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Das jugoslawische Auschwitz
Im faschistischen Kroatien wurden in Jasenovac Zehntausende Serben, Juden, Roma und Kommunisten ermordet. Vor 85 Jahren wurden die ersten Gefangenen in das Lager verschleppt
Es gibt Orte, die zu Symbolen werden. Ihre Bedeutung reicht weit über die Stadt oder das Dorf hinaus. Für die Region des ehemaligen Jugoslawiens ist Jasenovac ein solcher Ort. Die Kommune mit eigenem Bahnhof liegt nahe der Grenze zu Bosnien-Herzegowina am Fluss Save. Hier befand sich von August 1941 bis Anfang Mai 1945 das größte Konzentrationslager auf dem Balkan. Es wurde nicht von den deutschen Faschisten, sondern von der Ustaša, ihrem kroatischen Handlanger, betrieben (Ustaša kann sowohl die Organisation als auch ein einzelnes Mitglied bezeichnen. Im Plural werden die Mitglieder Ustaše genannt, jW). Für Serben, Juden und Roma steht Jasenovac synonym für den Völkermord während des Zweiten Weltkriegs. In Deutschland, das sich gern seiner Erinnerungskultur rühmt, ist diese Geschichte fast unbekannt, obwohl ohne die Nazis Jasenovac nicht möglich gewesen wäre.
Mit dem Überfall der Wehrmacht auf das Königreich Jugoslawien am 6. April 1941 begann der Zweite Weltkrieg auch auf dem westlichen Balkan. Nur vier Tage nach dem Einmarsch wurde in Zagreb der Unabhängige Staat Kroatien ausgerufen. In dem auf kroatisch mit den drei Buchstaben NDH (Nezavisna Država Hrvatska) abgekürzten Staatsgebilde wurde die Ustaša an die Macht gebracht. Dabei handelte es sich zu diesem Zeitpunkt um eine wenige tausend Mann umfassende, faschistische, militante Organisation. Der Name bedeutet übersetzt »Aufständische«, ihr Anführer war der Anwalt und Politiker Ante Pavelić.
Die Geschichte der Ustaša ist eng mit dem Untergang des ersten Jugoslawiens verbunden. Der gemeinsame Staat der südslawischen Völker befand sich in den 1920er Jahren in einer tiefen Krise. Vor allem die kroatischen Kräfte, allen voran die Bauernpartei, forderten mehr Eigenständigkeit. Mit der Ausrufung der Königsdiktatur im Jahr 1929 verlor Pavelić seinen Sitz im Parlament und ging daraufhin ins Exil. Dort gründete er die Ustaša und knüpfte Kontakte zu anderen jugoslawischen Separatisten sowie zu faschistischen Kräften in Europa. Von seinen Anhängern ließ er sich als »Poglavnik« (Führer) anreden.
Im von Mussolinis Schwarzhemden beherrschten Italien wurden die kroatischen Nationalisten mit offenen Armen empfangen. Dort und im reaktionären Ungarn von Miklós Horthy hatte die Ustaša Ausbildungslager für ihre Milizionäre. Diese waren zu allem bereit. Das stellten sie am 9. Oktober 1934 in der französischen Hafenstadt Marseille unter Beweis, als sie am tödlichen Attentat auf den jugoslawischen König Aleksandar beteiligt waren.
Das Ziel hieß Großkroatien
Am 17. April 1941 war Pavelić am Ziel. Er wurde zum Staatsoberhaupt des NDH ernannt. Ursprünglich wollten die deutschen Faschisten den Chef der kroatischen Bauernpartei auf diesem Posten sehen, doch dieser hatte abgelehnt. An der Spitze des Marionettenstaats stand nun ein Getreuer Mussolinis, der jedoch vom Wohlwollen der Deutschen abhängig war. Souverän war das Gebilde somit von Anfang an nicht. Bereits in den ersten Monaten wurde das Staatsgebiet gestutzt. Die Propagandisten eines Großkroatiens übergaben die Kontrolle über die dalmatinische Küste mitsamt der dazugehörigen Inseln sowie Istrien an Italien. Rom und Berlin bekamen zudem Zugriff auf Rohstoffe und Arbeitskräfte. Ferner musste das Regime in Zagreb Soldaten für den Feldzug gegen die Sowjetunion und den Kampf gegen die jugoslawische Widerstandsbewegung stellen.
