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Rezension

Doppelt »anders« markiert

Rezension: Tupoka Ogette schildert ihren langen Weg in einem patriarchal-rassistischen System

Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur
»Tag für Tag gegen Rassismus, Erschöpfung und Wut«: Ogette spricht auch auf der Digitalmesse »Republica« (6.6.2023)

Tupoka Ogette ist eine der bekanntesten Stimmen in der deutschen Rassismuskritik. Ihre Bücher sind Bestseller, seitdem sie mit »exit RACISM – rassismuskritisch denken lernen« 2017 das Thema Alltagsrassismus in die breite Öffentlichkeit trug. Sie ist als Beraterin sowie Trainerin in diesem Bereich tätig und führt Workshops und Fortbildungen dazu durch. Nun hat Ogette ein sehr persönliches Buch in Form eines Memoirs, also eines erinnernden Rückblicks auf ihr bisheriges Leben, veröffentlicht. Unter dem Titel »Trotzdem zuhause« erzählt sie ihre Geschichte als Tochter eines tansanischen Vaters und einer deutschen Mutter.

Vielschichtig und spannend berichtet sie, wie es für sie war, als schwarzes Kind in der DDR aufzuwachsen. In eine systemkritische Familie hineingeboren, lernt sie schnell die Themen kennen, mit denen man sich dort auseinandersetzt: der Wunsch nach Selbstbestimmung, der Anpassungsdruck, die Hoffnung auf Ausreise in den Westen … Für Tupoka bleiben diese Themen zunächst aber eher fremd und abstrakt. Zu stark ist der eigene Wunsch, als Teil des Systems dazuzugehören und kein Fremdkörper mehr zu sein.

Dass sie anders ist, erfährt sie auf Schritt und Tritt: von den Erzieherinnen im Hort, die sich über ihre »schmutzigen Hände« lustig machen; von den Kindern auf dem Spielplatz, die ihre Haare mit Sand überschütten, und von den Lehrkräften, die ihr wegen ihrer Hautfarbe Intellekt und Fleiß absprechen. Egal, in welchem Umfeld sie sich bewegt, überall wird sie drangsaliert, beschimpft und als minderwertig behandelt.

Ungeschönt berichtet Ogette von den Erlebnissen, die sich in ihrem Körper und ihrer Seele als Traumata einbrennen, obwohl sie – auch nach der Rückkehr des Vaters in sein Heimatland – dank ihrer Mutter und der Großeltern ein unterstützendes, liebevolles Zuhause hat. Ebenso wenig bringt die gemeinsame, von der Mutter langersehnte Ausreise zu deren neuer Lebensgefährtin nach Westberlin für sie die erhoffte Befreiung. Kurz vor der »Wende« lernt sie zwar in den besetzten Häusern dort vollkommen neue Lebenswelten kennen, doch außerhalb des nahen Umfelds setzen sich in der Schule, im Alltag und sogar bei ihrer großen Leidenschaft, dem Singen in einem Chor, die negativen Erfahrungen fort. Anfeindungen und sexualisierte Gewalt gehören zur prägenden Lebensrealität; der Versuch eines eigenen Lebensentwurfs führt in eine toxische Beziehung, zu Essstörungen und schweren Depressionen. Lange Zeit sind Anpassung und Gefallenwollen ihre Überlebensstrategie in einer Umwelt, die ihr als schwarzer Frau ihre Integrität gleich doppelt abspricht.

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Dass sie es trotzdem schafft, Selbstwertgefühl und eine positive Beziehung zu ihrem Körper zu entwickeln und sich aus der Spirale von Erniedrigung und Selbsthass zu befreien, liegt an ihrer inneren Stärke, aber auch an positiven Erlebnissen und bestärkenden Menschen als Gegengewicht: »Ein volles Leben mit Ecken und Kanten«, resümiert sie selbst und ist überzeugt, dass es »eine Art Lebenskunst (ist), sich in diesen Gleichzeitigkeiten, diesen Parallelitäten, dieser Ambivalenz des Lebens finden zu können«.

