-
1 Leserbrief
- → Thema
In leidender Stellung
Vom Scheitern eines antibürgerlichen Projekts: Vor 800 Jahren starb Franziskus von Assisi
Mit dem Bürger kam der Bürgerschreck. Es gibt kaum einen besseren Beleg für diese verblüffende Gleichzeitigkeit als die Geschichte des Franziskus von Assisi, der am 3. Oktober 1226 gestorben ist. Denn der Ordensgründer entstammte dem allerfrühesten Bürgertum, was indirekt schon sein Name anzeigt. Weil der Vater, Pietro di Bernardone, edle Stoffe aus Frankreich einführte und die Mutter eine Französin war, erhielt der Junge, der der Legende nach auf den Namen Giovanni Battista (Johannes der Täufer) getauft worden war, den Beinamen »Francesco«, der kleine Franzose. Sein Name verweist also auf eine der Routen der handelnden Klasse. Sein Eintritt ins religiöse Leben fiel mit seiner rabiaten Zurückweisung von überhaupt allem zusammen, was sie in Ehren hielt und hält: Erwerb, Besitz, Macht.
In Umbrien hatte sich in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, in den Jahrzehnten vor der Geburt des Franziskus (1181 oder 1182), eine bürgerliche Schicht aus Handwerkern, Beamten und Händlern gebildet. Unter dem Druck der monetären Ökonomie verloren die Feudalherren nach und nach ihre Macht. Zwar vereinigte die Kirche noch immer die stärkste Wirtschaftsmacht auf sich, doch der Aufstieg der Bourgeoisie war nicht mehr aufzuhalten. Schon hatten etliche italienische Städte das Joch von Kaiser und Papst abgeworfen: Die von Wohlhabenden verwalteten »Kommunen« entstanden.
In Assisi verlief diese Entwicklung dramatischer als anderswo. Kurz nach dem Tod von Kaiser Heinrich VI. im Jahr 1197 erhoben sich die Bürger der Stadt gegen die ortsansässige Garnison des deutschen Reichs, die vom Herzog von Spoleto, Konrad von Urslingen, befehligt wurde. Die Aufrührer gehörten zur aufstrebenden Klasse des »popolo«, sie waren Bürger des Städtchens, Männer wie der Vater von Franziskus. Es gelang ihnen, die Adeligen in den Nachbarort Perugia zu vertreiben.
Nun zog aber Perugia in den Krieg gegen Assisi, eien Krieg, in den auch Franziskus gezwungen wurde. Er nahm 1202 an der Schlacht bei Collestrada teil – hoch zu Ross, was ihm bei seiner Vorliebe für Ritterromane sogar gefallen haben könnte – und musste danach eine Kriegsgefangenschaft erdulden, aus der ihn nach einem Jahr ein Lösegeld des Vaters befreite. Das siegreiche Perugia erzwang die Rückkehr des Adels nach Assisi. Wer die Herrschaft am Ende erringen sollte – der Kaiser, der Papst oder die Bürger –, war zu diesem Zeitpunkt alles andere als klar. Gewiss war jedoch, dass es mit dem alten, starren, für manche auch beschaulichen Leben endgültig vorbei war. Neue Wirtschaftsformen, neue Handelsbeziehungen wälzten die Verhältnisse um.
Dass mitten in dieser stürmischen frühkapitalistischen Entwicklung ein »Poverello« – ein armes Männlein – radikale Besitzlosigkeit predigte, war in jeder Bedeutung des Wortes unerhört. Sein Versuch, der Geschichte in die Speichen zu greifen, konnte nicht gut gehen. Aber die sich über nur wenige Jahrzehnte erstreckende Gegengeschichte des Franziskus lässt sich nur spektakulär nennen.
Sakrale Performance
Spektakulär war allein schon der Akt, in dem Franziskus sich mit seiner begüterten Familie überwarf. (Vermutlich) Giotto hielt auf einem der prächtigen Fresken in der Basilika San Francesco von Assisi den »Verzicht auf Eigentum« (1298/1299) fest, den Franziskus 1207 vor dem Dom San Rufino bekundet hat. Nachdem ihn der Vater erst unter Hausarrest, dann vor Gericht gestellt hatte, übergab der Sohn ihm öffentlich nicht nur alles, was er noch besaß, sondern auch seine Kleider und stand zuletzt nackt vor der staunenden Menge, bis ihn Bischof Guido II. notdürftig bedeckte.