Das Ziel der Ustaša war ein homogenes, sprich katholisches Großkroatien. Die Historikerin Marie-Janine Calic beschreibt in ihrer »Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert« die Motive der Ustaša als »eine komplexe Gemengelage aus antiserbischen Ressentiments und faschistischer Ideologie, alten Rachegelüsten und neuen Feindwahrnehmungen, aber auch militärischen, herrschaftstechnischen und wirtschaftlichen Interessen«. Zu Feinden wurden nicht nur die Serben, die dominante Gruppe im untergegangenen Königreich, sondern auch Juden, Roma, Kommunisten, Freimaurer und jugoslawisch gesinnte Kroaten erklärt. Bereits am 10. April begannen die Ustaša mit der Verfolgung.
Bereits Anfang Mai 1941 machte NDH-Minister Milovan Žanić keinen Hehl aus den kommenden Verbrechen: »Dies muss das Land der Kroaten sein und von niemandem sonst«, so Žanić. »Es gibt kein Mittel, das wir, die Ustaša, nicht einsetzen würden, um dieses Land wirklich kroatisch zu machen und es von Serben zu säubern, die uns jahrhundertelang bedroht haben.« Die Feinde hatte der Minister klar benannt: die größte Minderheit des Landes, die Serben. Sie wurden nun brutal verfolgt, weil sie einem homogenen Kroatien im Wege standen. Zugleich wollten die Faschisten Rache für die Politik der Königsdiktatur nehmen. Außerdem spielte ein weiteres Element eine wichtige Rolle. Durch die Bekämpfung der Feinde konnte die eigene Herrschaft legitimiert werden. Dies wurde im Laufe des Jahres 1941 immer wichtiger. Denn nach der anfänglichen Euphorie im Zuge der vermeintlichen kroatischen Unabhängigkeit stand die Bevölkerung der Ustaša zunehmend ablehnend gegenüber.
Die Verfolgung der Serben basierte auf drei Elementen. Die in München lehrende Geschichtsprofessorin Calic fasst diese als »eine gnadenlose Assimilierungs-, Vertreibungs- und Vernichtungspolitik« zusammen. So wurden serbische Vereine verboten und die kyrillische Schrift aus der Öffentlichkeit getilgt. Außerdem wurden gemischte Ehen annulliert, Bauern wurde ihr Land weggenommen und Plünderungen und Morde wurden organisiert. Massaker von Ustaša-Milizen fanden in Kroatien und Bosnien-Herzegowina statt. Tausende Menschen fielen ihnen zum Opfer. Um dem Terror zu entkommen, flohen in den wenigen Monaten nach der Machtübergabe an die Ustaša mehr als 100.000 Serben aus Kroatien, viele von ihnen in das von den Nazis besetzte Serbien. Ebenso fanden rund 250.000 Zwangstaufen von serbisch-orthodoxen Gläubigen zum Katholizismus statt, und serbische Kinder wurden ihren Eltern weggenommen und zu katholischen Familien gegeben.
Wie unter den Nazis und den italienischen Faschisten wurde auch in Kroatien ein System aus Lagern errichtet. Während sie anfangs von lokalen Ustaša-Einheiten und dem Innenministerium kontrolliert wurden, unterstanden sie ab Mai 1941 einer zentralen Stelle. Dies war die von Eugen Kvaternik, genannt Dido, gegründete »Direktion für öffentliche Ordnung und Sicherheit«, die Anfang 1943 in die »Hauptdirektion« umgewandelt wurde. In diesem Zusammenhang sind besonders zwei weitere Namen wichtig: Mijo Babić schuf das Lagersystem der Ustaša. Er kam im Juli 1941 ums Leben. Auf ihn folgte Vjekoslav Luburić, genannt Maks. Der von Zeitzeugen als Sadist beschriebene Luburić war Kommandant des Lagers Jasenovac und leitete maßgeblich die Verfolgung und Vernichtung der Serben, Juden und Roma in der NDH.
