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Aus: Ausgabe vom 07.03.2026, Seite 6 / Ausland
Pakistan und Afghanistan

Vom Schwelbrand zum Luftkrieg

Nach pakistanischen Luftangriffen befindet man sich mit Afghanistan in »offenem Krieg«. Es geht um den Grenzverlauf und regionale Machtambitionen
Von Satyajeet Malik
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Zum zweiten Mal in fünf Monaten geraten afghanische Dörfer zwischen die Fronten (Nangahar, 22.2.2026)

Seit die pakistanische Luftwaffe vergangene Woche mit Angriffen auf Ziele der Taliban begonnen hat, befinden sich Pakistan und Afghanistan im offenen Krieg. Am vergangenen Freitag begann Pakistan die Operation »Ghasab Lil-Hak« (Gerechter Zorn) gegen die ehemaligen verbündeten afghanischen Taliban; Luftangriffe wurden gegen wichtige Städte wie Kabul und Kandahar sowie den Luftwaffenstützpunkt Bagram durchgeführt. Pakistan begründet das Vorgehen mit »unprovozierten Schüssen« der Taliban jenseits der Grenze. »Unsere Geduld ist am Ende«, sagte Pakistans Verteidigungsminister Khawaja Asif, »jetzt herrscht offener Krieg zwischen uns.«

Eigentlich begann die aktuelle Eskalation bereits mit pakistanischen Angriffen auf afghanisches Territorium am 21. Februar, die sich gegen »Lager und Verstecke von Terroristen« richteten. Gemeint war die militante Gruppe Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP), ein Ableger der afghanischen Taliban, der 2007 während des »War on Terror« gebildet wurde. Die Regierung begründete die Angriffe mit den jüngsten Anschlägen in Pakistan, darunter Suizidattentate auf eine schiitische Moschee in der Hauptstadt Islamabad und an weiteren Orten. Diese sollen von afghanischem Territorium ausgegangen sein.

In Reaktion griff Afghanistan in der Nacht des 26. Februar pakistanische Militärkontrollpunkte entlang der gemeinsamen Grenze an. Wenige Stunden darauf folgten die pakistanischen Luftangriffe. Nach Angaben aus Islamabad wurden bis zum 1. März 415 Kämpfer der Taliban getötet und über 580 verletzt. Kabul hingegen behauptet, es seien 110 pakistanische Soldaten getötet und 27 Posten des pakistanischen Militärs eingenommen worden.

Es ist der zweite offene Konflikt zwischen den beiden Ländern in nur fünf Monaten. Im Oktober vergangenen Jahres erlitten beide Seiten schwere Verluste, nachdem Pakistan mehrere Luftangriffe in Afghanistan durchgeführt hatte, die laut eigenen Angaben ausschließlich gegen terroristische Ziele gerichtet waren. Auch damals ging es um eine Welle von großteils von den TTP verübten Anschlägen in Pakistan. Islamabad wirft Kabul vor, die TTP zu unterstützen und ihr die Vorbereitung und Durchführung der Anschläge zu ermöglichen. Demnach nutze Afghanistan die Gruppierung als Stellvertreter im Konflikt um die sogenannte Durand-Linie, die die Grenze zwischen den Ländern bildet.

Kabul erkennt diese nicht an und sieht sie als Ergebnis eines Abkommens, das 1893 zwischen dem damaligen Herrscher Afghanistans und Britisch-Indien unter Zwang unterzeichnet wurde und daher illegitim sei. Die »tatsächliche« Grenze verlaufe viel weiter östlich, beinahe am Fluss Indus, der mitten in ­Pakistan liegt.

Zudem dürfte die aktuelle regionale Interessenlage eine Rolle spielen. So beschuldigt einerseits Islamabad die Taliban, als Stellvertreter Indiens zu fungieren. Asif warf Neu-Delhi vor einer Woche vor, »einen Krieg geringer Intensität mit Pakistan zu führen. Um dies zu erreichen, nutzen sie Kabul.« Randhir Jaiswal, Sprecher des indischen Außenministeriums, wies dies als »weiteren Versuch Pakistans, seine internen Versäumnisse zu externalisieren« zurück. Allerdings haben sich die Beziehungen zwischen Indien und den Taliban im vergangenen Jahr tatsächlich deutlich verbessert – so sehr, dass im Januar ein Diplomat der Taliban die Leitung der afghanischen Botschaft in Neu-Delhi übernehmen konnte.

Andererseits glaubt man in Kabul, dass Pakistan sich von den Vereinigten Staaten zu den Militärangriffen hat anstiften lassen. Der afghanische Journalist Bilal Sarwary beispielsweise sprach von einem »beunruhigenden Muster«, nachdem sich die militärischen Spannungen immer dann verschärfen würden, wenn pakistanische Führungskräfte engeren Kontakt zu Washington unterhalten – wie beim kürzlichen Besuch von Premierminister Shehbaz Sharif bei Trumps »Friedensrat«. Auch wird spekuliert, dass Pakistan als einer der sogenannten NATO-»Partner weltweit« Druck auf die Taliban ausüben soll, nachdem US-Präsident Donald Trump im vergangenen Jahr die Forderung erhoben hatte, den im Afghanistan-Krieg vom US-Militär genutzten Luftwaffenstützpunkt Bagram wieder unter Washingtons Kontrolle zu stellen. Auch könnte der Konflikt der belutschischen Separatistenbewegung in Pakistan Auftrieb verschaffen – was sich wiederum auf den Iran auswirken könnte, wo etwa eine Million Belutschen leben.

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