Wegbereiter des Zerfalls
In Jugoslawien nahmen in den 1980er Jahren nationalistische Tendenzen zu. Dazu trug auch das »SANU-Memorandum« vor 40 Jahren bei
Nur gemeinsam ist man stark. Diese Erkenntnis war leitend für Jugoslawien. Was das bedeutet, erklärt der unter seinem Künstlernamen bekannt gewordene Schauspieler Branko Kockica in einer Episode seiner Kindersendung »Kocka, kocka, kockica« einer Schar Mädchen und Jungen in typischen jugoslawischen Trachten. Als Beispiel für diese Lektion dienen ihm acht zusammengebundene Stöckchen. Das Bündel können die Kinder trotz aller Mühe nicht durchbrechen. Das ist einzeln anders: Dann werden die Stöcke, die die sechs Republiken Slowenien, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Serbien, Montenegro und Mazedonien sowie die zwei autonomen, aber zu Serbien gehörenden Provinzen Kosovo und Vojvodina symbolisieren, mit Leichtigkeit zerteilt.
Was Kockica in dem nicht einmal vier Minuten langen Beitrag den jungen Zuschauern nahebringt, ist exakt jene Erfahrung, die zum Zusammenschluss der einzeln schwachen südslawischen Länder führte. War das Königreich Jugoslawien aus den Trümmern des Ersten Weltkrieges entstanden, um sich gegen Ansprüche der Nachbarländer zu wehren, erwuchs mit dem zweiten, nun sozialistischen jugoslawischen Staat ein eigenständiger politischer Akteur, dessen Relevanz weit über die Region hinausreichte. Begründet auf dem erfolgreichen antifaschistischen Befreiungskampf und der damit einhergehenden sozialen Revolution sollten die Völker gleichberechtigt sein. Die Losung »Brüderlichkeit und Einheit«, die auf Serbokroatisch »Bratstvo i jedinstvo« heißt, wurde zum innenpolitischen Leitmotiv, das indes nie gänzlich eingelöst wurde.
Wohlstandschauvinismus
Vor allem mit der fortschreitenden Krise der jugoslawischen Gesellschaft ab den 1970er Jahren wurde diese aus dem antifaschistischen Partisanenkampf stammende Leitparole von verschiedenen Seiten in Frage gestellt. Die einzelnen Nationen wurden infolge von Konflikten um knapper werdende Ressourcen immer mehr zum Bezugsrahmen. Dabei ging es nicht um die auch in Jugoslawien gepflegte, jeweils national eingefärbte Folklore, die sich etwa in den verschiedenen Trachten zeigte. Vielmehr schufen Intellektuelle neue Formen des Nationalismus. Erste derartige Anwandlungen waren bereits in den 1960er Jahren zu beobachten. Dabei zeigte sich ein Wohlstandschauvinismus, der im sogenannten kroatischen Frühling einen Ausdruck fand. Intellektuelle und Politiker des regierenden Bundes der Kommunisten Kroatiens klagten darüber, dass die reicheren Republiken für die Entwicklung der armen Landesteile aufkommen mussten. Damit war im Jahr 1971 Schluss, nachdem Tito sich von der Strömung distanzierte und sie damit vorerst ins politische Abseits stellte.
In den 1980er Jahren verschärfte sich die Krise wieder. Jugoslawien war durch internationale Kredite hoch verschuldet. Der Staat setzte auf Kürzungen, wodurch seine Institutionen an Legitimation verloren. In Belgrad wurde in dieser Zeit die sozioökonomische Frage mit der nationalen verknüpft. Das ging von der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Srpska akademija nauka i umetnosti, SANU) aus. Die Einrichtung war seit dem 19. Jahrhundert eine Autorität. Im Jahr 1985 entschlossen sich führende Persönlichkeiten der SANU dazu, in einem Papier die Lage in Jugoslawien und der Republik Serbien zu analysieren. 16 Akademiemitglieder beteiligten sich an der Erstellung des »Memorandums«. Bevor es offiziell herausgegeben werden konnte, wurde eine Arbeitsfassung am 24. und 25. November in der in Belgrad erscheinenden Zeitung Večernje novosti in Auszügen veröffentlicht.
Das Memorandum bestand aus zwei Abschnitten mit insgesamt zehn Punkten. Der erste Teil analysierte die Krise in der jugoslawischen Wirtschaft und Gesellschaft, die im zweiten Abschnitt zum »Status Serbiens und der serbischen Nation« nationalistisch gewendet wurde. Dabei wurde eine antiserbische Verschwörung vonseiten der Kommunistischen Partei unterstellt, die bis in die 1920er Jahre zurückreiche. Kroatische und slowenische Kommunisten, darunter der ehemalige Präsident Tito – ein Kroate –, hätten gegen Serbien agitiert. Das habe sich unter anderem daran gezeigt, dass die serbische Wirtschaft daran gehindert worden wäre, zu wachsen, weil man Geld in den Fonds für die Entwicklung der Unterentwickelten habe einzahlen müssen. Zugleich sei der Republik Serbien der Zugriff auf die autonomen Provinzen Vojvodina und Kosovo verwehrt worden – schlimmer noch, diese könnten Entscheidungen in Belgrad blockieren, hätten somit eigentlich die Macht, lautete die Argumentation.
