Zum Inhalt der Seite
Musik

Aus den Schatten

Suzanne, Marianne, Joan of Arc und viele andere »Engel«: Vor zehn Jahren starb Leonard Cohen

Foto: Anders Deros/Aftonbladet TT/IMAGO
Songs of Love and Hate: Leonard Cohen (21.9.1934–7.11.2016)

Was macht die Faszination Leonard Cohens aus? Ist es der Sänger oder der Song? Oder der Song und nicht der Sänger? (»It’s The Singer / Not the Song«, meinten Mick Jagger und Keith ­Richards zu wissen.) ­Christophe Lebold, ein Bekannter Cohens, begibt sich in der zu dessen zehntem Todestag am 7. November nun auch auf Deutsch erschienenen Biographie »Im Schatten der Engel« auf die Suche nach einer Antwort.

Könnte es sein, dass es weder Sänger noch Song, sondern vor allem Cohens unter die Haut gehende Melodien sind, die Menschen in tiefe Melancholie versetzen, sie beschwingen oder sie auf den Gedanken bringen, Hand an sich zu legen? Melodien, die in die irreale Welt der Sehnsüchte entführen und letztlich doch nur auf die Einsamkeit des Dichters verweisen. Die Sehnsüchte wurde ­Cohen (1934–2016) zeitlebens nicht los.

Wer im Lexikon unter »Melancholie« nachschlägt, wird auf den medizinischen Begriff der »Depression« verwiesen. Darunter wird eine »niedergedrückte, traurige Stimmung mit Gehemmtheit im Denken und Handeln« verstanden. Cohen, allzeit nah am Wasser des Untergangs, versank mehrfach in einem Zustand tiefster Niedergeschlagenheit und Selbstzweifel. Er erhielt ärztliche Hilfe, schluckte päckchenweise Antidepressiva, die auch nicht halfen.

Der kanadische Künstler aus wohlhabendem jüdischem Elternhaus und späterer Zen-Buddhist, ohne den Glauben zu wechseln, der Scientologe, Begleiter israelischer Truppen im Jom-Kippur-Krieg 1973, Kuba-Abenteurer, Bohemien, der mystische Texte verfasst, Hunderte Konzerte bewältigt, nachdem seine Managerin mit einigen Millionen US-Dollar durchgebrannt war – er war ein verzweifelter Zweifler, der an seinen Gedanken feilte, bis er meinte, sie seien poesietauglich.

Lebold fasst Cohens Lebensführung so zusammen: »Nebenbei entwickelt er drei Hobbys, die zu lebenslangen Gewohnheiten werden: jeden Tag mindestens fünf Stunden schreiben, seine Sinne mit jedem zugängigen Rauschmittel zu verwirren und sein Gefühlsleben so sehr wie nur irgend möglich mit einer Vielzahl von Freundinnen zu verkomplizieren.«

Anzeige

Kompliziert? Der »Ladies Man« Cohen verfasste seine tief bewegenden Lieder nicht nur über Liebe, auch über den Hass. »Songs of Love and Hate« nannte er sein drittes Album von 1971. Es lässt einen, erst einmal gehört, nie wieder los. Verschüttet in einer Lawine, die einem die Seele raubt (»Avalanche«), auf dem Scheiterhaufen verbrannt wie Johanna von Orleans (»Joan of Arc«) »des Krieges müde« träumend von einem weißen Hochzeitskleid, älter gewordene Freundin in ihrem an der Schulter gerissenen blauen Regenmantel (»Famous Blue Raincoat«) und dann noch dieser Vollausstieg aus einer verrückt machenden Poesiewelt: Lasst uns einen anderen Song spielen, Jungs / Dieser ist alt und bitter geworden.

»Songs of Love and Hate«, ein programmatischer Titel. Das eine Gefühl ist ohne das andere nicht zu haben, sie gehören zusammen, sonst wird die Liebe nicht überleben. Es sei sein dunkelstes Werk, wird oft gesagt, aber vielleicht wäre es sinnvoller, einfach nur dessen ergreifende musikalische Schönheit zu würdigen. Die sparsame Instrumentierung, die – Cohen würde sagen »engelsgleichen« – Stimmen der Backgroundsängerinnen, ein Klavier als Rhythmusgeber und dieser brummige Sprechgesang einer Nichtsängerstimme. Angerosteter Bariton, der irgendwann in den 2000ern und »50.000 Zigaretten sowie zwei Whiskey-gefüllte Swimmingpools später« (Cohen) weitere Tonstufen ausheben würde.

