Erfolg gegen Osmanen
In der Schlacht von Mišar konnten serbische Aufständische vor 220 Jahren die osmanische Armee bezwingen
Die Zeit verlangte nach Veränderung. Das Osmanische Reich war beim Übergang vom 18. ins 19. Jahrhundert bereits eine geschwächte Macht. Kriege gegen die Habsburgermonarchie und das russische Zarenreich zehrten an seiner Substanz, Teile der Verwaltung machten sich eigenständig. An den Rändern des Reichs nahmen die Spannungen zu. Offen sichtbar war das im Paschalik Belgrad, einem Verwaltungsbezirk, der große Teile des heutigen Zentralserbiens umfasste. Dort rissen die ehemaligen Angehörigen des Elitekorps der Janitscharen die Macht an sich. Darunter litt die lokale Bevölkerung, die mehrheitlich aus christlich-orthodoxen, serbisch sprechenden Bauern bestand.
Das blieb auch der Hohen Pforte in Konstantinopel, dem Sitz des Sultans und dessen Regierung, nicht verborgen. Nach dem österreichisch-türkischen Frieden von 1791 ging Sultan Selim daran, das Staatswesen nach westeuropäischem Vorbild umzugestalten. Im Weg standen ihm dabei die Janitscharen. Um sie zu schwächen, wurde den christlichen Dorfgemeinschaften im serbischen Paschalik weitreichende Selbstverwaltung gewährt; politisch gestützt wurde das Vorgehen vom Wesir in Belgrad. Für die Janitscharen war dies ein nicht hinnehmbarer Einschnitt, denn es gefährdete ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Privilegien.
In den serbischen Dörfern waren die »Dahijen« genannten Janitscharen verhasst. Als sie zurückgedrängt werden konnten, begann eine Phase wirtschaftlicher Prosperität. Diese währte indes nicht lang. Die Janitscharen ermordeten 1801 den Wesir von Belgrad und errichteten ein brutales Regime. Sie kassierten die vormals gewährten Rechte, erhöhten die Abgaben, brachten den Handel unter ihre Kontrolle und griffen sogar nach dem Land der serbischen Bauern. Unter diesen rumorte es nun. Um von vornherein eine mögliche Revolte zu schwächen, ermordeten die Janitscharen im Januar und Februar mehrere Dutzende kommunale Würdenträger (Knezen).
»Gute alte Ordnung«
Das Massaker an den Knezen war der Auslöser des ersten serbischen Aufstandes. Am 14. Februar 1804 kamen rund 300 Serben in der zentralserbischen Ortschaft Orašac zusammen, um sich gegen die Dahijen zu erheben. Ihr Anführer wurde Đorđe Petrović, der Schwarzer Georg oder Karađorđe genannt wurde. Bereits am Tag nach der Versammlung begann die Rebellion. Vielerorts wurden türkische Raststätten, die an Handelswegen lagen, in Brand gesteckt; Vertreter der osmanischen Herrschaft – oder diejenigen, die dafür gehalten wurden –, wurden ermordet.
Dabei sei das Ziel der Erhebung »nicht die Abschüttelung der osmanischen Herrschaft« gewesen, so der Historiker Holm Sundhaussen in seiner »Geschichte Serbiens«. Vielmehr ging es um »die Beseitigung der Missstände«. Auch könne nicht von einem nationalen Befreiungskampf die Rede sein: »Die bäuerlichen Aufständischen verfolgten rückwärtsgewandte Ziele – die Wiederherstellung der ›guten alten Ordnung‹«. Dafür stand auch Petrović. Er kam aus bäuerlichen Verhältnissen, hatte militärische Erfahrungen in einem serbischen Freikorps aufseiten der Habsburger gegen die Osmanen gesammelt, später unterstützte er die Reform im Paschalik Belgrad. Nun war er der Kopf des Aufstands.
Militärisch waren die Aufständischen erfolgreich. Die osmanischen Truppen wurden immer weiter zurückgedrängt. Zwar versuchte Sultan Selim, den Rebellen entgegenzukommen, um die Janitscharen zu schwächen, doch die Erhebung entwickelte bereits eine eigene Dynamik. Zugleich strahlte sie in andere von Serben bewohnte Gebiete des Osmanischen Reichs, aber auch in die Habsburgermonarchie aus. Selim entschloss sich schließlich dazu, den Aufstand niederzuschlagen.
Unterdessen suchten die Serben im Ausland nach Verbündeten. Ohne Schutzmacht wäre ein Erfolg auf dem Schlachtfeld nicht von Dauer. So nahmen Karađorđe und seine Männer Kontakt zu Vertretern der Habsburgermonarchie, Frankreich unter Napoleon und Russland unter Alexander I. auf. Es war schließlich das Zarenreich, das sich der serbischen Sache annahm. Vordergründig ging es darum, den orthodoxen Brüdern zu helfen, doch eigentlich verfolgte St. Petersburg das Ziel, den Rivalen in Konstantinopel zu schwächen.
Eine erste entscheidende Schlacht zwischen serbischen und osmanischen Truppen fand im August 1805 in Ivankovac statt. Aus dieser gingen die serbischen Aufständischen als Sieger hervor. Fast genau ein Jahr später sollte es zur Schlacht bei Mišar kommen. Der Ort liegt unweit der Stadt Šabac und des Flusses Save. Karađorđe und mehrere tausend Aufständische bezogen auf einer Anhöhe Stellung. Osmanische Einheiten, die Verstärkung aus Bosnien erhielten, waren in der Überzahl, wobei sich genaue Zahlen nicht rekonstruieren lassen.
