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Aus: Ausgabe vom 09.01.2026, Seite 15 / Feminismus
Rezension

Zwischen Ordnung und Ausbruch

Lisa durchlebt in der Graphic Novel »Leib« sportlichen Drill und weiblichen Konkurrenzkampf
Von Mona Grosche
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Im Zentrum der Geschichte steht die zwölfjährige Lisa, die mit ihren Eltern im Berliner Prenzlauer Berg lebt. Ihre engste Freundin ist Lena, mit der sie seit sieben Jahren gemeinsam im Verein turnt. Beide wollen den Anforderungen der Trainerin genügen und sich bei Wettkämpfen bewähren. Um so größer ist Lisas Freude, als sie zum Geburtstag endlich ein eigenes Trikot mit dem Flammenmuster des Vereins bekommt und nicht mehr in einem geliehenen Turnanzug antreten muss.

Doch mit der Pubertät verändert sich vieles in Lisas Leben. Die beiden Freundinnen werden einander zunehmend fremd. Lena legt immer mehr Wert auf Äußerlichkeiten und verschreibt sich der Konkurrenz unter den Mädchen. Lisa hingegen beginnt, das System des Turnens mehr und mehr zu hinterfragen: Warum sind Geräte und Übungen nach Geschlechtern getrennt? Warum müssen Mädchen blöde Trikots tragen, die im Schritt verrutschen und so peinliche Situationen provozieren? Warum ist alles auf Drill, Disziplin und Konkurrenz ausgerichtet? Fragen wie diese lassen ihr keine Ruhe mehr.

Ausgelöst wird der Prozess durch ein Schulreferat über die kontroverse Persönlichkeit des »Turnvaters« Friedrich Ludwig Jahn. Bei ihrer Recherche stößt Lisa auf die dunklen Seiten des »Erfinders« des Turnens, mit dem er die Deutschen gegen äußere Feinde stählen wollte. Sein glühender Nationalismus, seine Fremdenfeindlichkeit, seine antisemitischen und antiziganistischen Äußerungen sowie seine maßgebliche Rolle bei der Bücherverbrennung auf dem Wartburgfest sind für Lisa Entdeckungen, die ihr die Augen öffnen. Plötzlich ist der Turnsaal kein neutraler Ort mehr und die engen Routinen, die ihr bisher Halt boten, bekommen einen schalen Beigeschmack. Doch ihre Freundin Lena interessiert das alles nicht, denn sie hat eine neue beste Freundin gefunden. Sie zeigt Lisa die kalte Schulter, sogar im Wettkampf tritt sie gegen sie an.

Lisa fühlt sich zutiefst verunsichert, denn die Fremdbestimmung im Sport erlebt sie auch in ihrem Ringen um Identität. Die gesellschaftlichen Anforderungen an das weibliche Schönheitsideal wirken durch die anderen Mädchen, Social Media und Fernsehshows wie Germany’s Next Topmodel auf sie ein: »Problematische« Körperbehaarung, Akne und die Angst, uncool zu sein, machen ihr Druck, sich der Norm anzupassen. Doch am Ende steht sie zu sich selbst und erkennt, dass man Dinge nicht so machen muss, wie sie immer schon gemacht wurden.

Mit den visuellen Möglichkeiten der Graphic Novel wird hier geschickt das belastende Vermächtnis Jahns mit Lisas Lebenswelt verknüpft. So zieht sich das Motiv des Feuers als roter Faden durch das Buch. Was mit dem Flammenmuster auf den Turnanzügen beginnt, wandelt sich im Lauf der Panels, wird zum zerstörerischen Element der Bücherverbrennung von 1817, zeigt aber auch Lisas »Brennen« – erst als Leidenschaft für den Sport, dann als Wut über die Entdeckungen und schließlich als ihr Wille, mit dem Alten zu brechen, um Platz für etwas Neues zu schaffen.

In der klaren Bildsprache der Schwarzweißzeichnungen wird der Kontrast zwischen Ordnung und Ausbruch pointiert herausgearbeitet. Die Linien in der Turnhalle sind streng und rechtwinklig, ihre Architektur »atmet« den Geist der Unterordnung – und auch die Turnerinnen wirken oft wie Rädchen im Getriebe. Doch je mehr Lisa an den Traditionen zweifelt, desto öfter bricht das klassische Panelraster auf: Die Zeichnungen werden skizzenhafter, wilder und fließender, sobald sie sich außerhalb der Halle bewegt oder ihren eigenen Gedanken folgt. So gelingt in »Leib« auch zeichnerisch die Verbindung zwischen einer privaten Selbstfindung und dem Politischen, bei der schwierige Themen wie Identität, Disziplin und historisches Erbe erlebbar werden.

Lias Sinram: Leib. Avant-Verlag, Berlin 2025, 224 Seiten, 25 Euro

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