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Albanien

Mehr als Naturschutz

Albanien: Die Proteste gegen das geplante Luxusresort aus dem Hause Trump reißen nicht ab – viele haben jegliches Vertrauen in die politische Führung verloren

Foto: Florion Goga/REUTERS
Großdemonstration in Tirana: Die Albaner wollen sich den Ausverkauf ihres Landes nicht mehr bieten lassen (13.6.2026)

Es ist der achte Tag der Proteste gegen das geplante Luxusresort von Jared Kushner in Albanien, als mein Flugzeug in Tirana aufsetzt. Noch bevor ich das Terminal erreiche, ist der Konflikt präsent. Neben mir verfolgt eine Frau die Nachrichten auf ihrem Handy. Die Moderatorin spricht von »Ausschreitungen«, den »größten Protesten seit Jahren«. Durch das Kabinenfenster scheint die Mittagssonne auf die Berge rund um die Hauptstadt. Nichts deutet darauf hin, dass nur wenige Stunden entfernt Tausende Menschen gegen eines der fragwürdigsten Bauprojekte des Landes auf die Straße gehen.

Das Luxusresort soll auf Sazan entstehen, einer ehemals vom Militär als Festung genutzten Insel vor der albanischen Küste. In wenigen Tagen werde ich an den berühmten Stränden der Albanischen Riviera liegen. Das Wasser dort schimmert türkis, die Buchten ziehen jeden Sommer Hunderttausende Touristen an. Nur wenige Kilometer vor der Küste, zwischen dem Ionischen Meer und der Bucht von Vlorë, soll eines der ambitioniertesten Tourismusprojekte des Landes verwirklicht werden – ein Projekt, das mit den Namen von Ivanka Trump und Jared Kushner verbunden ist, der Tochter und dem Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump. In westlichen Medien dreht sich die Debatte häufig um Naturschutz, Flamingos und die Zukunft einer weitgehend unberührten Insel. Doch bei Gesprächen mit jungen Albanern treten oft andere Sorgen in den Vordergrund.

In Durrës, der zweitgrößten Stadt des Landes, spreche ich nach dem Abendessen mit Edison. Er ist Student, arbeitet nebenbei als Kellner und betrachtet das Vorhaben mit Skepsis. »Meiner Meinung nach ist das mehr als nur ein Luxusresort«, sagt er. »Die Insel Sazan hatte schon immer eine geostrategische Bedeutung und wurde für militärische Zwecke genutzt. Ich denke, die Amerikaner werden die Insel nutzen, um ihren Einfluss in der Region auszubauen.« Ob diese Einschätzung zutrifft oder nicht – sie zeigt, dass viele Albaner in dem Projekt weit mehr sehen als eine Investition in den Tourismus. Für sie geht es auch um die Frage, wem die Küste gehört, wer über die Entwicklung des Landes entscheidet und welche Interessen hinter den milliardenschweren Investitionen stehen.

Im weiteren Verlauf unseres Gesprächs wird deutlich, wie tief das Misstrauen gegenüber Politik und staatlichen Institutionen sitzt. »In Albanien weißt du, dass die Investitionen nicht dort ankommen, wo sie sollten«, sagt Edison mit hörbarer Wut in der Stimme. »Sie landen in den Taschen der Politiker. Keine der Parteien handelt im Interesse der einfachen Leute.«

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Dieses fehlende Vertrauen kanalisiert sich auf den Straßen Tiranas. Als ich einige Tage später die Albanische Riviera erreiche, ist bereits der zwölfte Tag der Proteste angebrochen. Die Demonstrationen reißen nicht ab, doch die Regierung zeigt sich unnachgiebig. Premierminister Edi Rama hält an den Plänen fest und unterstützt das Projekt weiterhin. Gegenüber Reuters erklärte er wenige Tage zuvor: »Ich sage euch, das wird ein großartiges Projekt, und wir werden es umsetzen. Wir werden stolz darauf sein, damit einen Beitrag für Europa zu leisten.«

Zwischen den türkisfarbenen Buchten der Riviera und den Protesten in den Städten des Landes verläuft die politische Bruchlinie. Für die Regierung steht das Resort für Investitionen, Wachstum und internationale Aufmerksamkeit. Für viele seiner Gegner ist es dagegen ein Symbol für ein politisches System, das über die Köpfe der Bevölkerung hinweg entscheidet.

Beim Abendessen in den Bergen des Ceraunischen Gebirges läuft im Fernseher ein Bericht aus Tirana. Tausende Menschen ziehen mit albanischen Flaggen durch die Straßen der Hauptstadt. Studierende, Arbeiter und Rentner demonstrieren Seite an Seite. Ein riesiges Transparent mit der Aufschrift »Albania is not for sale« ragt über den Protestzug.

Ich frage eine albanischsprachige Frau am Nebentisch, worüber der Redner spricht, der gerade auf dem Bildschirm zu sehen ist. Sie übersetzt einige Passagen für mich. Der Mann kritisiere die Regierung, sagt sie, und rufe die Menschen dazu auf, die Proteste fortzusetzen.

Obwohl sich die Demonstrationen vor allem auf Tirana konzentrieren, sind sie im ganzen Land Gesprächsthema. In Restaurants, Cafés und an den Stränden wird über das Resort, die Regierung und die Zukunft des Landes diskutiert. Der Widerstand gegen das geplante Luxusprojekt ist längst über die Frage des Naturschutzes hinausgewachsen. Für viele Menschen steht es inzwischen sinnbildlich für Korruption, politische Vetternwirtschaft und ein Establishment, dem sie nicht mehr vertrauen.

Je länger ich mich in Albanien aufhalte, desto deutlicher wird, dass sich hinter dem Streit um eine Insel ein tiefer liegender Konflikt verbirgt: die Frage, wer über die Zukunft des Landes entscheidet – internationale Investoren und politische Eliten oder die Menschen, die hier leben. Während die Sonne hinter den Bergen der Riviera verschwindet und die Nachrichten erneut Bilder aus Tirana zeigen, wirkt die Insel Sazan plötzlich weit entfernt. Und doch hat sich an ihr eine Debatte entzündet, die das ganze Land erfasst hat.

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.06.2026, Seite 7, Ausland

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