Armut bleibt ein Leben lang
Rapjournalistin Miriam Davoudvandi legt ein klassenkämpferisches Buch vor und entlarvt Chancengleichheit als Mythos
Geschichten vom sozialen Aufstieg sind in den Medien sehr beliebt. Vom Tellerwäscher zum Millionär, vom unbekannten Gesangstalent zur »Voice of Germany« oder vom Startup in der Garage zum Konzernchef. Miriam Davoudvandi hat so eine Entwicklung durchlaufen. Sie hat es geschafft – obendrein noch als Frau –, trotz ihrer Jugend im »Ghetto« Podcastmoderatorin und Deutschlands bekannteste feministische Rapjournalistin zu werden. Gerne werden uns Frauen wie sie als Beweis präsentiert, dass es hierzulande alle schaffen können – wenn sie oder er es nur will.
Doch Davoudvandi hat sich nun daran gemacht, mit dem Mythos der Chancengleichheit in der Bundesrepublik gründlich aufzuräumen. In ihrem Buch »Das können wir uns nicht leisten« zeichnet sie ein eindrückliches Bild davon, warum Armut ein Stigma ist, das ein Leben lang anhaftet. Deutlich zeigt sie an der eigenen Biographie, dass ein Entkommen aus der Mittellosigkeit von vielen, oft zufälligen Faktoren abhängt und keineswegs allein mit Disziplin und Willenskraft zu bewerkstelligen ist. Sie berichtet von den unzähligen Hürden, die ihr Leben als Arbeiterkind prägten und von den psychischen Folgen, die diese Erfahrungen bis heute für sie haben.
Davoudvani kam mit sechs Jahren als das dritte Kind eines Iraners und einer Rumänin aus Bukarest nach Deutschland. Hier müssen sich die Eltern trotz guter Ausbildung mit Jobs für Ungelernte durchschlagen, so dass Davoudvani den titelgebenden Satz in ihrer Kindheit immer und immer wieder von ihnen zu hören bekommt. Das sauer verdiente Geld reicht gerade mal fürs Notwendigste – und manchmal nicht einmal für das.
Doch in diesem Buch geht es nicht um Elendsromantik oder voyeuristische Zurschaustellung dessen, wie es ist, in einem »Assiviertel« aufzuwachsen, Kleidung anderer zu tragen und sich selbst und die eigenen Wünsche kleinzuhalten, um den abgearbeiteten Eltern nicht wehzutun. Es geht vielmehr darum, aufzuzeigen, was ein solches Leben mit den Menschen macht, die ihm ausgeliefert sind. Dass es wenig hilft, wenn sie sich abstrampeln, um aus einer Tretmühle herauszukommen, bei der sich alles ums Geld dreht, und dass ihre alltäglichen Sorgen keinen Platz für »Selbstfürsorge« oder »Work-Life-Balance« lassen.
Die einzige Rettung aus der Misere scheinen insbesondere für Mädchen gute Noten zu sein. Doch Kinder wie Miriam treffen auch als Einserschülerinnen nur zu oft auf Lehrer, die ihnen den Zugang zum Gymnasium verweigern wollen. Die Autorin schafft es – im Gegensatz zu ihren Freundinnen – zwar trotzdem, doch wird dort erst recht klar, wer dazugehört und wer nicht. Fortan tut sie alles, um niemals jemanden nach Hause mitnehmen oder ihr Umfeld offenbaren zu müssen. Unaufgeregt und ohne Selbstmitleid berichtet sie so vom ständigen Auf-der-Hut-Sein, von verschiedenen Rollen, die sie annehmen muss – so dass sie nach außen hin zwar blendend funktioniert, aber ihr selbst bis ins Studium hinein nicht klar ist, wer sie eigentlich ist.
Viel wichtiger, als ihre eigene Geschichte zu erzählen, ist es ihr aber, den Rahmen darzustellen, den Armut für Millionen Menschen hierzulande bildet. In den einzelnen Kapiteln zu unterschiedlichen Lebensbereichen – die alle mit »Armut und …« beginnen und denen ein Zitat aus einem Rapsong vorangestellt wird – dekliniert sie durch, was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein. Auf diese Weise macht sie die zahlreichen strukturellen Ungleichheiten deutlich, die kaum wahrgenommen werden: etwa mangelnde gesundheitliche Versorgung, Ausschluss vom sozialen und kulturellen Leben, schlechte Chancen für den Berufsstart oder physische und psychische Folgen der anhaltenden Existenzsorgen. Scharfsinnig, analytisch und mit Biss zeigt sie auf, dass die Entwicklung eines neuen kämpferischen Bewusstseins dringend notwendig ist, um an dieser strukturellen Schieflage etwas zu ändern: Psychische Gesundheit für alle »schaffen wir nicht mit Achtsamkeitskursen, sondern mit Klassenkampf«.
Leidenschaftlich und mit Fakten untermauert bringt sie in Erinnerung, dass nach wie vor das Private politisch ist und die Linie der Spaltung unserer Gesellschaft zwischen oben und unten verläuft. Wer dieses Buch als »Assi« oder Arbeiterkind liest, wird sich freuen, eigene Erfahrungen und Empfindungen ehrlich widergespiegelt zu sehen. Aber es ist auch eine dringende Lektüreempfehlung an alle, die sich zum Mittelstand zählen, jedoch faktisch dem Obdachlosen näher sind als dem Konzernchef.
Miriam Davoudvandi: Das können wir uns nicht leisten. Was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein. Btb-Verlag, München 2026, 256 Seiten, 18 Euro
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