Mit einem kühnen, aber treffenden Anachronismus nannte der Kirchenhistoriker Helmut Feld diese Szene eine der ersten der »Performances« des Franziskus. Wie alle, die folgen sollten, hatte auch sie schon etwas von einer Imitatio Christi. Denn wie Jesus nackt am Kreuz hing, so wollte auch Franziskus nackt sein.
Es ging ihm dabei nicht um sich selbst. Er wollte gründen, er wollte missionieren, er wollte erlösen, und gerade die Lehrjahre im Kontor des Vaters waren ihm dafür die beste Vorbereitung. Obwohl der junge Mann sich als heilige Einfalt, »simplex et idiota«, gerierte, hatte er eine gründliche Erziehung genossen; das beweist der geschliffene Stil seiner lateinischen Schriften. Auch umgängliches Benehmen, diplomatisches Geschick und Führungskompetenz hatte er im väterlichen Handelshaus eingeübt.
Der Grund dafür, nicht ebenfalls Karriere im Tuchhandel machen zu wollen, ist wohl nicht ausschließlich darin zu suchen, dass ihn dieses Geschäft geistig unterfordert und wohl auch angeekelt hätte. Seine über eine lange Zeit gerade verlaufene Lebensbahn war von der einjährigen Kriegsgefangenschaft in Perugia brüsk unterbrochen worden. Sie muss dem sensiblen Jungen sehr zugesetzt haben. Aus der schmutzigen Zelle kroch er als kranker Mann; schon meldete sich das schwere Herzleiden, an dem er mit Mitte 40 sterben sollte.
Zuvor ein das Leben in vollen Zügen genießender Playboy, der sich bei Orgien von der Jeunesse dorée feiern ließ, wirkte er nun hin und wieder geistesabwesend. Er begann, fromme Reden zu halten, die manche empörten; man verlachte, man verprügelte ihn. Es kam auch vor, dass er aus einem Alkoholrausch in eine Ekstase fiel und von Visionen überwältigt wurde. Man darf mit einem seiner Biographen, André Vauchez, einen Fall von »schöpferischer Krankheit« vermuten. Einen ersten Höhepunkt erreichte sie im Jahr 1206, als Franziskus den Gekreuzigten sagen hörte: »Geh und bau meine Kirche wieder auf!«
Franziskus begann nun, zerfallene Kirchen zu restaurieren, und übte sich auch sonst in ein demütiges Leben ein – mal bettelte er, mal pflegte er Aussätzige. Doch das war alles noch nicht das Rechte für ihn, er suchte den großen Auftritt. So war der Moment, der über sein Leben und das vieler anderer entschied, die öffentliche Ablehnung der bürgerlichen Lebensweise und der Aufbau eines Aussteigerprojekts der freiwillig Armen, der »Minderbrüder«.
Obwohl er strenger war als sämtliche Sektierer vor ihm, brach er nicht mit der Institution. »Bau meine Kirche wieder auf!« Darunter verstand er zwar etwas völlig anderes als die mächtige Kurie, deren Erlaubnis er jedoch vor jeder seiner Entscheidungen einholte. Damit war die Axt an seinen Orden gelegt, der sich weder gegen die Kirche noch in ihr durchsetzen konnte. Der Orden lebte und starb mit seinem Gründer. Solange er lebte, sorgte seine charismatische, wenn auch erratische Erscheinung für das Fortbestehen seiner Außenseiterbande, der sich in Spitzenzeiten etwa 5.000 Personen angeschlossen hatten (auch Frauen, die aber nicht predigend umherzogen).
Gegen die Macht
Die ersten Brüder, die ihm zuliefen, Bernhard von Quintavalle und Petrus Catanii, waren beide ältliche Junggesellen, höhere Beamte aus vornehmen Familien. Von ihnen wie von allen, die ihm folgen wollten, verlangte Franziskus, alle Habe zu verkaufen und den Erlös den Armen zu spenden. Selbst die Lumpen, die die Brüder auf dem Leib trugen, galten als bloß geliehen. Zwar durften sie in ihren erlernten Handwerken arbeiten, aber für ihre Arbeit nur Lebensmittel, kein Geld annehmen. Mit Geld zu zahlen war einzig dann erlaubt, wenn ein Bruder ernsthaft krank geworden war.
