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Griechenland

Prosfygika lebt

Forderungen erfüllt: Selbstverwaltete Gemeinschaft in Athen stoppt Sanierungspläne der Region. Gesundheitszustand von hungerstreikendem Aktivisten kritisch

Foto: Elvis Takahashi Mantello/Middle East Images/IMAGO
Mehr als acht Blocks: Solidarische Demonstration mit der Gemeinschaft in Athen (16.5.2026)

Syntagma, mitten im Herzen Athens. Eine angespannte Stille liegt über dem Platz. Vor dem griechischen Parlament hat die Polizei eine Kette gebildet. Aus einem Megafon ertönt eine Durchsage auf Griechisch. Ich verstehe kein Wort. Neben mir beugt sich jemand herüber und übersetzt: »Aristotelis Chantzis und Suzon Doppagne haben ihren Hungerstreik bis zum Tod beendet. Die Gemeinde Athen hat ihre Forderungen angenommen.«

Für einen Moment scheint die Zeit stillzustehen. Dann brechen Jubel und Erleichterung aus. Menschen umarmen sich, Tränen laufen über ihre Gesichter. Flyer wirbeln durch die Luft, Sprechchöre hallen über den Platz. Ein kleines Kind auf den Schultern eines Erwachsenen stimmt die Parolen an. Die Gesichter wirken erschöpft – und gleichzeitig voller Hoffnung.

Nur zwei Tage zuvor war Aristotelis Chantzis am 22. Juni nach 140 Tagen Hungerstreik ins Krankenhaus eingeliefert worden. Sein Gesundheitszustand hatte sich dramatisch verschlechtert, er konnte kaum noch laufen oder sprechen. Im Georgios-Gennimatas-Krankenhaus in Athen wurden eine akute neurologische Schädigung und schwerwiegende Stoffwechselstörungen diagnostiziert. Der Aktivist hatte seit dem 5. Februar mit seinem Hungerstreik gegen die drohende Räumung der besetzten Gemeinschaft Prosfygika protestiert. Am 1. Mai schloss sich Suzon Doppagne an. Ein offener Brief Hunderter Personen des öffentlichen Lebens – darunter Musiker, Schauspieler und Abgeordnete –, Organisationen und Kollektive erhöhte den Druck: »Der Zustand ist äußerst ernst und verschlechtert sich kontinuierlich, während die anhaltenden Komplikationen ihn lebensbedrohlich machen. Die Nichterfüllung der Forderungen zum sofortigen Zeitpunkt kommt einem Todesurteil gleich«, hieß es darin.

Die Kundgebung setzt sich in Richtung Ambelokipi in Bewegung. Selbst in der U-Bahn wird weiter gesungen und gefeiert. Wenig später erreichen die Menschen Prosfygika. Zwischen dichtem Stadtverkehr, dem größten Krebskrankenhaus Griechenlands und der zentralen Polizeidirektion Athens liegt die aus acht Wohnblöcken bestehende Nachbarschaft, die sich seit Jahrzehnten gegen Verdrängung behauptet. Rund 400 Menschen leben hier: Geflüchtete, politisch Verfolgte und Aktive, Familien sowie kranke und sozial benachteiligte Menschen. Sie stammen aus 27 Ländern und Regionen, sprechen mehr als 20 Sprachen und haben eine selbstverwaltete Gemeinschaft geschaffen.

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Nun wird genau hier gefeiert. Menschen tanzen in den Innenhöfen, aus Lautsprechern erklingen türkische, kurdische, arabische und griechische Lieder. Kinder rennen zwischen den Feiernden umher. Nach Monaten der Ungewissheit gibt es einen Anlass, den viele kaum noch für möglich gehalten hatten: Die Gemeinde Athen hat eine Resolution verabschiedet, die die geplante Sanierung in ihrer bisherigen Form stoppt und die Gemeinschaft in den weiteren Planungsprozess einbezieht. Damit wird Prosfygika erstmals offiziell als Verhandlungspartner anerkannt. Zwar könnten der griechische Staat oder die Regionalregierung weiterhin andere Wege suchen, die Pläne umzusetzen. Doch an der Gemeinschaft führt künftig kein Weg mehr vorbei.

Während in Prosfygika bis tief in die Nacht gefeiert wird, verschlechtert sich der Gesundheitszustand von Aristotelis Chantzis erneut dramatisch. Er entwickelt ein Refeeding-Syndrom – eine potentiell lebensbedrohliche Stoffwechselstörung nach langer Hungerphase – und muss auf die Intensivstation verlegt werden. Vor dem Krankenhaus beginnt eine Mahnwache. Rund um die Uhr warten Menschen auf Neuigkeiten und wollen Aristos nahe sein. Trotz des politischen Erfolgs ruft die Gemeinschaft weiter zur Unterstützung auf. Die Gefahr einer Räumung sei nicht endgültig gebannt.

Ein paar Tage später sitzt eine ältere Frau vor einem der Wohnblöcke. Kinder spielen auf dem Hof, aus einem Fenster dringt Musik. Das Leben ist zurückgekehrt – zumindest ein wenig. Aristos kämpft zu diesem Zeitpunkt noch immer um sein Leben.

Doch in Prosfygika hat sich etwas verändert. Aus einem Protest gegen die Räumung ist ein politischer Erfolg geworden. Als die Sonne hinter den Wohnblöcken verschwindet, hängt ein Transparent zwischen zwei Balkonen. Darauf stehen dieselben Worte, die die Bewohnenden seit Monaten begleiten: »We will win or we will win« – Wir werden gewinnen oder wir werden gewinnen. Nach den vergangenen Wochen klingen sie nicht mehr wie ein Versprechen. Sondern wie der Beweis, dass selbst ein scheinbar aussichtsloser Kampf den Lauf der Dinge verändern kann.

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Erschienen in der Ausgabe vom 01.07.2026, Seite 7, Ausland

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