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Piraterie
Am 17. August wurde laut der britischen Seefahrtbehörde UKMTO ein Öltanker von acht somalischen Piraten gekapert. Es war nur einer von vielen Fällen in den letzten Monaten. Insgesamt gab es allein vor den Küsten Ostafrikas zwischen 2000 und 2024 über 1.100 Angriffe von Piraten, dabei kam es zu 161 Schiffsentführungen. Im Südchinesischen Meer waren es in demselben Zeitraum über 2.000 Angriffe mit 42 Schiffsentführungen. Die Seeräuberei – von der UNO definiert als gegen andere Schiffe gerichtete »rechtswidrige Gewalttat oder Freiheitsberaubung oder jede Plünderung, welche die Besatzung oder die Fahrgäste eines privaten Schiffes oder Luftfahrzeugs zu privaten Zwecken begehen« – mag ein Anachronismus sein. Doch das macht sie nicht weniger gefährlich.
Man könnte meinen, die maritime Wegelagerei wäre eine der ältesten Professionen der Welt. Dabei entwickelte sie sich verhältnismäßig spät. Seegefechte und Verfolgungsjagden wurden erst mit den Fortschritten der Schiffstechnik im 6./5. Jahrhundert v. u. Z. möglich und effizient. Ohnehin war es davor gar nicht möglich, Piraterie von protostaatlich organisierten Angriffen abzugrenzen. Entsprechend vieldeutig und noch positiv interpretierbar ist das altgriechische Wort peirātḗs – jemand, der auf dem Meer ein Wagnis eingeht. Damit die Piraterie zu einem Verbrechen werden konnte, bedurfte es erst hinreichend starker Staaten wie des römischen Imperiums, die sie ächten konnten.
Erst in einer besonderen historischen Lage lebte die Piraterie in großem Maßstab wieder auf – und erfuhr sogar ihre »klassische Zeit«. Ein rohstoffreicher Kontinent, permanente Konkurrenz der Kolonialmächte, fehlende Staatsgewalten und unendlich viele Schlupflöcher in der Karibik boten Piraten vom 16. bis zum 18. Jahrhundert in Amerika beste Bedingungen. Gerne griffen sogar die Seenationen England, Frankreich, Spanien, Portugal und Niederlande auf die Dienste der Seeräuber zurück, die sie mit Kaperbriefen autorisierten, die Handelsschiffe der anderen Nationen aufzubringen. Als man begann, in Reaktion auf die Herausbildung des modernen Staatsapparats Piraten als wilde, aber freiheitsliebende Abenteurer zu verklären – prägend wurden Romane wie Robert Louis Stevensons »Die Schatzinsel« (1883) – war das Piratenhandwerk schon wieder im Abstieg begriffen. Mit der Pariser Seerechtsdeklaration von 1856 hatten die Großmächte der Freibeuterei im staatlichen Auftrag ein Ende gesetzt, das Mittelmeer und die Karibik wurden schrittweise von allen Piratennestern gesäubert. Mit dem Übereinkommen über die Hohe See (1958) und dem Seerechtsübereinkommen der UNO (1982) wurde der Piraterie endgültig der Kampf angesagt.
Heute ist die Seeräuberei nur noch vor den Küsten schwacher Staaten möglich, in denen etwa wie in Somalia Bürgerkrieg herrscht. Entsprechend heruntergekommen sind die Piraten. Auffällig ist vor allem die neue Asymmetrie: Während vor 300 Jahren Piraten mit ebenso großen Segelschiffen unterwegs waren wie eine staatliche Marine, machen sie heute mit kleinen Schnellbooten Jagd auf riesige Tanker und Frachter. Die Piraten sind oft nur Handlanger von Milizen an Land oder abhängig von reichen Hintermännern, die Geld für Waffen und Boote vorstrecken. Immerhin: Wo früher Sklaven erbeutet wurden, werden in der Gegenwart »nur« Geiseln genommen. Im Mittelpunkt steht aber ohnehin meist der Diebstahl wertvoller technischer Geräte oder des Inhalts des Schiffstresors.
Das Leben schwer macht den Piraten die stärkere internationale Kooperation. Seit 1992 gibt es in Kuala Lumpur ein internationales »Piracy Reporting Centre«, und in Dschibuti unterhalten mittlerweile fast alle bedeutende Staaten – auch China – Militärstützpunkte zur Piratenbekämpfung. In Deutschland hat die Bundespolizei im Februar 2010 ein »Piraterie-Präventionszentrum« eingerichtet, nachdem ein Jahr zuvor ein von einer deutschen Reederei verwalteter Flüssiggastanker vor Somalia gekapert worden war. Die fortbestehende Piraterie führt so zu einer immer umfassenderen Kontrolle und auch Militarisierung der Meere, denn laut Seerechtsübereinkommen dürfen alle Kriegsschiffe gegen Piraten vorgehen. Wenn man mag, kann man hier die entscheidende Kontinuität sehen: Jede Seeräuberei provoziert ordnende Gegenmächte.
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Stephan Lippels aus Ingolstadt 22. Aug. 2026 um 18:43 UhrEin ganzer Artikel zu Piraten und kein Wort zum Verhalten der NATO-Mächte gegenüber Iran, Kuba, Russland usw. Schade. Was übrigens die Römer und ihre Piratenbekämpfung betrifft, empfehle ich »Die Geschäfte des Herrn Julius Cäsar« zur Lektüre.
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Joachim Seider aus Lychen 20. Aug. 2026 um 12:45 UhrSchade, dass Marc Püschel jenen Zweig der Piraterie ausgelassen hat, der sich gerade auf den Weltmeeren breitmacht. Die, bei der die USA und andere NATO-Staaten Jagd auf angebliche Schattenflotten machen, Kuba abriegeln wie vorher Venezuela, straflos angebliche Drogenkuriere im Meer versenken, die Straße von Hormuz zum eigenen Hoheitsgebiet erklären oder China von seinen maritimen Verbindungen abschneiden wollen.
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