Doch ihr Buch ist mehr als nur eine interessante persönliche Lebensgeschichte. Aus einer intersektionalen Perspektive macht sie sichtbar, was in weiß geprägten feministischen Narrativen mitunter fehlt: die Erfahrung, dass Unterdrückung selten eindimensional ist. Auf eindringliche Weise demonstriert sie, wie Sexismus und Rassismus im Leben einer schwarzen Frau nicht getrennt voneinander wirken, sondern sich gegenseitig verstärken. Ogette analysiert präzise, wie ihr Körper in der ostdeutschen Provinz und später im Berlin nach der »Wende« als doppelt »anders« markiert wurde.

Sie schildert den Kampf mit Essstörungen und zeigt, dass die Zerstörung des eigenen Körpergefühls nicht als persönliche Schwäche, sondern als direkte Folge der erlittenen Traumata anzusehen ist. Ihre Aufarbeitung der verinnerlichten Schuldzuweisung von außen ist so auch Schmerztherapie, die sich dem Blick der Gesellschaft verweigert und die Deutungshoheit über ihren Körper zurückholt. Ein zentraler Aspekt des Buches ist zudem die Zuflucht, die ein häuslicher Mikrokosmos in einer feindlichen Umwelt bieten kann. Dennoch romantisiert Ogette ihre Bindung zur Mutter nicht, sondern verdeutlicht, wie selbst liebevollste Fürsorge an ihre Grenzen stößt, wenn die äußeren patriarchal-rassistischen Strukturen zu mächtig sind.

Dabei verweigert sich Ogette dem Anspruch, eine saubere »Vom-Opfer-zur-Heldin«-Erfolgsgeschichte abzuliefern, um als Marginalisierte gehört zu werden. Statt dessen zeigt sie den Preis, den das tägliche Aushalten gekostet hat – und weiterhin kostet. Resilienz ist für sie ein hart erkämpfter Zustand aus erlebter Liebe, Schmerz und gefundener Sprache.

→ Tupoka Ogette: Trotzdem zuhause. Penguin-Verlag, München 2026, 256 Seiten, 23 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 07.08.2026, Seite 15, Feminismus

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→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in Heinrich H. aus S. 7. Aug. 2026 um 17:00 Uhr
    Ich melde mich wieder, wenn ich das Buch gelesen habe.
  • Onlineabonnent*in Gudrun S. aus T. 7. Aug. 2026 um 11:46 Uhr
    Für mich ergibt sich die Frage, ob die Autorin mit ihren Büchern ohne die Systemkritik an der DDR (mangelnde Selbstbestimmung, Anpassungsdruck, Ausreisewunsch) in der BRD so hochgelobt werden würde. Es sind doch die alten Klischees, die immer wieder zum Miesmachen der DDR veröffentlicht werden – und die junge Welt macht hier mit. Selbst die Untermalung der Systemkritik mit hässlichen Erfahrungen eines Kindes im Kindergartenalter und »wegen ihrer Hautfarbe mangelnder Intellekt und Fleiß« findet bereits ihre Vorläufer im DDR-Bashing. »… drangsaliert, beschimpft und als minderwertig behandelt« – typische DDR-Verhaltensweisen? Das Studium des Vaters wurde in der DDR ermöglicht, Teil der geübten Solidarität der Werktätigen. Es sind nicht nur exponierte Politiker, die sich ihre Erinnerungen erklären und schönschreiben. Bravo für das Verkaufsgeschick! Haben die Verantwortlichen der jungen Welt etwa nur die Überschrift gelesen und stillschweigend die Diskriminierung der DDR als »patriarchal-rassistisches System« akzeptiert? Gudrun Stelmaszewski, per Mail
    • Onlineabonnent*in André M. aus B. 7. Aug. 2026 um 13:26 Uhr
      Das ging mir beim Lesen des Artikls auch durch den Kopf …
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