Kurze Hoffnung auf Frieden
Vor 50 Jahren entstand in Nordirland die »Peace People«-Bewegung
Am 10. August 1976 ereignete sich in Belfast ein folgenschweres Unglück. Zur Mittagszeit geriet ein Pkw außer Kontrolle und raste in eine Menschengruppe. Drei Geschwister im Alter zwischen sechs Wochen und acht Jahren starben, ein Bruder blieb unverletzt. Ihre Mutter, Anne Maguire, überlebte schwer verletzt.
Am Steuer des Fahrzeugs saß Danny Lennon, Mitglied der Irisch Republikanischen Armee (IRA). Der 22jährige war kurz zuvor von Soldaten der britischen Armee erschossen worden. Sein Pkw fuhr deshalb unkontrolliert auf den Gehsteig. Vorausgegangen war ein Schusswechsel zwischen anderen Mitgliedern der IRA und der britischen Armee, im Zuge dessen war Lennons Wagen ins Visier der Soldaten geraten.
Der Vorfall ereignete sich in Andersonstown, einer Hochburg der irisch-republikanischen Bewegung in Westbelfast. Eine Zeugin des Unglücks war Betty Williams, selbst Mutter zweier Kinder. »Es hätte mir passieren können. Es hätte der Frau nebenan passieren können«, sagte sie später in einem Interview. Williams war erschüttert und startete eine Unterschriftensammlung gegen Gewalt. Eine andere Frau, Mairead Corrigan, die jüngere Schwester der schwerverletzten Mutter, richtete im Fernsehen einen emotionalen Appell an die IRA: »Hört auf mit der Gewalt.« Die Worte erschütterten ganz Nordirland und waren der Keim einer kurzen Hoffnung auf Frieden.
In Trauer vereint
Der seit Jahren schwelende Konflikt in Nordirland war 1969 eskaliert und zu einem offenen Krieg zwischen der IRA und der britischen Besatzungsmacht geworden (vgl. junge Welt vom 15.6.2026). Täglich gab es Schusswechsel, Razzien und Bombenanschläge. Die allermeisten Opfer waren Zivilisten. Die Jahre 1972 bis 1976 waren besonders brutal; rund 1.500 Menschen starben. Das ist die Hälfte der Opfer im gesamten Konflikt.
Drei Tage nach dem Vorfall fand das Begräbnis der getöteten Kinder statt. Dort lernten sich Betty Williams und Mairead Corrigan kennen. Zu ihnen stieß der Journalist Ciaran McKeown. Gemeinsam entwickelten sie die Idee einer Friedensbewegung. Schon am 14. August 1976 fand eine erste Demonstration statt: Mehrere tausend Menschen waren gekommen, vor allem Frauen. Überkonfessionell zogen britische Protestantinnen und irische Katholikinnen vom Unglücksort bis zum Milltown Friedhof, dem Begräbnisort der Kinder. Es war ein Trauermarsch ohne Parolen, Fahnen und Transparente.
Die Bewegung nannte sich zunächst »Women for Peace« und später schlicht »Peace People«. Der Journalist McKeown verfasste ein kurzes Manifest, das bei jedem Marsch verlesen wurde: »Wir haben eine einfache Botschaft von dieser Friedensbewegung an die Welt. Wir wollen leben und lieben und eine gerechte und friedliche Gesellschaft aufbauen. Wir wollen für unsere Kinder, wie für uns selbst, unser Leben zu Hause, bei der Arbeit und im Spiel frei von der Unterdrückung durch Gewalt führen. Wir lehnen die Bombe und die Kugel und alle Techniken der Gewalt ab. Wir widmen uns der Arbeit mit unseren Nachbarn, nah und fern, Tag für Tag, um jene friedliche Gesellschaft aufzubauen.«
Diesen Worten konnte sich fast jeder anschließen. Am 21. August kamen mehr als 20.000 Menschen in den Ormeau Park in Belfast. Eine Woche später marschierten 25.000 Menschen durch die Shankill Road, das protestantisch-loyalistische Herz Belfasts. Tausende waren von der nahegelegenen, von katholischen Iren bewohnten Falls Road gekommen – ein bis in die Gegenwart einmaliges Ereignis. Beide Viertel sind bis heute durch hohe Mauern getrennt, und die wenigen Übergänge bleiben nachts geschlossen.
Die Mobilisierungskraft der Bewegung war spektakulär. Im Herbst 1976 folgten Märsche in ganz Nordirland und auch in Dublin im Süden der Insel. Später gab es Demonstrationen in Glasgow, Birmingham, Manchester, Leeds und Edinburgh. Auch die mediale Resonanz war überwältigend. Das Time Magazine und die New York Times berichteten, ebenso Der Spiegel und sehr viele Zeitungen Europas. Das Neue Deutschland verknüpfte einen Artikel zu den Friedensmärschen mit einem Bericht zu »grausamer Folter« irischer Katholiken in britischen Gefängnissen.