Besitz, insbesondere Bodenbesitz, untersagte Franziskus strikt. In seinen vom Papst noch nicht genehmigten (bullierten) Regeln, den »Regula non bullata«, heißt es dazu: »Hüten sollen sich die Brüder, wo sie auch sein mögen, in Einsiedeleien oder an anderen Orten, sich den Ort anzueignen oder einem anderen streitig zu machen. Und mag zu ihnen kommen, wer da will, Freund oder Feind, Dieb oder Räuber, so soll er gütig aufgenommen werden.« (Übersetzung von Leonhard Lehmann) Er, der sein religiöses Leben mit der Restaurierung von Kirchen begonnen hatte, verbot es nun, neue zu errichten. »Bau meine Kirche wieder auf«, ja, aber nicht als Gebäude, nicht als Machtapparat.
Schon seit dem 11. Jahrhundert hatte die Idee von einem »apostolischen Leben«, also einem selbstlosen Missionieren nach Art der Apostel, an Popularität gewonnen. Doch wie Franziskus die »allerhöchste Armut« praktizierte, war neu. Die Hausfrauen verrammelten Fenster und Türen, wenn seine zerlumpten Gefährten ins Dorf kamen, man hielt sie für Landstreicher, Rabauken oder Waldschrate.
Das Leben der ersten Minderbrüder wird heute gewöhnlich in ein mildes Licht getaucht. Nicht nur Roberto Rossellinis bezaubernder Spielfilm »Francesco, giullare di Dio« (»Franziskus, der Gaukler Gottes«, 1950) zeichnet sie als sanfte Anarchisten, begnadete Narren. Tatsächlich führte Franziskus ein strenges Regiment. Zwar kein brutaler Pope wie Schenute von Atripe (348–466), der seine Mönche unentwegt mit dem Stock traktierte und sie sogar zu Terrorakten anstiftete, blieb er trotz seines zurückhaltenden, zarten Wesens in allem Entscheidenden unerbittlich.
Was das Gefüge der ständischen Ordnung betrifft, war er ein Umstürzler. Der Theologe Michael F. Cusato vermutet sogar, nicht die Armut, sondern die »Zurückweisung der Macht« sei der oberste Wert der frühen Franziskaner gewesen. Leitend war die Überzeugung, alle Menschen (und, wie sich noch zeigen sollte, alle Wesen) seien gleich. Das galt auch für den Orden selbst. In einer groben Arbeitsteilung gab es in ihm Prediger, Beter und Arbeiter. Doch ergab sich daraus keine Rangordnung. Es dürfe, ordnete Franziskus an, keiner der Brüder »›Prior‹ (Oberer) genannt werden, sondern alle sollen schlechthin ›Mindere Brüder‹ heißen. Und einer wasche des anderen Füße«, wie es Jesus beim Letzten Abendmahl getan hat. Der Herr wird zum Diener.
Gegenüber den »Ministern« (Dienern), die andere anleiteten, bestand ein Recht zur Befehlsverweigerung: »Wenn aber (einer der Minister) einem der Brüder etwas gegen unser Leben oder gegen dessen Seele befehlen sollte, dann ist der Bruder nicht verpflichtet, ihm zu gehorchen. Denn das ist nicht Gehorsam, wenn dabei ein Vergehen oder eine Sünde begangen wird.« Franziskus zeigte sich damit vor 800 Jahren fortschrittlicher als der aktuelle Kriegsminister der USA, Pete Hegseth.
Hatten die Päpste die von Petrus Valdes gegründete Laienbewegung der Waldenser, der »Armen von Lyon«, noch gewaltsam unterdrückt, kamen sie – erst Innozenz III., dann Honorius III. – Franziskus ungewöhnlich weit entgegen. Sie erlaubten es sogar, dass seine Laien predigen durften. Doch das hatte Kardinal Hugolino von Ostia, der spätere Gregor IX., alles von langer Hand geplant. Einerseits wollte man dem Reformbedürfnis in der Bevölkerung entsprechen, andererseits den Orden kassieren.
