Der Zauber der Askese
Zum Tod des schwedischen Dirigenten Herbert Blomstedt
Seinen 100. Geburtstag hätte Herbert Blomstedt am 11. Juli 2027 am Pult des Gewandhausorchesters in Leipzig feiern wollen: mit Anton Bruckners 5. Symphonie, deren choralbekröntes Finale als die Apotheose der Symphonik schlechthin gelten kann. Und noch vor einem halben Jahr hätte kaum jemand daran gezweifelt, dass der in den USA geborene schwedische Maestro, von 1998 bis 2005 als Nachfolger von Kurt Masur der 19. Gewandhauskapellmeister, sich dieses Geburtstagsgeschenk auch würde machen können. Wenngleich in den letzten Jahren auch gebrechlich und fragil, mit radikal reduzierter Gestik und ohne Taktstock im Sitzen dirigierend, war Blomstedt nicht nur regelmäßiger Gast in Leipzig und Dresden, sondern absolvierte weltweit Auftritte zwischen San Francisco, Cleveland, Tokio, Paris, München, Oslo und Göteborg, wo er am Mittwoch gestorben ist.
Doch nun wird ein Konzert mit dem Orchester San Francisco Symphony sein letzter Auftritt gewesen sein. Mit dem Orchester, das er von 1985 bis 1995 geleitet hatte, führte Blomstedt im Mai ausgerechnet Gustav Mahlers von Todesahnungen durchzuckte 9. Symphonie auf und erschütterte sein Publikum nicht nur musikalisch, wie Lisa Hirsch auf dem Portal San Francisco Classical Voice berichtete. Der dritte Satz musste abgebrochen werden, als Blomstedt von der Klavierbank, auf der er saß, zu rutschen drohte. Auf einem eilig herbeigeschafften Lehnstuhl konnte er die Aufführung noch zu Ende bringen. Es folgten Monate des Bangens und Hoffens, nach und nach wurden Konzerte abgesagt – die anlässlich seines 100. Geburtstags aber bis zuletzt noch nicht. Kürzlich sprang in Leipzig Marek Janowski, der sich demnächst mit 87 Jahren vom Podium zurückziehen wird, für Blomstedt ein.
Die staunenswerte Alterskarriere des Sohns einer Pianistin und eines Missionars der Siebenten-Tags-Adventisten überglänzt eine Laufbahn, die sich zunächst eher durch Solidität und Bodenständigkeit auszeichnete. In den 50er und 60er Jahren leitete Blomstedt Orchester in Skandinavien, die damals nicht zur Weltspitze zählten. Der hochgewachsene, asketisch wirkende Mann war kein Pultstar, kein Orchesterdompteur und kein Tyrann, sein drogenfreies Leben warf nichts ab für die Yellow Press. Mit den Orchestermusikern stand er auf kollegialem Fuß zu Zeiten, als viele seiner Kollegen sich autoritäres Gehabe noch erlauben konnten. Ein ungewöhnlicher Schritt war es für den tiefgläubigen, Sympathien mit den sozialistischen Staaten unverdächtigen Dirigenten dann aber, 1975 die Leitung der Staatskapelle Dresden zu übernehmen. Zehn Jahre lang blieb Blomstedt an der Spitze des Orchesters, in dessen Klang er sich schon als Kind am Radio in Schweden verliebt hatte, und solidarisch an der Seite seiner Musiker. Beachtete Zyklen der Symphonien von Beethoven und Schubert entstanden in Dresden, erste Bruckner-Aufnahmen – und mit der Urfassung der Beethovenschen »Leonore« auch ein seltener Ausflug in die Oper.
Als Blomstedt 1985 in San Francisco antrat, hatte er mit dem Label Decca im Rücken dort die Möglichkeit, sein Repertoire unter optimalen Bedingungen zu dokumentieren: Nicht nur Schubert, Bruckner und Richard Strauss wurden in Kalifornien eingespielt, auch Raritäten wie die Symphonien von Carl Nielsen oder Orchesterwerke von Paul Hindemith. In San Francisco entstand aber auch eine sehr schöne Aufnahme des Brahms-Requiems – gar nicht dick aufgetragen und dadurch um so eindrucksvoller. Von gelegentlichen Ausflügen in (skandinavische) Zeitgenössische abgesehen, konzentrierte sich Herbert Blomstedt auf das Repertoire des 19. und frühen 20. Jahrhunderts; in den letzten Jahren traten die Symphonien Anton Bruckners immer stärker in den Mittelpunkt, die er als musikalisch eingelöste Utopien betrachtete, nicht als bloße Glücksversprechen. Dem lange Zeit unangefochtenen Bruckner-Guru Eugen Jochum warf Blomstedt, der ein untrügliches Gespür für die Architektur dieser Symphonien und die oft schwierigen Temporelationen hatte, mangelnde Partiturtreue vor.
Es mag sein, dass in diesen Zeiten grassierender Banausie zuletzt viele Konzertbesucher vor allem die Sensation des noch hochbetagt mit Rollator auftretenden Maestros bejubelten. Wer aber zuhörte, der erlebte wunderbar transparente, vitale und durchdachte Interpretationen, die gar nichts von greiser Gravitas hatten. Sein später Beethoven war »historisch informiert«, und bei Bruckner – zum Glück ist ein Leipziger Zyklus aller Symphonien dokumentiert – konsultierte er die jeweils neuesten kritischen Ausgaben. Der Tod im 100. Lebensjahr mag keine Tragödie sein. Dass Herbert Blomstedt seinen 100. Geburtstag nicht mehr am Pult wird feiern können, ist dennoch bitter.
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