Der Liedermacher ist immer dann am besten, wenn er auf lärmendes oder überproduziertes Beiwerk verzichtet – eine Erfahrung, die Cohen machen musste, als er 1977 das Album »Death of a Ladies’ Man« vom Vater des »Wall of Sound« und durchgeknallten Waffenfetischisten Phil Spector mischen ließ.

Das Interessanteste an der Platte ist das Cover, weil es eine traurige »Dar Lady« Suzanne Elrod zeigte, mit der Cohen seine beiden Kinder hatte. Aus ihrem Blick spricht Verzweiflung. Sie hielt es über ein Jahrzehnt lang mit ihm aus. Anders als die andere »Suzanne«, Freundin eines Freundes, die ihn zu einem Platz am Fluss führt und deren »perfect body« er nur in Gedanken berühren kann. Oder als Christa Päffgen, berühmt als Model und Sängerin Nico – sie zeigt ihm die kalte Schulter, nicht mehr.

Joni Mitchell, die Cohen auf dem Newport Folk Festival 1967 kennengelernt hatte, blieb einige Monate. Bei »Marianne«, der Norwegerin Marianne Ihlen, wankte er Mitte der 1960er nach fünf oder sechs Jahren im ägäischen Inselparadies von Hydra zwischen »Good bye« und »So long«. Der zaudernde Cohen würde noch oft an sie denken, und der Kontakt riss erst, als sie 2016 wenige Monate vor ihm starb. Als »So long, Marianne« wurde aus ihrer Beziehung 2024 eine Fernsehserie mit merkwürdig nostalgisch wirkenden Bildern von einer heilen, unberührten Idylle, die es nicht gab.

Die Episode in Havanna, eventuell angeregt durch die Bekanntschaft zu einer Kommunistin, war kurz und intensiv. Hunderte Stunden hatte Cohen, so Lebold, »drüber gestritten, was sozialistische Revolutionen« ausmacht, da findet er sich auch schon als Polittourist auf der Karibikinsel wieder, lässt sich einen Bart wachsen, trägt Tarnkleidung und ein Militärbarett und trinkt Rum. Die Schweinebuchtinvasion steht bevor, und der verdächtige Gringo verzieht sich umgehend nach Miami. Ein Fliehender wie so oft. Er weiß nicht, wer er ist, und verkleidet sich als einer, der er vielleicht sein möchte.

Auf den ersten beiden Alben, »Songs of Leonard Cohen« von 1967 und »Songs from a Room« von 1969, sind die Evergreens versammelt, die seinen Ruhm ausmachen werden, darunter »Bird on the Wire«, »Suzanne« und »So Long, Marianne« und natürlich »The Partisan«, eine der Hymnen der französischen Résistance gegen die faschistische Besatzung. Anna Marly (1917–2006) komponierte (Text: Emmanuel d’Astier de La Vigerie) das Lied vom Widerstand (im Original: »La Complainte du partisan«, Die Klage des Partisanen). »Oh, der Wind, der Wind weht, / Durch die Gräber weht der Wind, / Bald wird die Freiheit kommen / Dann treten wir aus den Schatten hervor.« Ein Mutmacher.

In jenen Jahren schien die Ära des Protestsongs passé, die angloamerikanischen Singer-Songwriter sangen Sounds of Silence (Simon & Garfunkel). Die aufgewühlten Wellen der Revolte glätteten sich und auch der gesellschaftliche Aufbruch im Kulturbereich kam zu einem Ende. Damit hatte Cohen sowieso wenig am Hut gehabt, dazu war er viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Ein halbes Jahrhundert später sind noch viele Fragen offen. Was nicht beunruhigend sein muss.

→ Christophe Lebold: Im Schatten der Engel. Leonard ­Cohen – eine Biographie. Aus dem Englischen von Christian Lux. Reclam-Verlag, Ditzingen 2026, 704 Seiten, 40 Euro

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 07.11.2026, Seite 11, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!