Kaum war Franziskus gestorben, erklärte die Kurie sein »Testament«, in dem er die Grundgedanken seiner Lehre bekräftigt, für nicht bindend. Man gliederte die Franziskaner in die Hierarchie ein, erhob Anspruch auf Boden, errichtete Kirchen auf ihm, klitterte die Biographie des Franziskus und zum Hohn sprach man ihn 1228, bereits zwei Jahre nach seinem Tod, heilig. Knapp hundert Jahre später, am 12. November 1323, erklärte Papst Johannes XXII. die Lehre, Jesus und seine Apostel seien besitzlos gewesen, für Ketzerei.
Diese schamlose Vereinnahmung des Franziskanerordens wird zu Recht angeprangert. Doch folgte sie drei Notwendigkeiten. Erstens strebt jede Macht danach, sich selbst zu erhalten. Die Regeln des Franziskus hätten aber in einer Zeit heftiger Rivalität zwischen Kirche und Kaiser zu einer Dezentralisierung des klerikalen Apparats und damit zu seiner Schwächung geführt. Zweitens war das Sozialmodell der armen Brüder nicht funktionsfähig. Vauchez übertreibt zwar, wenn er schreibt: »Ohne Geld und Güter in Gemeinschaft leben zu wollen, war ein Wahnsinnsunternehmen.« Aber wie die Geschichte utopischer Landkommunen lehrt, ist es auf Dauer nahezu unmöglich, sich von der Welt der Ausbeuter und Unterdrücker abzuschotten. Drittens wollte Franziskus sich gar nicht abschotten, er wollte in die Welt, jedoch nicht, um sie zu befreien, sondern um sie zu »erlösen« – und Erlösung zeigt sich dem nüchternen Blick meist als Auflösung. »Some people wanna die / So they can be free«, fasste Prince das Paradox in seinem theologischen Hauptwerk »Controversy« (1981) bündig zusammen. Das berührt den schwierigsten, aber auch bizarrsten und interessantesten Teil der franziskanischen Lehre.
Mit Gott schwanger
Seitdem die Figur des Franziskus im 19. Jahrhundert wiederentdeckt wurde, steht sie emblematisch für eine innige Nähe zur Natur. Äußerte der Mann vor seiner Bekehrung kein sonderliches Interesse an der lieblichen Landschaft Umbriens, glaubte er nachher, sie sei – um eine Formulierung der Mystikerin Angela von Foligno (1248–1309) zu gebrauchen – »mit Gott schwanger«. Franziskus predigte den Vögeln, die ihm brav lauschten, teilte sein karges Mahl mit ihnen, zähmte einen Wolf, rettete Schafe vor dem Schlachter, lobte die Fische, tadelte ein mörderisches Mutterschwein, erfreute sich an der Musik der Grillen und entbot selbst dem scheinbar Unbelebten seinen Friedensgruß.
Er kniete vor der Schöpfung. Schönstes Zeugnis davon ist sein kurz vor seinem Tod in umbrischem Dialekt geschriebener »Sonnengesang«. Von »Herrn Bruder Sonne« bis zu »Schwester leiblicher Tod« besingt er erst die Erscheinungen des Himmels, dann die vier Elemente der Erde und schließlich ihr Erlöschen. Anders als im 148. Psalm, dessen Vorbild der Gesang folgt, kommt die Spezies Mensch in dieser Kosmologie kaum vor. Von Homo sapiens heißt es lediglich knapp, er sei »nicht würdig«, Gott beim Namen zu nennen.
Mit seiner posthumanistischen Weltsicht verkehrte Franziskus die Lehre etwa der Katharer, alles Irdische sei von Übel, in ihr Gegenteil. Doch sollte das nicht mit einem Pantheismus oder einem Ferienprospekt der Naturfreunde verwechselt werden. Denn die scheinbare Harmonie seines Universums ist bereits gestört von einem, der sich nicht mehr nahtlos in den Zusammenhang fügen will oder kann – vom Betrachter selbst. Dass es einen Betrachter gibt, also einen, der sich von allen andern Wesen unterscheidet, weil er sie – und sei es im Knien – überblickt, deutet bereits auf eine heilsgeschichtliche Schieflage.
