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Bürgerliche Gesellschaft

Foto: GRANGER Historical Picture Archive/imago
Die bürgerliche Gesellschaft ist ein Kampfplatz aller gegen alle. Ein Pariser Markt, Zeichnung von Étienne Jeaurat (1699–1789)

Die Französische Revolution spaltete – nicht nur ganz Europa in Anhänger und Feinde, sondern auch alle Menschen Frankreichs in Citoyens und Bourgeois. Der doppelten Zuschreibung entsprach das Auseinanderfallen zweier Sphären: von Staat und bürgerlicher Gesellschaft. Das war neu – obwohl der Begriff der bürgerlichen Gesellschaft selbst älteren Ursprungs ist. Als Koinonia politiké bzw. Societas civilis war der Begriff schon seit der griechischen bzw. römischen Antike vorgeprägt, ohne jedoch die moderne Bedeutung zu haben. Verstanden wurde darunter die politische Gemeinschaft freier Bürger. Die ganze ökonomische Sphäre, die meist mit Sklaven betriebene Haus- und Wirtschaftsgemeinschaft (griechisch Oikos), blieb dabei aber außen vor.

Durch die Zerstörung des Staates in der Spätantike wurde diese Trennung in einer, wie Marx es nennt, »Demokratie der Unfreiheit« aufgehoben. Im Mittelalter gab es keine von der Gesellschaft abgesonderte Staatssphäre mehr: Die Klassenstellung eines Menschen fiel in eins mit seinem jeweils besonderen Rechtsstatus. Erst mit dem Absolutismus in der Frühen Neuzeit kam ein neuer Anspruch in die Welt. Zwar herrschten noch die alten Abhängigkeitsbeziehungen, doch sollten zugleich alle Menschen dem König gegenüber gleich untertänig sein. Der absolute Machtanspruch zersetzte allmählich die untergeordneten feudalen Bindungen, die Monarchen hoben eigene Staatsapparate heraus, die dazu dienten, den konkurrierenden Adel niederzuhalten. Die Protagonisten der Französischen Revolution zogen daraus letztlich die politischen Konsequenzen – und Hegel in seiner Rechtsphilosophie die begrifflichen.

Die bürgerliche Gesellschaft, so Hegel, sei »die Differenz, welche zwischen die Familie und den Staat tritt«. Anstelle des sittlichen Zusammenhalts, der in diesem und jener herrsche, sei sich in der bürgerlichen Gesellschaft jeder selbst Zweck. Als eine Art innerstaatlicher Naturzustand sei sie daher »der Kampfplatz des individuellen Privatinteresses aller gegen alle«, und das Privatinteresse liege wesentlich im Wirtschaftsleben der Bürger. Wie in der Antike waren Wirtschaft und Politik nun wieder getrennt, jedoch mit dem ausschlaggebenden Unterschied, dass – zumindest offiziell – alle Menschen an beiden Sphären teilhaben.

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Zugleich sah Hegel schon die Gefahren der Eigendynamik der bürgerlichen Gesellschaft. Wenn diese »sich in ungehinderter Wirksamkeit befindet, so ist sie innerhalb ihrer selbst in fortschreitender Bevölkerung und Industrie begriffen«. Dies führe zu Anhäufung von Reichtümern einerseits, zu Abhängigkeit und Elend der an die Arbeit gebundenen Klassen andererseits. Schließlich werde »durch diese ihre Dialektik (...) die bürgerliche Gesellschaft über sich hinausgetrieben«. Über sich hinausgetrieben, das meint bei Hegel allerdings vor allem: in den Staat getrieben, in dem sich die benannten Widersprüche aufheben ließen. Dies kann in der Spätphase des Absolutismus und im Bonapartismus des 19. Jahrhundert, aufgrund des Klassengleichgewichts und eines daher noch relativ unabhängigen Staates, noch als realistische Beurteilung durchgehen. Doch wohin die Tendenz ging, erkannten vor allem Marx und Engels früh. In ihrer ersten gemeinsamen Schrift, der »Deutschen Ideologie« (1844/45), bezeichnen sie die bürgerliche Gesellschaft als den »wahren Herd und Schauplatz aller Geschichte«. Der Staat und das Politische wurden schrittweise zu ihrem Anhängsel.

Heutzutage ist der Ausdruck der bürgerlichen Gesellschaft bezeichnenderweise kaum mehr in Gebrauch. Lieber spricht man von der sogenannten Zivilgesellschaft, meint damit aber nicht mehr den egoistischen Wirtschaftsbürger, sondern im Gegenteil den Einsatz in Vereinen, Ehrenämtern, Bürgerinitiativen etc. Doch das Beschwören des sozialen Engagements wirkt immer hilfloser angesichts der dominierenden Logik des Marktes. Das Ökonomische ist aus der Begrifflichkeit verschwunden, weil es keine andere relevante Sphäre mehr gibt. Alles ist jetzt bürgerliche Gesellschaft.

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.07.2026, Seite 14, Feuilleton

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