Von Nazis gelernt
Ein erstes System von Lagern wurde im Velebit-Gebirge an der kroatischen Küste errichtet. Dabei wurde auch die vorgelagerte Insel Pag einbezogen, wo zwei Lager, eines für Männer und eines für Frauen, errichtet wurden. Ab Juni 1941 wurden zuerst Juden und später auch Serben in die Lager verschleppt. Sie wurden unter unmenschlichen Bedingungen eingesperrt, massenhaft ermordet, und die Leichen wurden im unzugänglichen Karstgebirge verscharrt. Weil die Grausamkeiten in der Umgebung schnell bekannt wurden und zu Aufständen in der lokalen serbischen Bevölkerung führten, schritten die Italiener ein. Sie hatten die Oberhand über dieses Gebiet und drängten zur Schließung der Lager. Wie viele Menschen im Velebit und auf Pag Opfer der Gewalt wurden, ist heute nicht mehr zu rekonstruieren, denn entsprechende Dokumente wurden vernichtet. Schätzungen gehen jedoch von bis zu 24.000 Ermordeten aus.
Nach der Auflösung des Komplexes Velebit-Pag suchte die Ustaša einen neuen Ort. Geheimpolizeichef Kvaternik ließ das Lager auf dem Industriegelände bei Jasenovac errichten. Vor allem drei Gründe sprachen für diesen Ort. Erstens lag das Gebiet geographisch günstig, denn es ist flaches und von Flüssen umgebenes Marschland, wodurch es überschaubar und für mögliche Angreifer schwer zugänglich war. Dies ist auch der Grund, warum es keinen Befreiungsversuch der Partisanen gab. Die umliegenden Sümpfe schirmten das Lager einerseits von außen ab und machten andererseits Fluchtversuche unmöglich. Zweitens war Jasenovac an die Eisenbahnlinie Zagreb–Sisak–Novska angebunden, so dass Häftlinge dorthin einfach verschleppt und die Milizen versorgt werden konnten. Drittens gab es bereits vorhandene Industrieanlagen wie ein Sägewerk, eine Ziegelei, eine Mühle und ein Kraftwerk zur Stromerzeugung. Dies diente der Ustaša als Rechtfertigung; das Regime behauptete, es wolle das Gebiet urbar machen, wofür viele Arbeitskräfte benötigt würden.
Insgesamt gehörten im Laufe des Bestehens fünf Lager zu dem System Jasenovac. Im Juli 1941 wurde das »Lager I« neben dem Dorf Bročice, einige Kilometer nordöstlich von Jasenovac, errichtet. Die ersten Insassen, jüdische und serbische Männer, kamen am 21. August aus den aufgelösten Lagern auf der Insel Pag und am Velebit nach Jasenovac. Unweit davon, in der Nähe des Dorfes Krapje, wurde das zweite Lager errichtet. Das dritte Lager, auch »Ziegelei« genannt, war das »eigentliche« Lager und befand sich am Rande der Stadt. Dort wurde Anfang 1942 das als »Gerberei« bezeichnete »Lager IV« errichtet. Im gleichen Zeitraum wurde auch das einige Kilometer entfernt gelegene ehemalige Gefängnis in Stara Gradiška an das Lagersystem angeschlossen. Ein weiterer Teil des Komplexes war Donja Gradina auf der gegenüberliegenden Seite der Save. Dort fanden Massentötungen statt – Zehntausende Menschen wurden in Massengräbern verscharrt. Die Historikerin Marija Vulesica beschreibt Jasenovac aufgrund der unterschiedlichen Verwendungen als »Sammel-, Konzentrations-, Arbeits- und Vernichtungslager«.
