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Rezension

Mit den Augen einer Sámi

Klimawandel in der Arktis: Inkeri Markkula bricht in ihrer Erzählung mit patriarchalen Vorstellungen von Natur

Von Mona Grosche
Foto: Sepp Kipfstuhl/Cover-Images/IMAGO

Es ist eine Geschichte über ewiges Eis und eine Frau, die sich nicht unterkriegen lässt. Inkeri Markkula ist Umweltwissenschaftlerin und Kulturanthropologin an der finnischen Universität Oulu. Ihr interdisziplinärer Forschungsschwerpunkt liegt auf den Folgen des Klimawandels in Arktis und Subarktis. Sie untersucht, wie die globale Erwärmung indigene Kulturen, deren Lebensgrundlagen und sensible Ökosysteme bedroht. Zugleich ist Markkula als Autorin tätig, und ihr Debütroman wurde im Jahr 2025 unter dem Titel »Wo das Eis niemals schmilzt« auch auf deutsch veröffentlicht.

Die Handlung ihres Buches bewegt sich auf zwei Ebenen: In der Gegenwart steht einerseits die Glaziologin Unní mit samischer Abstammung im Mittelpunkt, die in der arktischen Region die Gletscherschmelze erforscht. Sie begegnet dort Jon, einem jungen Mann mit Inuit-Wurzeln, der verzweifelt nach den Gründen für seine Adoption sucht. Auf der zweiten Zeitebene erfahren wir mehr über die familiären Hintergründe der beiden, aber auch generell über das Schicksal der Inuit in Kanada und der Sámi in Finnland. Kenntnisreich und empathisch zeigt die Autorin, wie deren Traumata durch koloniale »Assimilationspolitik« generationsübergreifend wirken und dass sich die Diskriminierung bis heute fortsetzt.

Markkulas Roman kann zwar allein als atmosphärische Geschichte über den Klimawandel gelesen werden, doch bei genauerem Hinsehen handelt es sich auch um eine vielschichtige Erzählung, die Ökologie, kolonialistische Narben und feministische Themen miteinander verwebt. Sie zeichnet darin ein prägnantes Bild, wie patriarchale Strukturen, Naturzerstörung und die Unterdrückung indigener Identitäten Hand in Hand gehen.

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Unní, die zentrale Figur der Geschichte, besetzt als Forscherin in der Arktis ein Feld, das historisch von männlichen Entdeckern und einer »Manning the Frontier«-Rhetorik (also einer Rhetorik um die Beherrschung der Natur) geprägt war. Markkula bricht mit dem Klischee des heroisierten Polarforschers: Unní strebt nicht nach der Beherrschung der Natur, sondern nimmt eine empathische, beobachtende Haltung ein. Ihre Arbeit ist ein feministischer Gegenentwurf zur Idee, dass objektive Wissenschaft davon völlig losgelöst existieren müsse.

Zudem greift die Autorin ein zentrales Motiv des Ökofeminismus auf, indem sie Parallelen zwischen der Ausbeutung des weiblichen Körpers und der Zerstörung der Umwelt zieht. Das schmelzende Eis Grönlands steht nicht nur für die ökologische Krise, sondern reflektiert auch die körperlichen und emotionalen Verletzungen der Protagonistin, die als Kind wegen ihrer samischen Herkunft gemobbt wurde und in arktischer Kälte einige ihrer Finger verloren hat.

So wie die grönländische Landschaft von äußeren Kräften (historisch wie aktuell) »nutzbar gemacht« wird, spiegelt sich diese Form der Aneignung gleichermaßen in den gesellschaftlichen Erwartungen und Grenzverletzungen wider, mit denen auch die anderen weiblichen Figuren des Romans konfrontiert sind. Deren Schicksale beleuchtet Markkula in mehrfacher Hinsicht, indem sie die Folgen von Kolonialismus und kultureller Entwurzelung sowie die Gefangenheit in den Erwartungen der traditionellen wie modernen Geschlechterrollen herausarbeitet. Dies trifft insbesondere auf Jons Mutter zu, der man ihren Sohn im Zuge der sogenannten Sixties-Scoop-Ära (eine Phase massenhafter Zwangsadoptionen indigener Kinder in Kanada) entrissen hatte, um ihn von einem dänischen Ehepaar adoptieren zu lassen.

Dabei tappt die Autorin jedoch nicht in die Falle, Frauen in eine passive Opferrolle zu drängen. So etwa ist sich die dänische Adoptivmutter durchaus der von ihr aufgeladenen Schuld bewusst, mit der sie ihr Recht auf ein Kind durchgesetzt hat, und sie versucht später, das begangene Unrecht wieder gutzumachen. Markkula versteht es einerseits, Themen wie Mutterschaft, Verlust und Schuld frei von Klischees und andererseits, Entscheidungen für das Recht auf den eigenen Körper und den eigenen Weg mit Respekt zu behandeln – selbst wenn dieser Weg Schmerz verursacht. Spannend und mit mitreißendem Stil, mit lebendigen Metaphern und poetischen Naturschilderungen präsentiert Markkula ein leises, sensibles, aber politisch extrem kraftvolles Buch.

→ Inkeri Markkula: Wo das Eis niemals schmilzt. Mareverlag, Hamburg 2025, 352 Seiten, 25 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 21.08.2026, Seite 15, Feminismus

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