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Frühe Neuzeit

Wiege des Empire

Preußen war fast ein Nebenschauplatz. Aus dem Siebenjährigen Krieg ging England als Weltmacht hervor

Foto: World History Archive/IMAGO
Entscheidend is’ aufm Meer. Seeschlacht zwischen englischen und französischen Kriegsschiffen 1757

Als Friedrich II. am 29. August vor 270 Jahren mit über 60.000 Soldaten in Sachsen einmarschierte, war der Krieg eigentlich schon längst im Gange. Als wichtigste Wegmarke des Siebenjährigen Krieges, den viele Historiker mittlerweile als ersten »Weltkrieg« bezeichnen, kann zwar immer noch Friedrichs Überfall gelten. Bereits 1752 hatte er in seinem Politischen Testament darüber sinniert, wie sinnvoll es für Preußen wäre, Sachsen zu annektieren. Aber schon lange vorher hatte sich eine unheilvolle Bündniskonstellation herausgebildet, welche die globale Dimension dieses Krieges bedingte.

Seit 1714 bestand eine Personalunion zwischen Großbritannien und Hannover, Westminster war entsprechend interessiert, sich einen »Festlanddegen« für etwaige Kämpfe auf dem Kontinent zu halten. Als am 16. Januar 1756 die »Konvention von Westminster« mit Preußen, ein reines Defensivbündnis, beschlossen wurde, führte dies zu einer diplomatischen Revolution. Die jahrhundertelangen Erzfeinde Österreich und Frankreich schlossen am 1. Mai 1756 ihrerseits einen Defensivpakt, den Vertrag von Versailles. Schon zu diesem Zeitpunkt war aber klar, dass hier mehr als nur Verteidigungsbündnisse eingefädelt wurden. Denn der erste Schuss war nicht in Sachsen, sondern bereits auf Menorca gefallen. Im April hatten französische Truppen eine Invasion der Mittelmeerinsel begonnen, die seit 1708 in britischem Besitz war. Am 18. Mai 1756 erklärte England Frankreich offiziell den Krieg.

Angelpunkt Amerika

Zwar verfolgten alle europäischen Mächte eine kalt berechnende (Rück-)Eroberungspolitik, doch besaß niemand Kontrolle über die Dynamiken, die in den Großkonflikt trieben. Die Rede vom ersten »Weltkrieg« ist insofern nicht falsch, als sich hier erstmals die Auswirkungen einer globalen Marktökonomie und ein »allmählicher Wandel von der Kolonial- zur Imperialpolitik« zeigten, so der Historiker Marian Füssel. Die permanenten Kriege im multipolaren frühneuzeitlichen Europa mussten finanziert werden. So begannen die Staaten, allen voran England, ihre anfangs relativ freien Kolonien und Handelsstützpunkte in ein einheitliches Steuer- und Verwaltungssystem einzugliedern. Das Kapital war noch unterentwickelt, doch die absolutistischen Staaten waren durch ihre Konkurrenz bereits im Zugzwang, immer weiter zu expandieren.

Die entscheidende Konfliktlinie des Siebenjährigen Krieges verlief daher in Nordamerika, wo von 1754 bis 1760 der aus englischer Sicht so bezeichnete »French and Indian War« wütete. Englands Kolonisten saßen damals an der Ostküste fest, während die Appalachen von zahlreichen Indianerstämmen kontrolliert wurden und Frankreich einen breiten Streifen von Kanada bis zur Mississippimündung hielt. Die Bevölkerungsdynamik brachte das Mächtegleichgewicht rasch in eine Schieflage. Da die Franzosen nicht auf breite Besiedlung, sondern ein System von Handelsposten setzten, standen um die Jahrhunderthälfte rund 60.000 von ihnen etwa einer Million Siedler in den englischen Kolonien gegenüber. Diese drangen auf immer mehr Land, besonders im Ohiotal, wo Bodenspekulanten reiche Beute witterten. Im Verlauf des Jahres 1754 kam es immer wieder zu Scharmützeln zwischen britischen Siedlern und französischen Außenposten. An einem der folgereichsten von ihnen war der junge George Washington beteiligt – der spätere Präsident war Anteilseigner der Ohio Land Company. Im November 1754 entschloss sich London, britische Militäreinheiten nach Nordamerika zu verlegen. Daraufhin entwickelte sich dort, unter Beteiligung von Indianern auf beiden Seiten, ein jahrelanger brutaler Kleinkrieg, der von asymmetrischer Kriegführung und Guerillataktik geprägt war.

Preußens Überlebenskampf

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Durch seinen Einmarsch in Sachsen zog Friedrich der Große ganz Mitteleuropa in den englisch-französischen Krieg hinein – und verkalkulierte sich dabei völlig. Im Februar 1757 verbündete sich Russland mit Österreich und im Mai wurde Frankreich in einem zweiten Versailler Vertrag zur Aufstellung einer Angriffsarmee mit über 100.000 Soldaten verpflichtet. Am 17. Januar 1757 beschloss der Reichstag in Regensburg die Aufstellung einer Reichsexekutionsarmee, um Preußen für den Bruch des Reichsfriedens zu strafen. Im September 1757 marschierte auch noch Schweden in Pommern ein. Praktisch das ganze Festland stand nun gegen Preußen. Den etwa 160.000 Soldaten, die Friedrich aufbringen konnte, traten potentiell über eine Million Soldaten seiner Gegner gegenüber.