Vjekoslav Luburić war maßgeblich für die Organisation des Lagersystems verantwortlich. Aufgrund seiner Brutalität wurde er als »Metzger von Jasenovac« bezeichnet. Der überzeugte Ustaša besuchte im September 1941 das deutsche Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg. Dort lernte er den Aufbau des Lagers sowie verschiedene Möglichkeiten des Mordens kennen. Dies wollte er auf Jasenovac übertragen. So legte Luburić fest, dass das Lager immer nur 3.000 Insassen zählen durfte. Damit war die Tötungsmaschinerie in Gang gesetzt, denn mit der Auflösung anderer Lager wurden immer mehr Menschen nach Jasenovac deportiert. Im April 1942 wurde das Morden durch die Meldung aus dem Poglavnik-Hauptquartier, das Lager könne unbegrenzt Gefangene aufnehmen, noch verstärkt. Damit wurde die Zahl derjenigen in die Höhe getrieben, die nach Jasenovac geschickt wurden. Zugleich machte sich die Ustaša vor Ort daran, die von Luburić ausgegebene Zahl einzuhalten.
Drei Völkermorde
Anders als in den von den Nazis betriebenen Vernichtungslagern erfolgte die systematische Tötung der Häftlinge in Jasenovac nicht in Gaskammern. »Die Internierten starben in der Regel durch Folter, Prügel, Erstechen, Hammerschläge auf den Kopf, Krankheiten und Hunger«, fasst die Historikerin Vulesica die begangenen Greueltaten zusammen. Zudem herrschten unhaltbare hygienische Zustände. Lebensmittel wurden gezielt knapp gehalten, wodurch monatlich durchschnittlich 2.000 Menschen verhungerten. Zum Einsatz von Gas zur Ermordung soll es indes lediglich im Sommer 1942 gekommen sein, als damit mehrere hundert Kinder getötet worden seien. »Vermutlich experimentierte die Lagerführung mit der Tötung durch Gas, setzte es jedoch nicht systematisch ein«, so Vulesica.
Jasenovac war Teil dreier Völkermorde: des Holocausts an den Juden, des Porajmos an den Roma und des Massenmords an den Serben. Die Ustaša hatte Gesetze, die sich an den Nürnberger »Rassegesetzen« orientierten, ebenfalls im NDH eingeführt, wobei Pavelić und sein Stellvertreter Kvaternik selbst mit Frauen jüdischer Herkunft verheiratet waren. Im August 1941 gab es die ersten Massentransporte von Juden nach Jasenovac, in den folgenden Jahren wurden immer wieder Juden dorthin gebracht. Rund die Hälfte der kroatischen Opfer des Holocaust wurden hier ermordet. Die andere Hälfte wurde ab Mitte des Jahres 1942 von den Nazis nach Auschwitz deportiert.
Unter den 53 Objekten des Komplexes befand sich auch ein Roma-Lager. Eine der größten Mordaktionen gegen diese Gruppe fand im Mai und Juni 1942 statt: Mehr als 10.000 Menschen wurden nach Jasenovac deportiert und direkt nach der Ankunft ermordet. Im Sommer desselben Jahres kam es ebenfalls zu einem Massenmord an Serben: Im Zuge der Offensive gegen die jugoslawischen Partisanen im nahegelegenen Kozara-Gebirge wurden rund 15.000 Menschen, darunter Frauen und Kinder, gefangengenommen und nach Jasenovac deportiert. Auch sie wurden bei Ankunft ermordet.
Als die Partisanenbewegung im Frühjahr 1945 bereits große Teile des Landes befreit hatte, bereiteten die Ustaše ihren Rückzug vor. In Jasenovac wurde im April mit der Auflösung des Lagers begonnen. Nach einer letzten Massenhinrichtung von Frauen versuchten am 22. April rund 600 Insassen aus dem Lager zu fliehen. Das gelang nur etwa hundert von ihnen; die übrigen wurden bei dem Versuch von den Faschisten ermordet. So erging es auch den restlichen Gefangenen, die sich nicht an dem Ausbruch beteiligt hatten. Anschließend vernichtete die Ustaša Dokumente und Unterlagen, die von ihren Verbrechen zeugten. Am 2. Mai erreichten Einheiten der Partisanen das niedergebrannte Lager.
