Scheinheilige Fundamentalisten
Gegner von Schwangerschaftsabbrüchen vernetzen sich international und kapern Beratungsangebote
Die extreme Rechte vernetzt sich global – das gilt auch für deren dezidiert frauenfeindliche und antifeministische Akteure. Mitte September wird im Vorfeld des sogenannten Marschs für das Leben eine Konferenz der Organisation Heartbeat International in Berlin stattfinden. Das Ziel der Organisation ist, dass Frauen und Mädchen keine Möglichkeiten haben sollen, Schwangerschaften zu beenden. Aus Deutschland wird unter anderem Cornelia Kaminski, Bundesvorsitzende der Organisation »Aktion Lebensrecht für alle« (ALFA) auf der Veranstaltung sprechen. Diese mobilisiert ebenfalls jedes Jahr stark für den »Marsch für das Leben«, der parallel in Berlin und Köln stattfindet. Die Veranstaltung wird vor allem von christlichen Fundamentalisten getragen, die sich dort mit extremen Rechten austauschen. Politiker der AfD sind regelmäßige und gern gesehene Teilnehmer an der Demonstration, aber auch einzelne Vertreter der CDU haben sie bereits unterstützt. Im Mittelpunkt steht das absolute Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen, also die erzwungene Austragung einer jeden Schwangerschaft.
Heartbeat International betreibt weltweit sogenannte Crisis Pregnancy Center, um gezielt ungewollt Schwangere anzusprechen. Diese tarnen sich als neutrale Anlaufpunkte, in denen Menschen beraten werden können, die sich unsicher sind, ob sie eine Schwangerschaft fortführen wollen. Recherchen der US-amerikanischen Medienplattform Open Democracy belegen jedoch, dass die Beratungen ganz klar gegen Schwangerschaftsabbrüche gerichtet sind. Dabei lügen die Beraterinnen und Berater demnach sogar und behaupten, dass Abbrüche psychische Krankheiten und sogar Krebs verursachen würden.
Das Ganze erinnert an eine Studie, die der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) 2019 zu den psychischen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen initiiert hat. Ziel war es ursprünglich, eine wissenschaftliche Unterfütterung für das angebliche Post-Abortion-Syndrome zu finden. Allerdings hat die Studie nachgewiesen, dass es keine Hinweise darauf gibt, dass Abbrüche schwere psychische Folgen für die Betroffenen haben. Im Gegenteil gibt es demnach viel eher einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Möglichkeit zu Schwangerschaftsabbrüchen und der (befürchteten) Stigmatisierung und der psychischen Gesundheit der Frauen. Und doch gibt es noch immer ganze Landstriche in Deutschland, in denen es nicht möglich ist, dass Schwangere nah am Wohnort einen Abbruch durchführen lassen.
Im US-Bundesstaat Kalifornien muss sich Heartbeat International derzeit vor Gericht verantworten. Die Organisation betreibt auch eine Hotline, an die sich Frauen wenden können, die bereits mitten in einem medikamentösen Schwangerschaftsabbruch stecken, und verspricht, sie dabei zu unterstützen, diesen rückgängig zu machen. Dies soll angeblich mit Hilfe von Progesteron, einem Gelbkörperhormon, möglich sein. Es gibt keine Studien, die nahelegen, dass dies wirklich möglich sei. Im Gegenteil können Frauen, wenn sie bereits einen medikamentösen Abbruch begonnen haben und dann Progesteron nehmen, extrem starke Blutungen und Schmerzen entwickeln. Bei dem Gerichtsverfahren geht es vor allem um irreführende Werbung und Betrug. Der Staat Kalifornien fordert eine Strafe von rund 20 Millionen US-Dollar. Unklar blieb beim Prozess, der seit mehreren Wochen läuft und in dem Mitte September die Schlussplädoyers anstehen, welche Absichten Heartbeat International verfolgt. Die Organisation argumentiert lediglich auf formaler Ebene, dass sie keine kommerzielle Werbung macht, ihre Aussagen also vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt seien. Die Fragen, warum sie vorgibt, einen begonnenen Abbruch könne rückgängig gemacht werden, und warum sie die Gesundheit der Frauen mit dieser wirkungslosen Prozedur aufs Spiel setzt, werden nicht beantwortet.
»Heartbeat International nutzt extreme Not- oder Stresssituationen aus, in denen sich ungewollt Schwangere befinden. Die christlichen Fundamentalisten manipulieren unter dem Deckmantel neutraler Beratung und verbreiten gezielt gesundheitsgefährdende Desinformation, um von einem Schwangerschaftsabbruch abzuhalten. Heartbeat International stellt eine Gefahr für ungewollt Schwangere dar! Dass die deutsche Antiabtreibungsbewegung zur internationalen Konferenz von Heartbeat International einlädt, zeigt die enge Vernetzung dieser Bewegung mit dem faschistischen und antifeministischen MAGA-Milieu in den USA jetzt ganz offen«, fasst Ella Nowak, Pressesprecherin des What-the-fuck-Bündnisses, die Verstrickungen zusammen. Das Bündnis organisiert Gegenproteste zum Marsch für das Leben am 19. September in Berlin.
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