Den Punkt umkreist Franziskus im fünften Kapitel seiner »Ermahnungen«. Alle Geschöpfe, heißt es da, »dienen ihrem Schöpfer, erkennen ihn und gehorchen ihm ihrem Wesen nach besser als du« (und mit »du« meinte er wohl auch sich selbst). Alle Wissenschaften, alle Künste, »Sprachen auszulegen und himmlische Dinge scharfsinnig zu erforschen«, entfernten den Menschen nur vom Wichtigen, ja, »ein einziger böser Geist hat von den himmlischen Dingen mehr gewusst und weiß jetzt noch mehr von den irdischen Dingen als alle Menschen«. Es ist übrigens eine Besonderheit im Denken von Franziskus, dass er dem Bösen eine eschatologische Funktion zuweist und es so in sein System einwebt. So wie es Judas hat geben müssen, damit Jesus verraten wird, stirbt und in den Himmel fährt, so muss es das Böse und den Tod geben, damit es Sühne und Auferstehung geben kann.
Das ist spitzfindiger, als man es diesem angeblichen Gottesnarren zutraut. Es quälte ihn, ein Betrachter, ein Besonderer und nicht einer der »Armen im Geiste« zu sein, denen, wie es in der Bergpredigt heißt, das Himmelreich gehört. »Armut am Geiste«, schreibt Georg Lukács, »ist: sich von der eignen psychologischen Bedingtheit freizumachen, um sich der tiefer eignen, metaphysischen und metapsychischen Notwendigkeit preiszugeben. Sich aufzugeben, um dadurch das Werk, das von mir aus gesehn nur zufällig mir gehört, wodurch aber ich mir selber notwendig werde, zu realisieren.« (»Die Seele und die Formen«, 1911)
Identificatio Christi
Sich aufzugeben, um über ein Werk oder eine Tat zur Notwendigkeit zu gelangen, hieß für Franziskus, sich zu demütigen, nämlich den »Spuren der Niedrigkeit Christi zu folgen«. Eine »wahre Freude« sei es für ihn, wenn ihn beispielsweise in bitterkalter Winternacht seine eigenen Brüder von der Tür wiesen, diktierte er einem schockierten Gefährten. In Franziskus’ Selbstdemütigung liegt aber ein lästerlicher Widerspruch: Dieser Sünder erniedrigte sich, um gottgleich zu werden. Kein anderer Heiliger des Mittelalters wurde wie er schon von den Zeitgenossen als der »andere Christus« gerühmt. Der Christus ist hier allerdings kein strahlender Gott, sondern einer, der leidet und stirbt. Wer wie er leidet und stirbt, nähert sich der Erlösung, von der die – wie Paulus im »Römerbrief« (8,22) schreibt – »seufzende und in Wehen liegende« Schöpfung immer nur der Vorschein sein kann.
Der Versuch des Armen von Assisi, Jesus nachzufolgen, zieht sich durch seine gesamte geistliche Karriere. Er zeigte sich nackt, er ritt wie sein Vorgänger auf Mauleseln, er predigte, er rettete, er pflegte. Geradezu unheimlich wurde diese Identificatio Christi an einem Herbsttag des Jahres 1224, als an seinem todkranken Körper sich die Wundmale Christi zeigten. Angeblich geschah das am 14. September, dem Fest der Kreuzerhöhung, auf dem Hochplateau des Alverna im Apennin. Franziskus, von langem Fasten erschöpft, sah in einer ekstatischen Vision einen überirdisch schönen Seraphen mit sechs Flügeln. Da diese engelhafte Gestalt erschreckenderweise gekreuzigt war, kann sie für Christus gehalten werden (ist aber auch für Luzifer gehalten worden). Danach hätten sich die fünf Stigmata an seinem Leib ausgeprägt.
Nicht unwichtig für die Geschichte ist, dass Franziskus auf dem Alverna über der Bibel meditierte, sich auf die Passion Christi bezog und Pergamente beschrieb. Ganz gleich, ob der seinen »Bruder Esel«, das heißt seinen Körper, unerbittlich quälende Mann sich die Wunden selbst beigebracht hat oder nicht, schrieb er sich an diesem Tag endgültig in die leidende Stellung seines Gottes ein. Er wusste, dass er den Orden bereits verloren hatte und das Leben bald verlieren sollte.