Juristische Aufarbeitung
Obwohl das faschistische Kroatien unter Pavelić von Italien und Deutschland abhängig war, »können der Terror und die Vernichtungsabsicht gegenüber Serben, Juden und Roma nicht als Konzession vor allem an Deutschland abgetan werden«, resümiert die Historikerin Marija Vulesica über die massenhaften Verbrechen. Die Ustaše hätten bereits aus dem Exil heraus keinen Hehl aus ihrem antiserbischen Rassismus und Antisemitismus gemacht. »Die Geschwindigkeit, mit der die Ustaša an die Vernichtung von Serben und Juden ging, und die Brutalität, die sich vor allem, aber nicht nur in den Lagern offenbarte, sind ein eindeutiges Indiz dafür, dass Pavelićs Ustaša freiwillig und bereitwillig die Ermordung der von ihnen als Feinde betrachteten ethnischen Gruppen und politischen Gegner durchführte«, so Vulesica.
Nach dem Krieg bestand für die von der Kommunistischen Partei Jugoslawiens angeführten Partisanen unter Josip Broz Tito die Aufgabe, Gerechtigkeit für die Opfer herzustellen und ihrer zu gedenken. Ersteres war schwierig, denn viele Faschisten hatten sich, teils mit Hilfe des Vatikans, ins Ausland abgesetzt. Dazu zählte auch Pavelić selbst, der im franquistischen Spanien aufgenommen worden war. Dorthin war auch Vjekoslav Luburić geflohen. Doch anders als sein »Poglavnik«, der 1959 in Madrid eines natürlichen Todes starb, wurde der »Schlächter von Jasenovac« am 20. April 1969 bei Valencia ermordet. Bis heute halten sich Gerüchte, wonach der jugoslawische Geheimdienst dahintergesteckt haben könnte. Eugen Kvaternik gelang es hingegen, nach Argentinien zu entkommen. Sein Vater, der langjährige Pavelić-Vize Slavko Kvaternik, wurde ebenso von der jugoslawischen Justiz zur Rechenschaft gezogen wie der ehemalige Jasenovac-Kommandant Ljubo Miloš. Beide wurden zum Tode verurteilt.
In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg lag das Gedenken an Jasenovac in den Händen der Opfer und der umliegenden Gemeinden. In den 1950er Jahren nahm sich der Veteranenverband der Partisanen des Ortes als Symbol des faschistischen Massenterrors an. Nach einer Diskussion über ein Mahnmal wurde schließlich im Jahr 1960 der Entwurf des Architekten und späteren Belgrader Bürgermeisters Bogdan Bogdanović ausgewählt. Tito soll sich persönlich dafür ausgesprochen haben. Bogdanović gehörte zu den innovativsten Architekten seiner Zeit. Seine organisch-abstrakten Formen verbanden konkretes Gedenken mit einer sozialistischen Utopie. Als Material diente dabei meist Beton.
Für das Denkmal in Jasenovac entschied sich Bogdanović dagegen, die dort begangenen Greueltaten darzustellen. Statt dessen entwarf er eine 24 Meter hohe und 36 Meter breite steinerne Blume mit einer Krypta im Inneren. Die Blume soll einer Pflanzenart angehören, die in den Sümpfen der Gegend vorkommt. Sie symbolisiert den Triumph des Lebens über den Tod und die daraus folgende Wiedergeburt, aber auch Versöhnung und die Überwindung des Leidens durch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Am 4. Juli 1966 wurde das Denkmal der Öffentlichkeit übergeben, Tito war jedoch nicht anwesend. Zwei Jahre später wurde auf dem Areal auch ein Bildungszentrum eröffnet.