Nationale Perspektive
Damit wurden drei Themen in die Diskussion eingebracht und verbunden. Erstens die bereits erwähnte Frage der Kontrolle der Ressourcen. Zweitens die aus Sicht des Memorandums für Serbien unvorteilhafte Gliederung in Republiken und Provinzen, wodurch das serbische Volk auf mehrere Staatsteile zerstreut sei, also keine staatliche Einheit bilde. Das befördere nicht nur die wirtschaftliche Schlechterstellung, auch seien Serben im Kosovo wegen der Spannungen infolge des Erstarkens der dortigen albanischen nationalistischen Bestrebungen einem Völkermord ausgesetzt. Drittens warfen die Autoren die Frage der Demokratie auf, wobei sie diese als bürgerliche verstanden und nur auf die eigene Volksgruppe beschränkt sahen. Mit diesen drei Kritiken wurde nicht nur die aus dem antifaschistischen Widerstand entstandene Nachkriegsordnung mitsamt der führenden Rolle der Kommunisten, sondern das sozialistische Jugoslawien als Ganzes in Frage gestellt.
Die Historikerin Olivera Milosavljević übt in ihren Arbeiten scharfe Kritik an dem SANU‑Memorandum: »Die Betrachtung der gesamten sozialen und ökonomischen Krise nur aus der serbischen nationalen Optik ließ die Wahrnehmung ihrer Ausstrahlung auch auf die Lage anderer und besonders der Gesamtheit nicht zu«, schrieb die 2015 verstorbene Professorin. Zwar wurde die Akademie nach der ungeplanten Veröffentlichung des Papiers von vielen Seiten angegangen, doch war die Büchse der Pandora geöffnet. So erschienen nur wenige Monate später in der slowenischen Zeitschrift Neue Revue die »Beiträge für ein slowenisches Nationalprogramm«.
Mit dem SANU-Memorandum war dem serbischen Nationalismus ein intellektueller Überbau gegeben. Die Akademie selbst bekannte sich zwar nie zu dem Papier – distanzieren wollte sie sich aber auch nicht. Zugleich stellten sich eine Vielzahl ihrer Mitglieder hinter die Aussagen und ergriffen Partei für nationalistische Positionen. Damit waren sie Teil des »Prozesses der nationalen Homogenisierung der Serben in Jugoslawien«, wie es Milosavljević formulierte. Bis heute wirken die damals gesetzten Bilder nach, sei es in der Vorstellung einer gegen Serbien gerichteten Verschwörung, der Erzählung über die Serben als Opfervolk – wobei Kroaten, Bosnier und Albaner die Feinde sind – oder der antikommunistischen Behauptung, Jugoslawien sei ein Irrtum gewesen. Von der blutigen Zerschlagung des Vielvölkerstaats profitierten schließlich diejenigen, die sich als größte Nationalisten aufspielten, während die Mehrheit der Bevölkerung verarmte und heute inländischem und internationalem Kapital oftmals fast völlig rechtlos ausgeliefert ist.
Viele der Probleme, unter denen die serbische Nation leidet, sind auf Umstände zurückzuführen, die allen jugoslawischen Nationen gemeinsam sind. Das serbische Volk wird allerdings von weiteren Nöten heimgesucht. Der langjährige Rückstand Serbiens in der wirtschaftlichen Entwicklung, die ungeregelten rechtlichen Beziehungen zu Jugoslawien und den Provinzen sowie der Genozid im Kosovo sind mit einer geballten Wucht auf die politische Bühne getreten, die die Lage angespannt, wenn nicht gar explosiv macht. Diese drei schmerzhaften Probleme, die aus der langjährigen Politik gegenüber Serbien resultieren, sind so dramatisch, dass sie nicht nur das serbische Volk, sondern die Stabilität des gesamten Landes bedrohen. Aus diesem Grund muss ihnen die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt werden. (…)
Die anhaltende Diskriminierung der serbischen Wirtschaft in der Nachkriegszeit lässt sich nicht vollständig erklären, wenn man nicht die Beziehungen zwischen den jugoslawischen Nationen in der Zwischenkriegszeit in den Blick nimmt, wie sie von der Kommunistischen Partei Jugoslawiens gesehen und bewertet wurden. Diese Ansichten wurden entscheidend von der mächtigen Komintern beeinflusst, die danach strebte, ihre eigenen strategischen und taktischen Ziele auf internationaler Ebene zu erreichen, und darauf abzielte, Jugoslawien zu zerschlagen. Eine derartige Politik, deren ideologische Grundlage in der Unterscheidung zwischen der »unterdrückenden« Nation der Serben und den anderen »unterdrückten« Nationen lag, ist ein drastisches Beispiel dafür, wie marxistische Lehren über die Klassenunterschiede innerhalb jeder Nation von pragmatischen Erwägungen in den Hintergrund gedrängt wurden, die in der Absicht, Spannungen zwischen den Volksgruppen auszunutzen, den Klasseninternationalismus an den Rand drängten.
→Auszug aus dem Memorandum der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste (SANU)
Nationalistische Grundsteinlegung
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