Geschwächt war er 1220 von seiner Reise nach Ägypten zurückgekehrt, wo er mit dem Sultan Al-Kamil eine gelehrte Unterredung hatte; der Sultan zog es dennoch vor, Muslim zu bleiben. Schon rüstete sich der wohl auch an Malaria erkrankte Franziskus für das große Schlussbild. Er wollte mit den Gefährten ein rituelles Abendmahl einnehmen und nackt auf dem Boden liegend seine Seele aushauchen. Es war die letzte Performance des Poverello.
In einer Zeit, in der das Bürgertum gerade erst im Entstehen war, besaß Franziskus von Assisi bereits alles, was den guten Antibürger auszeichnet: einen Sinn fürs Ganze, Enthusiasmus, Unbestechlichkeit, Widerspruchsgeist. Er kämpfte für die Ideale, die die bürgerliche Revolution erst ausgerufen, dann mit Füßen getreten hat: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Es war aber auch schon alles an ihm, was einem die Bürgerfeinde mitunter verleidet: Weltfremdheit, hippiehafter Antiintellektualismus, Prinzipienreiterei, eine Neigung zum Obskurantismus und zu jenen grellen Auftritten, für die wir vielleicht nicht immer den nötigen Humor mitbringen.
→ Stefan Ripplinger schrieb an dieser Stelle zuletzt am 3. Juli 2026 über die Suche US-amerikanischer Künstler nach einer eigenen Ästhetik: »Maschinen im Raum«
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
-
Doris Prato 5. Okt. 2026 um 15:28 UhrDas ist ja nun etwas schöngefärbt, erfasst nicht die reaktionären Seiten dieses Kirchenlehrers. Der von ihm gegründete Orden der Franziskaner bildete 1230 im Herrschaftsgebiet der Deutschordensritter eine Niederlassung in Riga und trug die Christianisierung/Eroberung der Ostgebiete durch den Deutschen Ritterorden, die unter dem Motto »Taufe oder Tod« erfolgte, mit. Franz von Assisi lehrte, der Mensch müsse dahin gebracht werden, »alle Leiden und Kränkungen, und Ungerechtigkeiten und Demütigungen mit Geduld und Gleichmut zu ertragen«, um »keine Kritik an der offiziellen Kirche und ihrer Hierarchie« zuzulassen, sondern die Loyalität »gegenüber dem päpstlichen Stuhl« zu sichern (J. R. Grigulevic: Ketzer – Hexen – Inquisitoren, Bd. 1, Berlin/DDR 1980, S. 96ff.). Seit dem 13. Jahrhundert beteiligten sich die Franziskaner auch an der Verurteilung von Häretikern im Rahmen der Inquisition (Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums, Bd. 7, Hamburg 2002, S. 331). Der Orden unterdrückte auch den Aufruhr in den eigenen Reihen, »mit größter Grausamkeit« (Grigulevic, S. 98). Der Kirchenhistoriker Volker Leppin (u.a. von 2008 bis 2021 wissenschaftlicher Leiter des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen) kritisierte, dass der Heilige Franziskus »in Italien instrumentalisiert wird«. »Domradio« gab am 9. Mai die FAZ wieder, in der er sagte, die aktuelle Franziskus-Verehrung sei »eine politische Instrumentalisierung des Heiligen von Assisi«. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni mache ihn zur Identifikationsfigur italienischer Einheit. Die Einführung des 4. Oktober als offizieller Feiertag sei »ein Baustein in Giorgia Melonis Versuch, das Land hinter sich zu einen«. Leppin zog »eine direkte Linie zum italienischen Faschismus« und verwies darauf, dass Meloni an Mussolini anknüpfe, der den Franziskaner zu dessen 700. Todestag als nationale Ikone neben Dante, Kolumbus und Leonardo da Vinci inszeniert hatte. Lepin beschrieb das Franziskusbild der Gegenwart als vielfach überformte Figur. Der Heilige erscheine heute als Friedensapostel, Umweltfreund und freundlicher Tierliebhaber. Historisch sei das Bild jedoch deutlich widersprüchlicher. Der Franziskaner habe seinen Mitmenschen »mit aller Wucht Gottes Drohungen« entgegengeschleudert.
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
