausländischen Comic in Montreal, dann in Neapel, Comic-Nationalpreis des spanischen Kultusministeriums und noch ein paar kleinere wie den »Heldinnenpreis« der bourgeoisen französischen Frauenzeitung Madame ­Figaro – beziehen sich alle auf »O corpo de Cristo« oder »El cuerpo de Cristo«, also »Der Leib Christi« auf galicisch bzw. spanisch. Zwischen dem Original und der ausgearbeiteten Version des Comics liegen sieben Jahre. Ansonsten hat sie das Buch noch zum Zeichentrickfilm gemacht. Teile dieses nun auf Deutsch bei Reprodukt erschienen Erstlings waren wohl auch recht mühsam herzustellen, denn Bea Lema hat viele seiner Seiten gestickt und genäht. Das liegt, wie das Buch erzählt, seit Generationen in der Familie. Der Großteil ist eine Art naive Malerei mit Filzstift und Wasserfarbe, entweder bunt und wimmelbildartig, wie Kinder malen würden, wenn sie besser malen könnten, oder reduziert und symbolisch. Beides passt zur Geschichte, und die geht wie folgt:

Foto: Reprodukt Verlag 11-onl.png

Die Hauptfigur Vera wurde wie die Autorin 1985 geboren. Eine der ersten Erinnerungen ist die Fahrt zu einer Heilerin, die eine Art Exorzismus an ihr vornimmt. Obwohl alle sie plagenden Übel entweichen, geht es dem Mädchen nicht besser, weil es eigentlich oder zumindest auch an einer ganz profanen Tuberkulose leidet. Zu dieser Zeit etwa wird die Mutter Adela komisch. Sie schläft viel, ist ständig erschöpft, vernachlässigt ihre Kinder. Der Vater meint, sie sei nervenkrank, aber sie sagt, sie habe den Teufel in sich. »Der Teufel packte sie, ihren Magen, ihr Gesicht. Er ließ ihr keine Ruhe, so dass sie tagelang nur noch im Bett liegen konnte. Er überwachte alles, was wir taten, und wir mussten immer leise sein.« Das Problem ist, dass der Vater die Sache nicht ernst nimmt und immer länger aus dem Haus ist. Eine typische Entwicklung: Die Mutter bekommt Medikamente verschrieben, nimmt sie aber nicht, der Vater weiß sich nicht zu helfen, spricht auch mit niemandem darüber, der Sohn will mit der Sache nichts zu tun haben, und an der Tochter bleibt es hängen, sich um die Mutter zu kümmern statt normaler- und gesunderweise umgekehrt. Dann kommen Eifersucht und Misstrauen hinzu. Die Mutter verdächtigt den Mann, eine andere zu haben, und den Sohn, Drogen zu nehmen. »Alfredo macht mir Sorgen«, sagt sie einer Bekannten. »Er ist wie mein Vater. Er hat denselben Charakter, diesen Hass im Herzen, er macht mir Angst. Er geht abends weg und nimmt Drogen. Ich will nicht, dass er genauso endet, als Säufer und ­Tyrann.«

Foto: Reprodukt Verlag 11-onl-3.png
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Von diesem Vater erfährt die Leserin noch so manches. Er verdächtigte die unentwegt schuftende Tochter, sich unsittlich gegenüber Jungen zu verhalten, hat selbst aber systematisch die bescheidenen Einkünfte der vielköpfigen Familie versoffen, bis zu dem Punkt, dass ein Kind stirbt, weil kein Geld für den Arzt da ist. Und so ist auch der Weg der Mutter eine schiefe Bahn. »Es wurde immer schlimmer. Sie konnte weiterhin nicht schlafen, und wenn, dann nur, wenn das Licht anblieb. Der Teufel begann, sie im Schlaf zu überraschen. Er stieg zu ihr ins Bett, war verliebt in sie. Er packte sie und kaum war er in ihrem Körper, bahnte er sich einen Weg hindurch, bis zum Gesicht.« Sie kann auf einem Auge nicht mehr sehen, hat Schaum vor dem Mund, ihr Gesicht ist entstellt. Bald denkt sie, sie müsse oder sollte besser sterben.

Es liegt nahe, in der eigenen Kunst Erlebnisse aus Kindheit und Jugend zu verarbeiten. Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass die Autorin sehr milde auf die religiöse Erziehung zurückblickt. Die Journalistin Jutta Pilgrim lässt in ihrem an dieser Stelle bereits kurz besprochenen Comicdebüt »Glaub mir« ihre frommen Protagonistinnen Regina und Malika Religion nicht als Einschränkung ihrer jugendlichen Freiheit, sondern als verbindendes Element von Außenseiterinnen erleben (Jaja-Verlag, jW 13.6.26). Fragt sich nur, was nach dem Erstling kommt. Wenn die Autobiographie einmal abgearbeitet ist, können beide, Jutta Pilgrim und Bea Lema gerne weiter, aber anders an ihren Themen arbeiten, bei der Spanierin laut Klappentext: »Wahnsinn, Trauma, Familie, Religion und Praktiken des Volksglaubens«. Die Zumutungen der Religion kann man bedenkenlos als Kindesmisshandlung und Gehirnwäsche bezeichnen, Teufel und Dämonen haben eine tiefenpsychologische und nicht zuletzt historische Dimension, aber der Mangel an Distanz zum Geschehen verbaut vorerst noch jeden anderen Blickwinkel.

→ Bea Lema: Der Leib Christi. Aus dem Spanischen von Lea Hübner. Reprodukt-Verlag, Berlin 2026, 184 Seiten, 25 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 07.11.2026, Seite 10, Feuilleton

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