Revisionismus und Relativierung
Für die kroatische Rechte waren Jasenovac und insbesondere die Zahl der Opfer Ziele ihres Geschichtsrevisionismus. Maßgeblich trug Franjo Tuđman dazu bei. Der ehemalige General der Partisanen wandelte sich in den 1970er Jahren zum kroatischen Nationalisten und wurde später Präsident des unabhängigen Kroatiens. Während in Jugoslawien die Zahl der Opfer in Jasenovac aufgrund nach dem Krieg rasch erstellter Statistiken mit 700.000 angegeben wurde, sprach Tuđman 1989 in einem Buch lediglich von 30.000 bis 40.000 Getöteten. Die Opferzahl wurde zum Politikum, um eine neue nationalistische Politik und die Verbrechen bei der blutigen Zerschlagung des sozialistischen Jugoslawiens zu rechtfertigen. In der historischen Forschung geht man mittlerweile von bis zu 100.000 Ermordeten aus. Namentlich bekannt sind 83.145 Opfer. Die Mehrheit von ihnen waren Serben (47.627), zudem wurden rund 16.000 Roma und 13.000 Juden ermordet. Fast ein Viertel der Toten waren Kinder (20.101) und Frauen (23.474).
In Serbien ist der Völkermord an der orthodoxen Bevölkerung durch die Ustaša während des Zweiten Weltkriegs fester Bestandteil der Erinnerungskultur und -politik. Die kroatische Rechte versucht hingegen, die Verbrechen in der Zeit des NDH zu relativieren, und spricht mitunter vom »Jasenovac-Märchen«. So wurde die Gedenkstätte während der kriegerischen Zerstörung Jugoslawiens in den 1990er Jahren Ziel von Angriffen, wobei die Ausstellung zerstört wurde. 2006 wurde sie wiedereröffnet, sie steht aber von serbischer Seite in der Kritik, da die Opferzahlen als zu niedrig angesehen werden. In der Gedenkstätte auf der anderen Seite der Save in der bosnischen Republika Srpska wird hingegen weiterhin von 700.000 Toten gesprochen. Ein Austausch zwischen den Institutionen findet nicht statt.
Jasenovac war das einzige Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg, das nicht von den Nazis betrieben wurde. Die Ustaše waren von ihrer eigenen Ideologie getrieben, die sie zu unvorstellbaren Verbrechen anstachelte. Das von Tuđman gegründete Kroatien musste einen Umgang damit finden, denn von Zagreb wurde erwartet, dass es der Opfer gedenkt. Zu diesem Zweck kommt die Staatsspitze jährlich am 22. April, dem Tag des Fluchtversuchs 1945, in Jasenovac zusammen und legt Kränze ab.
Jüdische und serbische Verbände, Antifaschisten sowie linke Parteien boykottieren die Veranstaltung. Grund dafür ist eine im Jahr 2016 unweit der Gedenkstätte im Ort Jasenovac angebrachte Plakette für Veteranen der Kriege in den 1990er Jahren. Auf dieser ist auch der von der Ustaša verwendete Gruß »Für die Heimat bereit« zu lesen. Die seit 2015 wieder regierende Partei HDZ sieht darin kein Problem. Vielmehr gehört die von Tuđman gegründete Partei zu den treibenden Kräften, wenn es darum geht, die Geschichte nationalistisch umzuschreiben. Dabei werden die Verbrechen der Ustaša relativiert und trotz dünner Beweislage die Vergehen der als serbisch denunzierten Partisanen überhöht.
Wie auch in anderen Ländern ist das offizielle Gedenken an die Opfer des Faschismus mittlerweile inhaltlich ausgehöhlt. Es ist eine eingeübte Pflichtübung der EU- und NATO-treuen politischen Szene, während gleichzeitig nationalistische Kräfte kyrillische Straßenschilder zerstören, es Todesdrohungen gegen Vertreter der serbischen Minderheit gibt, Roma diskriminiert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden und antisemitische sowie die Ustaša verherrlichende Graffiti auf Denkmälern und Häuserwänden folgenlos bleiben.