Lange ging es für Preußen dennoch gut, vor allem da es den Vorteil der »inneren Linie« hatte, während vor allem Russlands und Frankreichs Armeen weit von ihrer Heimat entfernt operierten, es ihnen an Versorgung und klaren Befehlen mangelte. Mehrmals zahlte sich Friedrichs Taktik der »schiefen Schlachtordnung« – mit Fokus auf Flügelangriffen statt nur dem damals üblichen frontalen Aufeinandertreffen der Infanterie – aus. Europaweit fand vor allem der Sieg gegen die vereinten Truppen Frankreichs und des Deutschen Reichs am 5. November 1757 bei Roßbach Beachtung. Später erinnerte sich Goethe, wie er anlässlich solcher Siege als Kind ganz »fritzisch gesinnt« war. Dank einer im April 1758 geschlossenen Offensivallianz mit England stand zudem im Westen eine britisch-hannoversche Armee unter Herzog Ferdinand von Braunschweig zur Verfügung, die erstaunlich erfolgreich war und die Franzosen 1758 auf die linke Rheinseite zurückdrängte.

Gegen die numerische Überlegenheit war aber auf Dauer nicht anzukommen. Nach der Niederlage gegen ein russisch-österreichisches Heer bei Kunersdorf im August 1759 war die preußische Armee in Auflösung begriffen, große Teile Preußens wurden besetzt. Bereits im Januar 1758 hatte Königsberg sich kampflos ergeben und der Zarin Elisabeth I. gehuldigt, Immanuel Kant hielt vor russischen Offizieren Vorlesungen über Fortifikationslehre und Pyrotechnik.

Unterdessen war der Krieg in Nordamerika durch die britische Eroberung von Montréal im September 1760 beendet worden. Westminster verlor das Interesse an seinem »Festlanddegen«. Im Dezember 1761 strich das englische Parlament alle Finanzhilfen an Preußen. »Amerika wurde in Deutschland erobert«, soll der spätere Premierminister William Pitt gesagt haben – aber der deutsche Kriegsschauplatz als solcher war für London nicht von Interesse, zumal Hannover nicht mehr in Gefahr schien. Gerettet wurde das völlig erschöpfte Preußen nur durch einen Zufall. Im Januar 1762 starb Elisabeth I., ihr Nachfolger Peter III. schloss als glühender »Fan« des Preußenkönigs mit diesem sofort Frieden. Dass er im Juli durch eine Intrige gestürzt wurde, änderte daran nichts mehr. Seine Frau, die als Katharina II., später auch die Große genannt, den Zarenthron bestieg, hielt den Frieden. Auch Schweden scherte nun aus der Allianz aus und schloss am 22. Mai 1762 einen Separatfrieden. Im Frieden von Hubertusburg im Februar 1763 einigten sich Preußen und Österreich auf den Status quo ante.

Britische Hegemonie

Bekanntlich hatte das Überleben Preußens nicht geringe historische Folgewirkungen. Doch weltgeschichtlich noch relevanter war der global geführte Krieg. So gelang es den Briten im Jahr 1759, alle französischen Niederlassungen an der Westküste Afrikas zu erobern – ein heftiger Schlag gegen die lange dominante französische »Compagnie des Indes«, denn bis dahin hatte England wenig Handelsstützpunkte auf dem Seeweg nach Indien und dort selbst nur vier Niederlassungen an den Küsten. Das Bourbonenreich war in Sachen Kolonisierung schon weiter.

Als Anfang 1757 die Nachricht vom Ausbruch des Krieges zwischen England und Frankreich auch in Indien angekommen war, nutzte die britische Handelsgesellschaft East India Company die Gunst der Stunde. Ihre Truppen unter Führung von Robert Clive eroberten im März das französische Lager Chandernagore in Westbengalen. Noch bedeutender wurde die Schlacht bei Plassy am 23. Juni 1757, als rund 3.000 Mann im Dienste der East India Company (darunter nur knapp 900 Europäer, die Mehrheit waren Sepoys, also indische Hilfstruppen) trotz zahlenmäßig extremer Unterlegenheit den Herrscher von Bengalen, Siraj-ud-Daulah, besiegten. Dieser Erfolg gilt heute allgemein als Beginn der britischen Herrschaft über Indien.

In Europa gelang England eine relativ effektive Blockade der französischen Atlantikküste. Während Kontinentaleuropa von zahlreichen Handelswegen in die Kolonien abgeschnitten war, wurde die Royal Navy, die über 300 Schiffe mit 80.000 Mann Besatzung besaß, endgültig zur nahezu uneingeschränkten Macht auf den Weltmeeren. Unter ihrem Schutz konnte die East India Company ihren Siegeszug antreten. Am 4. Januar 1762 erklärte England auch noch Spanien den Krieg, das sich zuvor auf seiten Frankreichs eingemischt hatte. In der Folge gingen die wichtigsten kolonialen Festungen der Spanier verloren: Am 13. August 1762 wurde Havanna von den Briten erobert, am 7. Oktober auch Manila auf den Philippinen.

Als die Nachrichten dieser Eroberungen im April 1763 in London eintrafen, war der Krieg allerdings schon vorbei. Aus dem Frieden von Paris vom 10. Februar 1763 ging England als großer Sieger hervor. Spanien erhielt zwar Kuba und Philippinen wieder, verlor aber Florida. Frankreich musste sich aus Nordamerika zurückziehen und zudem den Senegal sowie Menorca abtreten. Das britische Imperium war geboren.

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Erschienen in der Ausgabe vom 29.08.2026, Seite 15, Geschichte

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