Eine alleinige Person
Von Mona Grosche
Wie kaum eine andere hat das Ausnahmetalent Therese Giehse das deutschsprachige Theater im 20. Jahrhundert mitgeprägt. Sie arbeitete eng mit Brecht zusammen und war die Mutter Courage in der Uraufführung des Stückes. Dürrenmatt schrieb für sie »Die Physiker« um, damit sie eine der Hauptrollen bekam – und gemeinsam mit Erika und Klaus Mann stand sie in München im politischem Kabarett »Pfeffermühle« auf der Bühne, um sich über die Nazis lustig zu machen, während nur wenige 100 Meter weiter Adolf Hitler seine Propagandaveranstaltungen abhielt.
In einer großartig illustrierten und getexteten Graphic Novel nähert sich Barbara Yelin der Jahrhundertschauspielerin an und stellt sie uns als eigenwillige und engagierte Persönlichkeit vor, für die das Theater der Mittelpunkt ihres Lebens war und die sich selbst aus der Öffentlichkeit heraushielt. Entstanden ist das Werk als Auftragsarbeit der Münchner Kammerspiele, die damit Therese Giehse zu ihrem 50. Todestag 2025 ehrten.
Nicht von ungefähr wählte man die international ausgezeichnete Autorin und Zeichnerin Barbara Yelin für dieses Werk: Ihre bisher veröffentlichten Graphic Novels drehen sich gleich mehrfach um Frauen in Nazideutschland, so etwa »Die Farbe des Vergessens«, in der sie das Leben der Holocaustüberlebenden Emmie Arbel darstellt. Yelins Arbeit zeichnet sich nicht nur durch einen sensiblen Umgang mit den Porträtierten aus, sondern auch durch die Akribie, mit der sie sich in ihren Recherchen den Personen nähert.
Doch zurück zum Leben Giehses: Schon früh ist es der sehnlichste Wunsch der kleinen Therese – die damals noch Gift heißt – auf der Bühne zu stehen, wohl wissend, dass sie dem gängigen Schönheitsideal nicht entspricht. Mit Sturheit, Ausdauer und einem »deutscheren« Namen schafft sie es dank ihres enormen Talents dennoch ans Theater. Nach einigen anfänglichen Hürden wird sie zum festen Mitglied der Münchner Kammerspiele und spielt Charakterrollen in allen großen Stücken – allerdings nicht als jugendliche Liebhaberin, sondern als Mutter oder ältere Frau. »Ich habe ja nie junge Rollen gespielt, weil ich zu dick war für die Jungen«, kommentiert sie selbst.
Schon nach kurzer Zeit avanciert sie zum Star, selbst Hitler und seine Nazikumpane strömen in die Kammerspiele, um das vermeintlich »richtige deutsche Weib« zu erleben. Aber auch Thomas Mann sitzt regelmäßig mit Familie im Publikum, um sie spielen zu sehen. Schnell nimmt man sie in den Kreis der Manns auf, zu Erika Mann entwickelt sich eine kreative Verbindung und die beiden werden ein Paar. Darauf geht die Graphic Novel aber nicht näher ein. Yelin respektiert Giehses Haltung, alle Aspekte ihres Privatleben strikt für sich zu behalten. »Über mich sag ich nichts …« war ihre konsequente Antwort, wenn Journalisten etwas Persönliches erfahren wollten. Dementsprechend wird auch die spätere Beziehung zur Kollegin Marianne Hoppe von Yelin nicht aufgegriffen, sondern bleibt im Privaten.
Um so deutlicher arbeitet sie in der Graphic Novel jedoch heraus, dass die Giehse, die sich selbst als »alleinige Person« ansieht, ein höchst unabhängiges, gefährliches Leben führt. Dazu trägt auch ihr Engagement in der »Pfeffermühle« bei. In dem mit Erika und Klaus Mann initiierten politischen Kabarett steht sie auf der Bühne, textet und führt Regie. Ihrer mehrfachen Gefährdung als Lesbe, Jüdin und Linke ist sie sich dabei stets bewusst, weshalb sie 1936 den schwulen Schauspieler John Hampson-Simpson heiratet, um sich vor Repressalien zu schützen, und erlangt so einen britischen Pass. In Deutschland ist sie – ebenso wie die Manns – nicht mehr gelitten und muss in die Schweiz fliehen. Von dort aus betreibt man das Kabarett entgegen dem Verbot politischer Tätigkeit weiter. Ein späterer Versuch, die »Pfeffermühle« auch in den USA heimisch zu machen, scheitert jedoch, so dass die Giehse nach Europa zurückkehrt.
Nach dem Krieg holt man sie ans Berliner Ensemble und an die Münchner Kammerspiele zurück. Von der Kritik und vom Publikum gefeiert, hat sie dennoch enorme Probleme, sich in Deutschland heimisch zu fühlen. Zu groß ist ihre Enttäuschung, dass man nach der Diktatur einfach zum Alltag übergeht. Doch sie tut das, was sie immer tut: »Therese spielt«, wie sie selbst sagt, denn das macht ihr Leben aus. Und wenn die Überlieferung stimmt, spuckt sie jedes Mal auf dem Weg zu den Kammerspielen vor dem Schreibwarenladen unbehelligt gebliebener Nazis aus.
Die Darstellung in der Graphic Novel ist zeichnerisch meisterhaft umgesetzt. Während die Tableaus behutsam in dunklen Farben und mit diffusen Rändern gestaltet sind, steht allein die Giehse im Licht und strahlt förmlich aus den Bildern heraus. Textlich gibt es neben Kommentaren von Barbara Yelin auch Zitate von Therese Giehse selbst. Sie sind gut erkennbar, weil die Schrift sich in Weiß vom schwarzen Grund abhebt, während in den übrigen Passagen schwarze Schrift auf weißem Grund steht.
Abgerundet wird die Graphic Novel von Barbara Yelins Vorwort, in dem sie über ihre behutsame Annäherung an die Giehse berichtet, und von weiteren interessanten Textbeiträgen. Zum Beispiel: »Mehr Therese wagen!«, eine Rede von Barbara Mundel (Intendantin der Münchner Kammerspiele), die sie zur Gala am 8. März 2025 anlässlich des 50. Todestages der Schauspielerin hielt.
Was Therese Giehse wohl selbst dazu gesagt hätte, wo sie doch jeden Rummel um ihre Person ablehnte? Vermutlich hätte sie sich gefreut, dass ihr Schaffen nachhallt, und gehofft, dass wir uns davon inspirieren lassen – zum Spielen und zum Widerständigsein!
Barbara Yelin: Die Giehse – Ein Leben für das Theater 1898–1975. Reprodukt, Berlin 2025, Hardcover, 56 Seiten, 20 Euro
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