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Aus: Ausgabe vom 22.08.2022, Seite 7 / Ausland
Geopolitik

Wettrennen in der Arktis

Erwärmung am Nordpol befeuert Kampf um Ressourcen. Indigene gegen Ausbeutung
Von Gabriel Kuhn
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US-Kriegsschiffe während einer Militärübung im Arktischen Ozean am 5. Mai 2020

In einer am 11. August in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Communications Earth and Environment veröffentlichten Studie hat ein norwegisch-finnisches Forscherteam berechnet, dass die Temperaturen in der Arktis in den vergangenen 40 Jahren viermal schneller gestiegen sind als im Weltdurchschnitt. Als Hauptgrund wird die »arktische Verstärkung« angeführt: Durch das Abschmelzen von Eis und Schnee dehnt sich die Wasseroberfläche aus, das Sonnenlicht wird nicht reflektiert, sondern absorbiert.

Das hat nicht nur Konsequenzen für das Klima, sondern auch für die Politik. Als der damalige US-Präsident Donald Trump im Jahr 2019 die Absicht äußerte, Grönland zu kaufen, wurde dies vielfach als typische Trump-Idiotie abgetan. Doch es ging schlicht um ökonomische und militärische Interessen. Die Eisschmelze erleichtert die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen der Arktis. Nach Schätzungen der US-Regierungsbehörde USGS befinden sich etwa 30 Prozent der Erdgas- und 13 Prozent der Erdölvorkommen der Erde dort. Dazu kommen viele, zum Teil seltene Mineralien. Zudem öffnen sich neue Seewege. Die militärische Bedeutung der Region wächst parallel zu diesen Entwicklungen.

1996 wurde der Arktische Rat gegründet, dem Regierungsvertreter der USA, Kanadas, Islands, Dänemarks, Norwegens, Schwedens, Finnlands und Russlands angehören. Die territorialen Ansprüche der einzelnen Staaten überlappen oft. Manchmal kommt es zu salomonischen Lösungen, etwa im Streit zwischen Kanada und Dänemark um die Hans-Insel. Der Besitz des unbewohnten, einen Quadratkilometer großen Felsens in der Nares-Straße, die den nordöstlichsten Teil Kanadas von Grönland trennt, wurde nach jahrzehntelangen Verhandlungen im Juni 2022 schlicht geteilt.

Viele Konflikte bleiben jedoch ungelöst. Der Kampf um »ausschließliche Wirtschaftszonen« ist in vollem Gange. Sie gewähren einem Staat exklusive Rechte auf die ökonomische Nutzung einer Meeresfläche, die sich 200 Seemeilen (370 Kilometer) von der Küste erstreckt, die diesem Staat zugeschrieben wird. Angesichts der sich intensivierenden territorialen Konflikte in der Arktis wird immer häufiger vor einer »Balkanisierung« der Region gewarnt.

Der Arktische Rat kann im Moment wenig zur diplomatischen Entspannung beitragen. Seit Beginn des Ukraine-Krieges tritt er aufgrund der versuchten internationalen Isolierung Russlands nicht zusammen. Von den Westmächten wird allerdings in der Arktis nicht nur Russland als Gefahr wahrgenommen, sondern auch China. Auf bis zu 100 Milliarden Euro schätzt das »Foreign Affairs Committee« der US-Republikaner die chinesischen Investitionen in der Arktis in den vergangenen 20 Jahren, vor allem im Bergbau und Energiesektor. Beijing bezeichnet sich selbst als »arktisnahen Staat«.

Auch auf die Schiffahrt werden die territorialen Ansprüche Einfluss nehmen. Noch nimmt sich der Transport bescheiden aus. Im Jahr 2019 wurden nach Angaben des Arktischen Rates 1.628 Schiffe registriert, die zu ökonomischen, wissenschaftlichen oder militärischen Zwecken in der Region verkehrten. Den Suezkanal durchquerten im selben Jahr 18.880 Schiffe. Die Zahlen in der Arktis könnten jedoch bald rasant ansteigen. Grund dafür sind nicht nur neue Handelsrouten. Auch Kreuzfahrtschiffe entdecken die Region als Touristenattraktion, was neben wirtschaftlichen auch bedeutende ökologische und kulturelle Folgen hat. Für die militärischen Flotten, die in der Region operieren, ergibt sich ein besonderes Problem. Jahrzehntelang waren U-Boote unter der dicken Eisdecke der Arktis schwierig zu lokalisieren. Mit der Eisschmelze ändert sich dies, was eine neue strategische Orientierung erfordert.

Allzuoft wird in den geopolitischen Diskussionen um die Arktis die Lokalbevölkerung übersehen. Indigene Gesellschaften stellen wichtige politische Akteure dar, die sich gegen die Ausbeutung ihrer traditionellen Siedlungsgebiete mehr und mehr zur Wehr setzen. Auf Grönland regiert seit April 2021 die ökosozialistische Unabhängigkeitspartei Inuit Ataqatigiit. Gemeinsam mit Organisationen wie dem Samischen Rat oder der Internationalen Assoziation der Aleu­ten macht sie deutlich, dass die Zukunft der Arktis nicht ohne die Menschen zu gestalten ist, die sie ihre Heimat nennen.

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