Geschöpf des Westens
Machtübernahme der Taliban vor fünf Jahren
Vor fast genau fünf Jahren – am 15. August 2021 – übernahmen die Taliban nach zwanzigjährigem Aufstand wieder die Macht in Afghanistan. Es dauerte nicht lange, da ertönten schon die ersten Rufe nach einer Wiederholung der so kläglich gescheiterten NATO-Besatzung am Hindukusch. Die Unterdrückung der Frau oder auch die Herrschaft der Scharia müssten beendet werden. Solche Forderungen offenbaren wieder einmal die Doppelmoral der »liberalen Wertegemeinschaft«. Ja, die afghanischen Frauen sind in vielerlei Hinsicht entrechtet. Ja, es gilt eine Form des islamischen Rechts. Doch das sieht am Persischen Golf hinter all dem Glanz nicht sehr viel anders aus, und trotzdem sind die arabischen Fürsten beliebte Businesspartner des Westens, zum Beispiel als Großkunden von europäischen und US-Waffenschmieden.
Ginge es proimperialistischen NGOs und prowestlichen Exilafghanen wirklich um das Schicksal der Frauen, müssten sie zuerst die Aufhebung aller Strafmaßnahmen gegen das verarmte Land fordern. Die US-Regierung hatte nach ihrem hastigen Abzug das Auslandsvermögen der afghanischen Zentralbank eingefroren – mehrere Milliarden Dollar, die auf Schweizer und US-Konten liegen, statt für den Aufbau der afghanischen Wirtschaft verwendet zu werden. Dabei wäre doch eben jener Aufbau die Grundbedingung für jede soziale Veränderung. Wie kann das afghanische Volk für mehr Rechte kämpfen, wenn es kurz vor dem Hungertod steht? Wie sollen ohne Handel und Industrie ein urbanes Kleinbürgertum und eine organisierte Arbeiterklasse entstehen, die allein Träger von gesellschaftlichem Fortschritt sein könnten? Imperialistische Einmischung verbessert das Leben der Menschen jedenfalls nicht. Im Gegenteil: Wer es wissen will, kann erfahren, dass die afghanische Gesellschaft in den 60er und 70er Jahren schon sehr viel weiter war als heute. Es waren westliche Geheimdienste, die die fundamentalistische Opposition gegen die Demokratische Republik bewaffneten und Zigtausende arabische Dschihadisten – darunter einen Osama bin Laden – in das Land einschleusten. Die CIA-gesponserten Islamisten schalteten in der Folge alle fortschrittlichen Kräfte in Afghanistan aus, bevor sie in den 1990ern übereinander herfielen. Der Sieg der Taliban 1996 war ebenso ein Ergebnis der imperialistischen Einmischung wie ihr erneuter Sieg 2021.
Das führt zu einem letzten Aspekt, der in der Afghanistan-Frage unterbelichtet bleibt: Es sind nicht die Taliban, die andere Staatsoberhäupter entführen oder ermorden. Sie begehen keinen Völkermord, rauben kein fremdes Land und unterhalten keine Militärbasen im Ausland. Wer Maßnahmen gegen die Taliban-Regierung befürwortet, aber über einen Boykott Israels und den Abzug aller US-Truppen aus Westasien nicht sprechen mag, macht sich wieder einmal zum nützlichen Idioten des westlichen Imperialismus. Dem afghanischen Volk hilft er so nicht.
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