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Kritische Theorie

Foto: Jeremy J. Shapiro
Im BRD-Betrieb schnell angekommen: Max Horkheimer (l.) und Theodor W. Adorno in Heidelberg 1964

Am Anfang war die Niederlage. Infolge der niedergeschlagenen Revolutionen in Deutschland und Ungarn sei, wie es Perry Anderson in »Considerations on Western Marxism« (1976) beschrieb, nach dem Ersten Weltkrieg eine besondere Spielart des Marxismus entstanden. Charakteristisch für sie seien die Loslösung von der politischen Praxis und die Orientierung auf akademische Karrieren.

Eine solche Verortung – so korrekt sie auch ist – bleibt äußerlich. Sie sagt noch nichts über die inhaltlich-theoretischen Gründe, aus denen der »westliche Marxismus« und mit ihm die Denkschule, die man später als Kritische Theorie bezeichnen sollte, entstand. Den Ausgangspunkt bildete schlicht eine gründlichere Analyse des Kapitalismus in Georg Lukács’ »Geschichte und Klassenbewußtsein« (1923). Dessen Entwicklungsrichtung gehe dahin, »rationell verdinglichte Beziehungen an Stelle der urwüchsigen, die menschlichen Verhältnissen unverhüllter zeigenden zu setzen«. Der Kapitalist handelt nicht, er »wird gehandelt«, seine Tätigkeit erschöpfe sich in der »richtigen Beobachtung und Kalkulation der objektiven Auswirkung der gesellschaftlichen Naturgesetze«. Diese Zweckrationalität, mit der alles quantifiziert und auf Warenwerte heruntergebrochen wird, dringe in alle menschlichen Beziehungen ein. Für Lukács steht jedoch fest, dass das Proletariat aus dieser Versachlichung aller Verhältnisse ausbrechen könne. Nicht ganz klar ist allerdings, wie sich die Arbeiter bewußtseinsmäßig aus diesen Verhältnissen befreien können. Dies wäre aber die Voraussetzung, damit es zum politischen Ausbruch, der Revolution, kommen kann.

Mit gewissem Recht treibt die Kritische Theorie diese Kritik weiter. Für sie bildet aber »die Situation des Proletariats (…) in dieser Gesellschaft keine Garantie der richtigen Erkenntnis« mehr, wie Max Horkheimer 1937 schreibt. Die instrumentelle Vernunft, die Lukács innerhalb des Rahmens der kapitalistischen Verhältnisse verortet, wird für ihn und Theodor Adorno zu einem allgemeinen Wesenszug der Aufklärung und der ganzen Menschheitsgeschichte. Aufklärung strebe nach der »Unterwerfung alles Natürlichen unter das selbstherrliche Subjekt«, müsse sich dazu aber dem Objektiven anpassen. »Jeder Versuch, den Naturzwang zu brechen, indem Natur gebrochen wird, gerät nur um so tiefer in den Naturzwang hinein«, heißt es in der »Dialektik der Aufklärung« (1944).

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Verloren geht dabei – so kapitalismuskritisch die Vorreiter der Kritischen Theorie ihr Leben lang auch blieben – die Analyse eines konkreten Gesellschaftszustands. Eine solche könne gar nicht gelingen, da jede Darstellung der Gesellschaft diese selbst begrifflich zu identifizieren versuche und sie damit einer pervertierten Form der Rationalität unterwerfe. Unabwendbar sei man also in einem universellen Verblendungszusammenhang – funktionell ein Pendant zu Heideggers Seinsvergessenheit – gefangen. »Es gibt aus der Verstricktheit keinen Ausweg«, heißt es pessimistisch in Adornos »Minima Moralia«, bis heute das Lieblingsvademecum des studierenden Bürgertums.

Das Wahre kann für Adorno und Horkheimer nie dargestellt werden, es kann immer nur durch Verneinungen darauf hingedeutet werden. Wie genau das funktionieren soll, wenn man für alles, womit man hindeutet, wieder Begriffe verwenden muss, bleibt bis heute ungeklärt. Dass man die Wahrheitsfrage und damit letztlich den Anspruch auf konkrete Veränderung der Gesellschaft aufgibt, wird in der Kritischen Theorie durch eine extrem manieristische Sprache übertüncht. Zur Distinktion reicht das hin, methodisch bleibt es platt: Dinge schlagen immerzu dialektisch ineinander um, ein Drittes oder eine Höherentwicklung gibt es aber nicht. Kluge Beobachtungen etwa zum Antisemitismus und Faschismus stehen recht unvermittelt neben belanglosen Aphorismen in der Tradition Nietzsches (»Pantoffeln sind Denkmale des Hasses gegen das sich Bücken«).

In einer befreiten Gesellschaft könne man »ohne Angst verschieden sein«, verkündete Adorno, und das bleibt dann so abstrakt, dass die Kritische Theorie problemlos integraler Bestandteil einer Gesellschaft werden konnte, die Differenz zulässt, solange sie marktförmig hergestellt wird. Darauf können sich heute alle einigen, von Ulf Poschardt bis zum Autonomen Zentrum.

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Erschienen in der Ausgabe vom 22.07.2026, Seite 14, Feuilleton

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