Ausgegrenzt, aber profitabel
Von Mona Grosche
Die kapitalistische Gesellschaft teilt Menschen und ihre Körper in Kategorien ein und begegnet Abweichungen von der Norm mit Ablehnung. Mit ihrem Buch »Fat Business« thematisiert Bobby Herrmann-Thurner die tagtägliche Ausgrenzung von Menschen mit höherem Gewicht und ruft zum gemeinsamen Engagement gegen jedwede Diskriminierung auf.
Mittlerweile stehen Diskriminierungen u. a. von Frauen, Menschen mit Behinderung, Migrantinnen und Migranten, queeren Personen oder auch People of Color erfreulicherweise mehr im Fokus der Öffentlichkeit. Doch die Tatsache, dass auch Menschen mit mehr Gewicht, gemeinhin »Übergewichtige« genannt, unter Ausgrenzung und Herabwürdigung leiden, ist kaum ein Thema. Tief verankert sind Vorurteile, die ihnen Stereotype wie faul, dumm, undiszipliniert und triebgesteuert zuschreiben.
Dabei ist die Hetze gegen Dicke um so seltsamer, als diese die knappe Mehrheit der Bevölkerung darstellen. Rund 53,5 Prozent der Erwachsenen hierzulande liegen über dem begrenzt aussagekräftigen BMI-Normwert von 25, der 1832 von einem Mathematiker entwickelt wurde, um »Normalmenschen« (also weiße Männer) statistisch zu erfassen. Die durchschnittliche Kleidergröße für Frauen beläuft sich in Deutschland auf 42 bis 44. Doch viele Geschäfte führen diese Größen (oder größere) gar nicht oder verbannen sie in spezielle »Big Size«-Abteilungen.
Wer schon einmal in einem Laden war und nach Größe 46 gefragt hat, kennt die abschätzigen Blicke und den Satz »In Ihrer Größe führen wir nichts«. Doch nicht nur beim Kleiderkauf sehen sich dicke Menschen mit Diskriminierung konfrontiert: Passanten kommentieren ungefragt das Eis in der Hand oder beschimpfen sie als »fette Sau«, Ärzte reagieren oft erst sehr spät auf Beschwerden und Symptome, Personalabteilungen laden nicht zum Vorstellungsgespräch ein, wenn die Person auf dem Foto nicht dünn genug ist.
Dicke werden durch negative mediale Darstellungen, so etwa die Klage über die volkswirtschaftlichen Kosten der »Adipositasepidemie«, systematisch entmenschlicht. Sie gelten als Problem, das – ebenso wie Bürgergeldbeziehende oder eingewanderte Menschen – die Mehrheitsgesellschaft über Gebühr belastet und noch dazu selbstverschuldet ist.
Die Betroffenen reagieren auf die Abwertung mit Scham und Rückzug oder versuchen, sich »ein dickes Fell« wachsen zu lassen. Doch Abhärtung und Selbstliebe helfen wenig, wenn man sich in allen gesellschaftlichen Bereichen mit Ausgrenzung und feindlichem Verhalten konfrontiert sieht. Dabei wird Dicken suggeriert, dass sie sich ja nur ein bisschen Mühe geben müssen, um ihre Situation radikal zu ändern. »Friss die Hälfte«, »Mach mal Sport« sind die üblichen Ratschläge.
In den Medien, speziell auf Social Media, sind Diätshakes und Abnehm-Apps allgegenwärtig. Auf diese Weise befinden sich Millionen (Frauen) in der Diätdauerschleife, die bei vielen Mädchen bereits mit zwölf Jahren beginnt. Gewinner des Hypes um jedes Gramm zuviel ist vor allem die Diätindustrie, die Milliardenumsätze verbucht. Allein bei Abnehmspritzen stiegen 2024 die Umsätze der beiden US-Giganten geradezu explosionsartig und wurden nur durch Lieferengpässe etwas abgebremst: Novo Nordisk setzte mit Ozempic 8,45 Milliarden US-Dollar und Eli Lilly mit Mounjaro 4,92 Milliarden um.
Auf spannende Hintergründe wie diese geht die Autorin und Aktivistin Bobby Herrmann-Thurner in ihrem Buch ein. Ausführlich zeigt sie nicht nur die strukturelle Gewalt, die hinter der vermeintlichen Sorge um die Gesundheit der Dicken steht, sondern sie erklärt auch, wie selbst aus der »Body Positivity«-Bewegung eine Strategie wurde, um weitere Profite zu erzielen. Das Buch erläutert anschaulich die generellen Mechanismen von Diskriminierung, die bei Dicken wie anderen ausgegrenzten Gruppen wirksam sind und so gesellschaftliche Ungleichheiten in einem patriarchalen kapitalistischen System zementieren.
Zornig und faktenreich ist ihr Buch eine Ermutigung an alle »Mehrgewichtigen«, sich von Scham und Selbstvorwürfen zu befreien und ihre Stimme zu erheben. Zugleich ist es ein starker Appell an Politik und Gesellschaft, dicke Menschen als Individuen mit Talenten und Stärken zu sehen, die bereichern und nicht belasten.
Bobby Herrmann-Thurner: Fat Business – Dicke sind nicht das Problem: Für eine Kehrtwende von Politik, Medizin und Wirtschaft. Kremayr & Scheriau, Oktober 2025, 25 Euro
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Norbert L. aus Mx (7. Februar 2026 um 15:58 Uhr)Für eine Zeitung mit marxistischem Anspruch ist erstaunlich, wieviel Platz beim Thema Übergewichtigkeit dem fat shaming gegeben wird, im Vergleich zum Gesichtspunkt der öffentlichen Gesundheit. So als ob Übergewicht nur ein Thema der ungestörten Persönlichkeitsentwicklung wäre! Dabei beklagen schon seit mindestens 20 Jahren auch deutsche Kinderärzte, dass sich der Beginn der allgemeinen Verfettung immer weiter ins frühe Kindesalter verlagert. Diese Klagen haben natürlich keine ästhetischen Gründe, sondern medizinische. Sollte es der jW unbekannt sein, dass starkes Übergewicht auf Dauer sehr oft mit jeder Menge gesundheitlicher Probleme verbunden ist? Angefangen von Gelenkproblemen, über Herz- und Leberverfettung, bis hin zu Herzinfarkt, Diabetes und dessen Folgen wie schwere Probleme mit den Beinen und, als gefährlichste Konsequenz, Bauchspeicheldrüsenkrebs, eine der tödlichsten Krebsformen (die Hälfte dieser Krebspatienten sind bereits spätestens ein Jahr nach der Diagnose tot – mit oder ohne Behandlung). Im Vergleich hierzu ist das Gehänseltwerden wegen umfangreicher Körperformen ziemlich harmlos (höflich formuliert). Aber wenn solider Materialismus durch kurzsichtigen subjektiven Befindlichkeits-Wokismus ersetzt wird, ist wohl keine Druckerschwärze mehr für die bei uns gängigsten Massenkrankheiten übrig. Fehlt noch, dass jW gegen Vorurteile gegen Heroinhändler zu Felde zieht, die ja doch nur Menschen Gelegenheit zur Entfaltung ihrer freien Drogenpersönlichkeit geben wollen.
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vom 06.02.2026