Die »Peace People« forderten einseitig die Auflösung der IRA. Kein Wort verloren sie über die historischen Wurzeln des Konflikts, den Kolonialismus und die Diskriminierung der katholischen Minderheit in Nordirland. Deshalb wurde die Bewegung von irischen Republikanern und anderen Linken teils heftig kritisiert. Die IRA stand jedoch unter starkem Druck, auch weil viele ihrer Sympathisanten an den Demonstrationen teilnahmen. Die IRA reduzierte ihre Anschläge in den Folgemonaten deutlich. Gerry Adams, der spätere Präsident der Linkspartei Sinn Féin, verfolgte das Geschehen aus dem Gefängnis. In einem Artikel verteidigte er den jungen Mann, der im Unglücksfahrzeug erschossen worden war (siehe Kasten). Adams hatte Danny Lennon im Gefängnis kennengelernt. Kritik an der Friedensbewegung kam auch von der Socialist Party aus dem Süden Irlands. In ihrer Zeitschrift Militant Irish Monthly hieß es, der Konflikt gehe auf die »Politik der britischen herrschenden Klasse« zurück.
Zerfall und Kontinuität
In der BRD sympathisierten große Teile der radikalen Linken recht unreflektiert mit dem Bombenkrieg der IRA. Im autonom-feministischen Magazin Courage schrieb die Publizistin Sibylle Plogstedt: »Auf den ersten Blick wirkt die Aktion der Frauen mutig.« Protest gegen Gewalt müsse sich jedoch auch »gegen die Unterdrückung der katholischen Bevölkerung wenden«. Doch dazu habe das Duo Williams/Corrigan »nichts gesagt«. Im Roten Morgen, dem Organ der maoistischen KPD/ML, wurden die Frauen gar als »Verräterinnen im Dienst des englischen Imperialismus« bezeichnet. Die Gewalt der IRA sei »die einzige Sprache, die die Imperialisten verstehen«. Beide Artikel erschienen im Oktober 1976. Da stand die »Peace People«-Bewegung auf dem Höhepunkt ihrer Mobilisierung. Zwar kamen zu einer Kundgebung in London im Dezember 1976 noch einmal Zehntausende, die Teilnahme nahm danach jedoch stetig ab.
Im Oktober 1977 gab das Nobelkomitee in Oslo bekannt, dass die Initiatorinnen Williams und Corrigan den Friedensnobelpreis rückwirkend für das Jahr 1976 erhielten. Der Journalist McKeown war nicht in den Preis einbezogen – für ihn eine herbe Enttäuschung. Der Nobelpreis wurde dann zur Quelle tiefer Kontroversen. Das Preisgeld betrug knapp 80.000 britische Pfund. Williams behielt einen erheblichen Teil des Geldes für sich. Diese Entscheidung erschütterte die Bewegung, die weitgehend zerfiel. Nur vereinzelt verstetigten sich kleine Gruppen der »Peace People«.
Die bei dem Unfall schwer verletzte Mutter der getöteten Kinder erholte sich nicht wieder. Sie gebar zwar noch zwei weitere Kinder, aber nahm sich – an Depression erkrankt – 1980 das Leben. Ihr Mann heiratete im selben Jahr seine Schwägerin, Mairead Corrigan. Sie setzte die Friedensarbeit global fort und wurde Aktivistin für palästinensische Rechte. Sie fuhr 2009 und 2010 auf Booten der Gaza-Flottille und wurde von israelischen Behörden festgenommen. Noch im Frühjahr 2025, im Alter von 81 Jahren, unternahm Corrigan einen 40-tägigen Fastenstreik für die Kinder von Gaza. Ihre einstige Mitstreiterin Williams war 1983 in die USA emigriert und leitete dort die Global Children’s Foundation. 2004 kehrte Williams nach Irland zurück, wo sie 2020 starb. Ciaran McKeown war viele Jahre in Nordirland als Journalist tätig; er starb 2019. Die »Peace People« haben weiterhin ein kleines Büro in Belfast.
Ich möchte hier im Namen des jungen Mannes sprechen, der getötet wurde. Es tut mir unendlich leid, dass drei kleine Kinder gestorben sind. Ich weiß, dass er genauso empfunden und dass er alles in seiner Macht Stehende getan hätte, um Verletzungen oder den Tod Unschuldiger zu verhindern (…)
Danny Lennon zog mit einer Waffe gegen die Menschen, die er eindeutig als Feinde identifiziert hatte. Er stellte sich gegen die britische Armee und kannte die Risiken, die er einging, seit langem. Er zog andere nicht absichtlich in diese Gefahr hinein, und sein Tod, der eine Folge seiner Handlungen war, ist um so tragischer, als mit ihm eine junge Familie starb. Er wollte niemandem etwas Böses, außer denjenigen, die ihn schließlich töteten. (…)
Er glaubte an eine Gesellschaft, in der die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ein Ende hätte. Er erkannte die notwendigen Opfer, um dies zu erreichen, und starb unter Umständen, deren Verhinderung er sein Leben gewidmet hatte. (…)
Er wusste, was richtig und was falsch war. Er war ein Mensch, ein junger Mann von 23 Jahren (sic!) mit Eltern, Brüdern und Schwestern. Er hatte menschliche Gefühle und Schwächen wie wir alle. Wie wir alle machte er Fehler, aber er war ein guter junger Mann, ein Sozialist aus Überzeugung. Er wollte ein Irland frei von Profitgier, frei von Kämpfen, frei von Sektierertum und frei von Gewalt.
→ Gerry Adams: Zur Verteidigung von Danny Lennon, erschienen in: An Phoblacht, 27.8.1976. Adams war zur Zeit des Vorfalls und insgesamt zwischen 1973 und 1977 im Gefängnis »Long Kesh« inhaftiert, Lennon saß dort zwischen 1972 und 1976.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