Die Schlacht begann am 13. August 1806 mit einem erfolglosen Angriff der Osmanen, der am darauffolgenden Tag wiederholt wurde. In der Nacht auf den 15. August befahl Petrović seiner Kavallerie, sich in einem nahegelegenen Wald zu verstecken. Seiner Infanterie gab er die Anweisung, die feindlichen Soldaten so nah wie möglich an die eigenen Stellungen herankommen zu lassen und erst dann zu schießen. Das sollte das Zeichen für die versteckten Reiter sein, den Gegner aus dem Hinterhalt heraus zu attackieren. Das Vorhaben gelang, die Osmanen waren um ihre Kampfordnung gebracht und mussten sich überstürzt zurückziehen.
Bis heute präsent
Die Schlacht von Mišar war ein Wendepunkt. Die Aufständischen siegten später auch in der Schlacht von Deligrad, im Dezember 1806 wurde Belgrad eingenommen. Es folgte eine gesellschaftliche Umgestaltung: Die Steuern wurden gesenkt, das Land an die Bauern zurückgegeben, Frondienst wurde abgeschafft, zudem wurden in Belgrad der Vorläufer der Universität sowie andere staatliche Institutionen gegründet.
Zum Erfolg der Serben trug auch Russland bei. Der Zar führte seit 1806 Krieg gegen das Osmanische Reich und band so dessen Kräfte. Das änderte sich 1812 mit dem Frieden von Bukarest. Mit diesem räumten die beiden Großmächte Serbien lediglich eine beschränkte Autonomie ein. Karađorđe wollte das nicht hinnehmen und weiterkämpfen. Dabei unterschätzte er die Stärke der osmanischen Truppen, die sich nun daran machten, Serbien wieder unter Kontrolle zu bringen. Im Oktober 1813 musste sich Karađorđe geschlagen geben und sich nach Österreich zurückziehen. In seine Fußstapfen trat Miloš Obrenović, der ab 1815 den zweiten serbischen Aufstand anführte.
Die Schlacht von Mišar nahm in der serbischen Erinnerungskultur bereits früh einen wichtigen Platz ein. Maßgeblich trug der blinde Dichter und Barde Filip Višnjić dazu bei. Er verarbeitete das Geschehen unmittelbar danach in Versen, die er im südslawischen Sprachraum vortrug, und popularisierte so die Geschichte des serbischen Triumphs. Noch heute gehört »Die Schlacht von Mišar« zum Schulstoff in Serbien. Aber auch in politischen Debatten und bei Demonstrationen wird sich darauf bezogen, etwa als in den vergangenen Jahren Tausende Menschen gegen den geplanten Lithiumabbau im Westen Serbiens auf die Straße gingen und gegen den Ausverkauf des Landes an ausländische Mächte protestierten.
Ins Fleisch getroffen
Miteinander zogen sie vorwärts, und bewirkten, daß das Volk sich allenthalben wieder erhob: bald hielten jetzt die Türken, in Rücken und Flanken bedroht, für nützlich, sich nach Schabaz zurückzuziehen; etwa eine Stunde Weges von da, bei Mischar, langte Kara Georg (gemeint ist Petrović, jW) mit 7.000 Mann zu Fuß und 2.000 Mann zu Pferde an, und schlug ihnen gegenüber nach dem Kriegsgebrauch des Landes unverweilt eine Schanze auf. Er hatte eine Bombe und drei Kanonen.
Hier mußte es nun zu einem entscheidenden Schlage kommen. Die Türken waren noch stolz genug, Unterwerfung und Auslieferung der Waffen zu fordern; die Serben antworteten: wollt ihr unsre Waffen, hier sind sie, kommt und holt sie euch. (...)
Es war in dem Anfang des Augusts 1806, daß die Heere sich maßen. In der Nacht vor dem Schlachttag sendete Kara Georg seine Reiter in den nahen Wald, um bei dem ersten Schuß von seiner Seite, jedoch nicht früher, dem Feind in den Rücken zu fallen. In der Schanze befahl er nicht zu schießen, ehe die Türken so nahe gekommen seyen, daß man sie nicht mehr verfehlen könne. Bei Tages Anbruch erhob sich der Seraskier mit gesamter Macht aus seinem Lager vor Schabaz: die tapfersten Begs von Bosnien trugen die Fahnen dem Heere voraus: ruhig, mit geladenem Gewehr harrten ihrer die Serben. Erst als die Türken in den Bereich der serbischen Flinten gekommen, gab Kara Georg das Zeichen: alle Vordermänner zielten: sie trafen, wie diese Schützen sich ausdrücken, sämmtlich ins Fleisch; die Fahnen stürzten: große Verwirrung richteten die Kanonen an. Da nun gleich hierauf die Reiter von hinten daher sprengten und einhieben, Kara Georg aber die Schanze eröffnete und mit seinem Fußvolk in die feindlichen Reihen brach, so war in einem Augenblick die Unordnung der Türken vollkommen und ihre Niederlage entschieden.
→Aus: Leopold von Ranke: Die Serbische Revolution aus serbischen Papieren und Mittheilungen. Berlin 1844, S. 144–145
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