→ Roland Zschächner schrieb an dieser Stelle zuletzt am 29. November 2025 über die Ausrufung der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien vor 80 Jahren: »Aus dem Kampf geboren«.
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Doris Prato 21. Aug. 2026 um 15:39 UhrNach Kriegsende verhalf Papst Pius XII. dem Chef des faschistischen Ustascha-Regimes, Ante Pavelic, mit fast seiner gesamten Regierung auf der sogenannten Rattenlinie zur Flucht nach Südamerika. Im Vatikan bildete Kardinal Battista Montini, der spätere Papst Paul VI., zur Rettung für die Ustascha-Faschisten mit dem Pavelic-Vertrauten Krunoslav Draganovic im Kloster San Girolamo in Rom extra für diese eine »kroatische Sektion« (nachzulesen in Uki Goni: Odessa. Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher, Berlin 2006). Wenigstens 300 der ausgeschleusten Faschisten waren bereits in Europa abgeurteilte oder angeklagte Kriegsverbrecher. Allein etwa 50.000 Deutsche und Kroaten konnten nach Argentinien entkommen, das zur Zeit des Faschismus in Deutschland ein Nazieldorado bildete. Von den fast 40.000 dort lebenden Deutschen waren die meisten aktive Anhänger des Hitlerregimes gewesen. Die NSDAP-Organisation in Argentinien war eine der stärksten Auslandsorganisationen Hitlerdeutschlands und Buenos Aires Zentrale der faschistischen Propaganda und der Spionage für ganz Südamerika. Unter Juan Peron, einem Bewunderer Hitlers und Mussolinis, der Argentinien von 1946 bis 1955 als Präsident regierte, wurde das Land zu einem neuen Paradies für geflohene Naziverbrecher. Zu Montinis Helfern bei der Fluchthilfe gehörte der SS-Sturmbannführer Karl Hass, der zusammen mit dem SS-Chef von Rom, Herbert Kappler, und dessen Stellvertreter Erich Priebke u. a. an der Ermordung der 335 Geiseln im März 1944 in den Ardeatinischen Höhlen bei Rom beteiligt war. Laut 1975 in Washington freigegebenen Aufzeichnungen von Beamten des Finanzministeriums hatte der Vatikan bei Kriegsende vom faschistischen Ustascha-Regime Gold im Werte von 250 Millionen Schweizer Franken »in Verwahrung« genommen haben. Das wurde durch Unterlagen des OSS (Vorläufer der CIA) belegt. Die 250 Millionen stammten aus dem Vermögen von insgesamt 350 Millionen Schweizer Franken von mehreren Hunderttausend Serben, Juden, Sinti und Roma sowie oppositionellen Kroaten, die das Ustascha-Regime von 1941 bis 1945 umbrachte. 100 Millionen hatten britische Truppen an der Grenze zwischen Österreich und der Schweiz bei Kriegsende sichergestellt.
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Der Artikel ist sehr informativ und faktenreich. Lediglich eine wichtige Tatsache wird nicht gebührend ausgeführt, dass es sich bei dem Ustaša-Regime um ein klerikalfaschistisches Regime handelte. Der römisch-katholische Klerus, Priester, besonders Franziskaner und Mönche, beteiligte sich aktiv am Regime, am Betrieb des KZ Jasenovac, an Zwangsmissionierungen und an ethnischen Säuberungen, die sich vor allem gegen orthodoxe Serben, Roma und Juden richteten – und natürlich gegen »ungläubigen« die Linken. Pavelic und viele seiner Mitverbrecher entgingen ihrer Bestrafung durch die Flucht mit Hilfe der vatikanischen »Rattenlinie«. Literatur hierzu: Karlheinz Deschner: Mit Gott und den Faschisten (Stuttgart 1965) und Vladimir Dedijer: Jasenovac – das jugoslawische Auschwitz und der Vatikan (Freiburg i.B. 1988). Heiner Jestrabek
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
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