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Literatur

Durchboxen in Belgrad

Der eigene Kompass: Maja Iskras Roman »Uppercut« über weibliche Solidarität auf dem Balkan in den harten 90ern

Foto: IMAGO
»Kleine, wer als Kind Abschaum war, bleibt ein Leben lang Abschaum«

»Schön hier, aber waren Sie schon mal in …?« Die Aufkleber kennt jeder von Kneipenklos, es geht um öde Orte. Waren Sie also beispielsweise einmal im Ruhrgebiet? Schlimmer noch ist Baden-Württemberg. Vielleicht fragt irgendwo auch wer nach Dorćol, ausgesprochen Dortschol, mit kurzen Vokalen. Wer mal in Belgrad war, kennt den Stadtteil. Reiseführer und Travelinfluencer loben den Charme aus osmanischer Zeit. Den Charme gibt es bestimmt, aber da sind auch noch die Menschen, die dort leben. Eine davon war mal Maja Iskra. Sie wuchs in der Gegend zwischen Donau und Belgrader Innenstadt auf. In den 90er Jahren, in denen der Zerfall Jugoslawiens das Schlechte nach oben spülte.

In solchen Zeiten den Kopf oben zu behalten und dem eigenen Kompass zu folgen, dafür braucht es eine besondere Moral. Maja Iskra hat eine solche. Die Trennlinie ist klar: »Ich teilte meine Mitschüler in zwei Kategorien: diejenigen, die geflüchtete Kinder erniedrigten. Und die, die es nicht taten.« Den inneren Kompass haben ihr Frauen mitgegeben. Die Oma, dank derer Maja Iskra nicht auf schlechte Menschen hereinfiel. Die Mutter, die Anstand, Würde und Mitgefühl vorlebte. Oder die Nachbarin, eine Antifaschistin, die sagt: »Kleine, wer als Kind Abschaum war, bleibt ein Leben lang Abschaum.«

Wenn sich der Abschaum in Maja Iskras Roman »Uppercut« mit der Ich-Erzählerin anlegt, hat er es mit einem Mädchen zu tun, das weiß, wie man kämpft. Dann kommt der harte Haken. Ab bekommen ihn alle, egal welchen Geschlechts, die andere demütigen, Streit suchen oder provozieren. Sie sind Arschlöcher, sie haben was auf die Fresse verdient. Angst steht hinten an. Der von Adrenalin getragene Rausch des Kampfes treibt zum Sieg.

Maja Iskra verbindet in »Uppercut« drei Themen der postjugoslawischen Gegenwartsliteratur: das Aufwachsen in den 90er Jahren in einer von Zusammenbruch und Krieg gezeichneten Gesellschaft, in der die früheren Werte nicht mehr zählen. Damit verbunden ist die fragile Rolle der Männer, symbolisiert in der Figur des Vaters. Hinzukommt die ambivalente Erfahrung der Diaspora, die Aufstieg, aber auch Verlust bedeutet. Iskra steht damit in einer Reihe mit Autorinnen wie Barbi Marković, Marko Dinić, Lana Bastašić oder auch Goran Vojnović. Sie waren in den 90ern Kinder, hatten nichts zu sagen und müssen doch mit dem Ballast jener Jahre leben.

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Iskra verhandelt diese Themen literarisch auf verschiedenen Zeitebenen. Die Ich-Erzählerin trifft sich in Wiener Kneipen und Kaffeehäusern mit Faris. Er kommt aus Bosnien und hasst Waffen, sie kommt aus Belgrad und liebt das Kämpfen. Sie nähern sich an, gemeinsame popkulturelle Erfahrungen verstärken die Bindung. Dabei wird auch die Frage nach Herkunft und Identität verhandelt. Fühlt sie sich Jugoslawien zugehörig? »Natürlich«, antwortet die Ich-Erzählerin selbstbewusst. Für Faris ist Jugoslawien »ein schmerzendes schwarzes Loch, unter dem Herzen«. Das Spannungsverhältnis von Selbstverortung, Heimat und Gefühlen wird so nicht aufgelöst, aber angezeigt.

Dazwischen wird ins Dorćol der 90er zurückgeblendet. Selbst unter den Kindern versuchen sich, wie im Rest der Gesellschaft, die Skrupellosen durchzusetzen. Schwächere werden gehänselt, getreten, bloßgestellt. Die Ich-Erzählerin findet dennoch immer wieder Gleichgesinnte – vor allem andere Mädchen. Mit ihnen knüpft sie Freundschaften, die halten, über Grenzen und Zeiten hinweg. Denn sie beruhen auf Zuneigung und dem Vertrauen, dass niemand der anderen etwas Böses will. Die Freundinnen gehen auf Entdeckungstour durch die Nachbarschaft. Ehemalige Industriebauten werden zu Spielplätzen: »Die Betonfabrik war unser Safe space.« Auf kindliche Art bringen sie das Zurückgelassene zurück ins gesellschaftliche Eigentum des untergegangenen sozialistischen Jugoslawiens.

Derweil ist der Vater der Erzählerin belesen und trunksüchtig, provozierend und bedrohlich. In einer Zeit, in der Männer zu Kriegern werden und zugleich nicht mehr in der Lage sind, ihre Familien zu ernähren, werden die Familienpatriarchen in Frage gestellt. Frauen werden zur Bedrohung. Eines Tages prügelt der Vater auf seine Tochter ein; noch während des NATO-Bombardements 1999 setzt er sie vor die Tür. Das Verhältnis ist zerbrochen. Erst allmählich nähern sie sich wieder an, vor allem, nachdem beim Vater Lungenkrebs diagnostiziert worden ist.

In »Uppercut« schreibt Maja Iskra von weiblicher Solidarität in einer bedrückenden Zeit. Sie bedient sich dabei einer schnoddrigen Straßensprache, inklusive Beleidigungen und Kraftausdrücken, zugleich knapp und präzise. Das gibt Tempo. Im Hintergrund der Handlung bleibt dabei eine andere wichtige Person: die Mutter. Schließlich waren es die Frauen, die die Familien durch die 90er brachten und dafür sorgten, dass nicht alles zusammenbrach. So wundert es nicht, wenn Jugendfreundin Zoja als Erwachsene der Ich-Erzählerin erklärt: »Deine Mutter ist die zauberhafteste Mutter aller Welten, ich schwör’s.« Dem kann niemand widersprechen.

→ Maja Iskra: Uppercut. Aus dem Serbischen von Mascha Dabić und Maja Iskra. Zsolnay-Verlag, Wien 2026, 160 Seiten, 23 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.09.2026, Seite 11, Feuilleton

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